Im Bundesland Hessen wird ein Rabbiner vor den Augen seiner Kinder gestoßen, das Handy wird ihm entrissen. Die Täter machen den jüdischen Gelehrten in Deutschland für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich.
Auch online werden Jüdinnen und Juden in Deutschland beschimpft oder sogar mit Morddrohungen konfrontiert. Eine Jüdin erhielt auf der Plattform Facebook das Bild einer Zyklon-B-Dose geschickt. Zyklon B, das Gas, das die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern nutzten, um im Holocaust Juden und Jüdinnen und andere Verfolgte zu ermorden. Der Post endete mit dem zynischen Kommentar: "Noch auf Lager."
Insgesamt rund 8700 solcher oder ähnlicher Fälle von antisemitischem Hass haben die Meldestellen des Vereins RIAS allein im vergangenen Jahr gesammelt.
RIAS hat regionale Meldestellen in 11 der 16 Bundesländer.
Immer wieder gibt es Kritik an der Erfassung von Vorfällen durch die Organisation.
Kritik an der Arbeit von RIAS kam in der Vergangenheit auch von der internationalen Organisation "Diaspora Alliance" mit Sitz in Berlin.
Das bundesweite RIAS-Ergebnis für 2025: Die Zahl der gemeldeten Anfeindungen liegt ungefähr auf dem Niveau von 2024. Erkennbar ist aber, dass die Vorfälle stark zugenommen haben, seit die islamistische Gruppe Hamas und andere am 7. Oktober 2023 Israel überfielen, mehr als 1200 Israelis töteten und 251 Menschen als Geiseln verschleppten.
Dass auch manche Jüdinnen und Juden in Deutschland die aktuelle israelische Regierung kritisch sehen, kümmert die Absender von Hass-Botschaften offenbar wenig.
2025 registrierte der RIAS-Report bundesweit vier Fälle extremer Gewalt, bei denen glücklicherweise niemand ums Leben kam. Am meisten Schlagzeilen machte der Messer-Angriff auf einen spanischen Besucher des Stelenfelds, dem Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, im Februar 2025. Der Mann aus Spanien konnte durch einen Notarzt gerettet werden, der Täter wurde im März diesen Jahres zu 13 Jahren Haft verurteilt. Der Verurteilte stammt aus Leipzig und hielt den Spanier für einen Juden.
Darauf wies jetzt auch Josef Schuster hin, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland. Er sagte im Interview mit der DW vor wenigen Tagen: "In Israel gibt es eine gar nicht so kleine christliche und auch muslimische Minderheit. Und Juden in Deutschland haben primär einen deutschen Pass. "
Alarmiert von den Zahlen im RIAS-Report zeigt sich auch Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.
Er sagte: "Der Jahresbericht von RIAS zeigt, Antisemitismus ist in Deutschland scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch." Er betont: "Antisemitismus bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden. Er bedroht unsere Demokratie, unsere Freiheit und den moralischen Kern unserer Republik. "
Alarmierend sind nach dem RIAS-Bericht die Anfeindungen in den sozialen Medien. Ihre Zahl stieg von 1996 Fällen im Jahr 2024 auf 2314 Fälle im vergangenen Jahr. 43 Prozent aller offenen Bedrohungen ereignen sich den Angaben zufolge online. Das hat Auswirkungen auf die Angegriffenen.
So berichtet der Zentralrats-Vorsitzende Josef Schuster der DW, dass immer mehr Mitglieder der Gemeinde ihm von ihren Sorgen berichten würden: "Die Sorge, sich als Jude erkennbar auf der Straße zu zeigen, zum Beispiel dadurch, dass man eine Kippa trägt, oder dadurch, dass man zum Beispiel einen Davidstern als Schmuckstück trägt. Man muss aber auch hier sagen, und das ist mir auch wichtig, dass das eine Situation ist, die nicht überall im Bundesgebiet gleich ist. Sie ist allerdings besonders negativ, besonders besorgniserregend im großstädtischen Milieu. "
Vor allem in Großstädten wie Berlin, Frankfurt am Main und im Ruhrgebiet seien Aggressionen gegen Juden und Jüdinnen weitaus heftiger als in Regionen mit weniger Einwohnern, so Schuster.