Armut in Ägypten: Bargeld statt billiger Lebensmittel?

Es spielt kaum eine Rolle, in welchem Viertel Kairos man unterwegs ist. Früher oder später tauchen sie auf: Frauen mit kleinen Päckchen Taschentücher in den Händen. Sie stehen vor Geschäften, an Kreuzungen oder vor Restaurants. Sie bitten nicht um Geld. Sie bieten ihre Ware an - und hoffen, dass jemand kauft. Für viele Familien ist selbst dieses geringe Einkommen überlebenswichtig. In einem Land, in dem die Inflation immer mehr Menschen an ihre Grenzen bringt, gehören die Frauen mit den Taschentüchern längst zum Stadtbild.

Wie Menschen in Ägypten mit geringem Einkommen unterstützt werden, ist deshalb zu einer der wichtigsten sozialpolitischen Fragen des Landes geworden. Die Regierung setzt dabei zunehmend auf sogenannte Cash Assistance - direkte Geldzahlungen an bedürftige Haushalte. Und anstatt künftig Grundnahrungsmittel wie Zucker oder Speiseöl staatlich zu verbilligen, sollen offenbar in Zukunft immer mehr Menschen Bargeld erhalten und ihre Einkäufe selbst zum Marktpreis bezahlen.

Ministerpräsident Mostafa Madbouly kündigte im Juni an, dass die Regierung mit der Umstellung im kommenden Haushaltsjahr beginnen wolle (2026/2027). Zunächst sollen Zuschüsse für Zucker und Speiseöl durch Geldtransfers ersetzt werden. Brot bleibt vorerst Teil des bisherigen Subventionierungssystems.

Bargeld statt Subventionen?

Nach einem Bericht des unabhängigen Medienportals Mada Masrwird jedoch auch über dessen spätere Einbeziehung diskutiert. Die Regierung betont, es gehe nicht darum, Sozialleistungen zu kürzen. Vielmehr solle die Unterstützung gezielter bei denjenigen ankommen, die sie tatsächlich benötigten.

Mehr als 65 Millionen Menschen profitieren derzeit vom staatlichen Lebensmittel-Subventionssystem - auf Brot, Lebensmittel und Energie. Stattdessen sollen in Zukunft berechtigte Haushalte über die Cash-Systeme Takaful und Karama direkte Geldleistungen erhalten.

Takaful ("Solidarität") und Karama ("Würde")wurden 2015 eingeführt und sind heute ein wichtiges Instrument der ägyptischen Regierung für Cash Assistance. Familien unterhalb der Armutsgrenze, ältere Menschen, Waisen sowie Menschen mit Behinderungen erhalten darüber regelmäßige Geldzahlungen, zuletzt waren es 900 ägyptische Pfund (etwa 16 Euro) pro Monat pro Person. Zum zehnjährigen Bestehen bezeichnete die Weltbank Takaful und Karama als Modell für nationale Sozialschutzprogramme, das auch in anderen Ländern Anwendung finden könne.

Weltbank, IWF, EU befürworten Bargeld-Idee

Dass Ägypten auf Cash Assistance setzt, ist kein Zufall. Die Weltbank unterstützte den Aufbau und die Finanzierung des Programms. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) verfolgt diesen Ansatz. Bereits seit einem Reformprogramm von 2016drängt er darauf, kostspielige Subventionen schrittweise durch zielgerichtete Sozialleistungen zu ersetzen, drängte damals aber noch darauf, Lebensmittelsubventionen beizubehalten. Zehn Jahre später hat sich der Schwerpunkt verschoben. In den jüngsten Vereinbarungen mit Ägypten, und auch in den Jahren davor, erwähnt der IWF die Lebensmittelsubventionen nicht mehr ausdrücklich. Stattdessen fordert er "die Ausweitung gezielter staatlicher Unterstützung für besonders schutzbedürftige Haushalte." Gemeint sind direkte Geldleistungen - also Cash Assistance.

Auch die Europäische Union wiederum knüpft ihre milliardenschwere Makrofinanzhilfe für Ägypten an den Ausbau von "Bargeldtransfer- und Mikrokreditprogrammen", heißt es in einer EU-Hintergrundanalyse zur Makrofinanzhilfe 2025 für Ägypten.

Die Idee hinter Cash Assistance klingt für viele zunächst überzeugend: Statt Lebensmittel für alle zu subventionieren - auch für Menschen, die wirtschaftlich gar nicht so sehr darauf angewiesen sind -, sollen staatliche Hilfen gezielt den ärmsten Haushalten zugutekommen.

Weniger Leute werden erreicht

"Seit der Einführung von Takaful und Karama bestand die Idee darin, das allgemeine Subventionssystem langfristig durch direkte Geldleistungen zu ersetzen", sagt Timothy Kaldas, stellvertretender Direktor des Tahrir Institute for Middle East Policy. Dahinter stehe die Annahme, dass staatliche Mittel effizienter eingesetzt würden und weniger Geld an Menschen fließe, die wirtschaftlich gar nicht auf Unterstützung angewiesen seien.

Ob dieses Modell in Ägypten tatsächlich funktioniert, ist unter Experten jedoch umstritten. Die Kritik richtet sich häufig weniger gegen Cash Assistance selbst als gegen die Frage, ob das bestehende System in der Lage ist, die Menschen zu erreichen, die Unterstützung tatsächlich benötigen.

"Die größte Herausforderung ist nicht die Idee der Geldtransfers, sondern ihre Umsetzung", sagt die Ökonomin Esraa Ahmed von der Investmentplattform Thndr der Plattform EnterpriseAM, einem ägyptischen Wirtschaftsmedium.

Entscheidend sei, wie schnell die Regierung die Preise für bislang subventionierte Lebensmittel an den Markt anpasse. Erfolgt dieser Schritt zu rasch, könnten viele Haushalte die höheren Kosten nicht auffangen.

Hinzu kommt die massive Inflation. Sie hat die Kaufkraft vieler Ägypter in den vergangenen Jahren stark geschwächt und trifft Lebensmittel häufig stärker als andere Güter. "Wenn die Geldtransfers nicht regelmäßig an die Inflation angepasst werden, verlieren sie kontinuierlich an Wert. Dann können sich die Menschen immer weniger Lebensmittel leisten", sagt Timothy Kaldas.

Weniger Geld = weniger Lebensmittel = Unterernährung

Für Kaldas wird deshalb die Bedeutung der Subventionen in Ägypten häufig unterschätzt. "Es geht nicht nur um soziale Gerechtigkeit", sagt er. "Wenn Menschen sich keine ausreichende oder ausgewogene Ernährung leisten können, hat das Folgen für die gesamte Volkswirtschaft und für das ganze Land. Unterernährung macht Menschen häufiger krank, senkt die Produktivität und erhöht langfristig die Gesundheitskosten. Besonders gravierend sind die Auswirkungen bei Kindern. "

Gerade deshalb müsse Cash Assistance den Kaufkraftverlust durch die Inflation zuverlässig ausgleichen. Andernfalls erhielten Menschen zwar Geld, könnten sich davon aber mit der Zeit immer weniger Lebensmittel leisten. Doch für Kaldas liegt ein weiteres Risiko der Reform an einer anderen Stelle: Cash Assistance kann nur funktionieren, wenn der Staat zuverlässig weiß, wer Unterstützung benötigt.

Nach Angaben des Sozialministeriums erhalten inzwischen über fünf MillionenHaushalte Leistungen aus Takaful und Karama. Pro Haushalt werden dabei höchstens vier Personen berücksichtigt. Damit erreicht das Programm derzeit rund 20 Millionen Menschen.

Dem stehen deutlich höhere Armutszahlen gegenüber. Nach Angaben der Weltbank lebten bereits 2021 rund 33 Millionen Ägypter unter der nationalen Armutsgrenze. Neuere offizielle Armutsdaten veröffentlicht die Regierung nicht mehr. Angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise gehen viele Beobachter davon aus, dass heute deutlich mehr Menschen auf Unterstützung angewiesen sind.

"Schon heute gibt es viele Menschen, die Hilfe benötigen, aber vom Programm gar nicht erfasst werden", sagt Kaldas. In Ägypten erschwerten lückenhafte Daten und unvollständige Erhebungen zusätzlich die Auswahl der Anspruchsberechtigten.

Genau darin unterscheidet sich Cash Assistance von den bisherigen Lebensmittelsubventionen. Das Subventionssystem erreicht grundsätzlich alle Menschen, die Anspruch auf eine Lebensmittelkarte haben. Ein zielgerichtetes Geldtransferprogramm dagegen muss zunächst entscheiden, wer anspruchsberechtigt ist - und wer nicht.

"Natürlich besteht bei universellen Subventionen das Risiko, dass auch Menschen profitieren, die die Unterstützung eigentlich nicht brauchen", sagt Kaldas. "Ich halte das jedoch für das deutlich kleinere Problem als den umgekehrten Fall: dass arme Menschen durchs Raster fallen und überhaupt keine Hilfe erhalten."

Diese Gefahr könnte mit der geplanten Reform noch größer werden. Für Kaldas zeigt sich darin auch: "Die Regierung versucht, den Menschen gerade so viel Entlastung zu geben, dass die politische Lage stabil bleibt - und gleichzeitig möglichst wenig Geld dafür auszugeben. "