Amanal
Nach gut 25 Kilometern verschärft Petros an einer Steigung das Tempo und sprengt die Spitzengruppe. Keiner kann ihm folgen. Auf den letzten beiden Kilometern kann er den Sieg bereits genießen. Nach 2:09:11 Stunden läuft er ins Ziel - so schnell war noch kein Marathonläufer bei einer EM.
"Mein Ziel war, früh alles klar zu machen", sagte Petros. "Das hat super geklappt." Dass der Italiener Pietro Riva am Ende nur sieben Sekunden hinter ihm lag, spiegelte die Souveränität des Sieges kaum wider. "Ich hatte alles im Griff", freute sich Petros.
Wegen Problemen bei der Einreise ins Vereinigte Königreich war Petros erst am Samstag, einen Tag vor dem Rennen, in Birmingham angekommen. Medienberichten zufolge gab es Schwierigkeiten mit seiner elektronischen Einreisegenehmigung. "Es hat sehr, sehr lange gedauert, es war furchtbar. Zwei Tage lang waren wir unterwegs, hin und her", erzählte er. Der Deutsche Leichtathletik-Verband half dabei, die Probleme zu klären.
Einen Tag später warteten acht Runden auf einem welligen Kurs mit Anstiegen und zahlreichen Kurven. Petros hatte sich monatelang in der Höhe von Kenia auf die EM vorbereitet. "
Die Strecke hinterließ trotzdem Spuren beim Langstreckenläufer, der seit 2017 Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr ist. "Es tut überall weh. Ich glaube, ich muss jetzt gleich zum Physio. Die Gelenke tun richtig weh", sagte Petros.
Seine Mutter lebt mehr als 5000 Kilometer entfernt in der äthiopischen Region Tigray.
Petros wurde 1995 in der eritreischen Hafenstadt Assab geboren. Als kleines Kind floh er mit seiner Familie vor dem Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien nach Tigray im Norden Äthiopiens.
Mit 16 Jahren verließ Petros Äthiopien allein. Anfang 2012 kam er nach Deutschland und wurde zunächst in Bielefeld als Asylbewerber untergebracht.
Ende 2021 hatte Petros wegen des Konflikts in der Region mehr als zwei Monaten keinen Kontakt zu ihnen. "Es ist sehr schwer", sagte er damals der DW. "Manchmal schlafe und träume ich sehr schlecht. Aber ich versuche, die Hoffnung nicht aufzugeben."
Das Laufen half ihm in dieser Zeit. "Wenn ich meinen Sport aufgeben würde, hätte ich alles verloren", sagte Petros der DW vor fünf Jahren. "Ich habe meine Familie schon verloren, und dann hätte ich auch noch das Letzte verloren, was ich gerade habe."
Die Situation in Tigray beschäftigte ihn auch während seiner Rennen. "Ich denke die ganze Zeit an meine Familie", sagte Petros 2021 der DW.
Nach seiner Ankunft in Deutschland spielte Petros zunächst Fußball. Einem Betreuer fiel sein Lauftalent auf, er vermittelte ihn an einen Leichtathletikverein. Im Juni 2012, nur wenige Monate nach seiner Ankunft, bestritt Petros seinen ersten offiziellen Zehn-Kilometer-Lauf. Er gewann mit rund zweieinhalb Minuten Vorsprung.
Bei seiner ersten Laufgruppe sorgte er gleich für Verwirrung. In Äthiopien sei es normal gewesen, auch unbekannte Menschen zur Begrüßung auf die Wange zu küssen, erzählte er damals. Also begrüßte Petros auch seine neuen deutschen Trainingspartner so. Die reagierten irritiert. Später verstand Petros, warum.
2015 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft, später wurde er Sportsoldat. Seine Stärke lag zunächst auf den längeren Bahn- und Straßenstrecken, ehe er sich auf den Marathon konzentrierte. Bei den Olympischen Spielen 2021 in Japan lief er erstmals für Deutschland über die 42,195 Kilometer.
In den folgenden Jahren rückte Petros immer näher an die internationale Spitze. Im Dezember 2025 lief er in Valencia 2:04:03 Stunden und stellte damit den deutschen Marathonrekord auf. Im März 2026 folgte beim Berliner Halbmarathon in 59:22 Minuten ein weiterer deutscher Rekord.
"Das muss ich als Profi-Athlet einfach akzeptieren und nach vorne schauen", sagte Petros nach dem Rennen. Mit Silber gewann er die erste deutsche WM-Medaille im Marathon der Männer seit 1983.
Auch in Tokio sprach Petros über seine Mutter.
"Für mich ist es eine riesengroße Geschichte, das zu erreichen. Besonders für meine Familie, für meine Mama", sagte er nach dem Rennen. Er wollte ihr Videos von seinem Lauf schicken. "Hoffentlich werde ich sie mal nach Deutschland zu einem Wettkampf bringen."
Jetzt, elf Monate nach dem verlorenen Fotofinish von Tokio, genoss Petros in Birmingham seinen ersten großen internationalen Titel. Nach WM-Silber 2025 und EM-Bronze im Halbmarathon 2024 stand er diesmal ganz oben auf dem Podest.
"Das Rennen war furchtbar, furchtbar schwer", resümierte Petros. "Aber mit ein bisschen Rotwein bin ich schnell wieder auf den Beinen."
Wie viel ein bisschen ist?
"Ach, so ein, zwei, drei Glas. "