China: Englisch als benotetes Kernfach abschaffen?

Von Wirtschaft und Wissenschaft bis hin zu sozialen Medien und Unterhaltung - Englisch gilt als die vorherrschende Weltsprache. Jeder fünfte Erdbewohner verwendet aktiv die Lingua franca. In China stellt nun ein Mathematikprofessor mit Schwerpunkt Vektoralgebra diese Vorrangstellung mit deutlich Worten infrage. Tang Jiafeng ist der Meinung, Englisch müsse als Kernfach in Grundschulen, weiterführenden Schulen und Universitäten in der Volksrepublik abgeschafft werden. 

Kein anderes Land der Welt habe dem Englischen bisher einen so hohen Stellenwert eingeräumt wie China, ist Tang überzeugt. "Unsere Kinder beginnen verzweifelt Englisch zu lernen, noch bevor sie ihre Muttersprache richtig beherrschen. Dabei sind wir eine jahrtausendealte Zivilisation. Englisch ist nur ein Werkzeug. Es reicht, es nutzen zu können. Die Tradition, westliche Kulturen zu verehren und ihnen nachzueifern, muss ein Ende haben. " 

Englisch als Pflichtfach ab 3. Klasse

Englisch gilt zu Recht als schwierig, da die chinesische Sprache keine Buchstabenschrift ist. In China ist Englisch ab der dritten Klasse Pflichtfach. Es wird bei der Aufnahmeprüfung für weiterführende Schulen, bei der Zentralprüfung nach der 9. Klasse sowie beim Abitur gleichwertig zu den Fächern Chinesisch und Mathematik benotet. Beim Abitur sind maximal 150 Punkte zu holen. 

"Wie viele Ressourcen und wie viel Zeit investieren unsere Kinder, Eltern und Schulen in ein Fach, das für die Mehrheit der Menschen im späteren Berufsleben völlig irrelevant ist?", begründet der Mathematiker seine Position. Bekannt wurde er, weil viele seiner Studierenden bei staatlichen Mathematikprüfungen die volle Punktzahl erreichten; allein im Jahrgang 2011 waren es sechs aus einem Klassenverband.

Warum Englisch? "KI übersetzt"

Tangs Meinung verbreitete sich schnell im Internet. "Warum Englisch pauken, wenn Künstliche Intelligenz alles binnen Sekunden übersetzen kann?", kommentiert ein Nutzer aus Peking. Ein anderer Vorschlag aus der südlichen Provinz Guangdong lautet, die Bewertung zumindest anzupassen, etwa auf 120 statt 150 Punkte beim Abitur. 

Viele Eltern investieren in Nachhilfe, die sich speziell auf die Prüfungsfragen konzentriert. Zudem müssen alle Bachelor die Englischprüfung vor der Zulassung zu Masterstudiengängen bestehen. Tang vermutet, dass dadurch viele talentierte Nachwuchswissenschaftler der naturwissenschaftlichen Fächer scheitern könnten, obwohl sie hohes Potenzial besitzen, Spitzenforscher zu werden.

Keine Englischkompetenz, keine Wettbewerbsfähigkeit

Dass Englisch auch für die MINT-Fächer wichtig ist, steht außer Frage. Bei Forschung über die Zukunftsthemen werden die Studien üblicherweise in der englischen Sprache veröffentlicht. Ein Abbau des Englischunterrichts könnte zur nachlassenden Wettbewerbsfähigkeit Chinas führen, so die Befürchtung im Internet. Ein prominenter Befürworter von Englisch als Pflichtfach ist Hu Xijin, ehemaliger Chefredakteur der staatlichen "Global Times", der bisher vor allem durch nationalistische Äußerungen auffiel. 

Hu betont, Fremdsprachenkenntnisse seien für jeden Weltbürger von großer Bedeutung, "denn wir leben vor allem in der Gegenwart" und spielt damit auf die Debatte um die unbenotete Geschichtsprüfung an. "Diese Gegenwart ist von Globalisierung geprägt. Die Öffnung Chinas ist nicht nur staatliche Politik, sondern erweitert den Handlungsspielraum der Menschen sowie den Radius ihrer vielfältigen materiellen und immateriellen Lebensinteressen. "

Die Verbindungen zur Außenwelt seien deswegen nicht mit geistigen Bindungen an die alte Geschichte zu vergleichen, so Hu weiter. "Sie krampfhaft gegeneinander auszuspielen in der Frage, ob Fremdsprachen oder traditionelle chinesische Kultur wichtiger sind, birgt die Gefahr, Prioritäten falsch zu setzen und öffentliche Diskussionen unnötig zu politisieren." Für ihn hat der offene Umgang mit der Außenwelt höchste Priorität. Englisch als Kernfach verbessere zudem die Chancengleichheit, da auch Kinder in ländlichen Regionen Zugang zu dieser wichtigen Fremdsprache und zur globalen Welt erhielten.

Kaum Interesse am Sprachstudium

Auch chinesische Universitäten, die auf Fremdsprachen spezialisiert sind, spüren den Druck, ihre Bildungsziele anzupassen und Studienanfänger für zukünftige Arbeitsmärkte fit zu machen. So interessierten sich immer weniger Abiturienten etwa für Germanistik, erklärt eine Hochschullehrerin aus Peking, die anonym bleiben möchte, der DW. Das neue Curriculum der Beijing Foreign Studies University sieht deshalb das Modell "Fremdsprache plus Fachrichtung" vor: Englisch kombiniert mit Jura, Informationstechnologie oder Volkswirtschaftslehre. 

Ähnliche Kulturkämpfe fanden schon in der Selbststärkungsbewegung in der letzten Kaiserdynastie Qing Ende des 19. Jahrhunderts statt. "Lernt die überlegenen Fähigkeiten vom Ausland, um das Ausland später zu bezwingen", sagte der damalige Hofgelehrte Wei Yuan. Vom Ausland zu lernen, funktioniere eben besser in einer dort genutzten Sprache. Auch wenn sich abzeichnen kann, dass das Ausland in manchen Bereichen eher von China lernen will - wie heute schon in der Batterietechnik für Automobilindustrie und humanoider Robotik.