China noch immer im tiefen Schatten von Mao

Sein Porträt hängt am Tor des Himmlischen Friedens, mitten im politischen Herzen der Volksrepublik, die er 1949 ausrief. Er starb am 9. September 1976 im Alter von 82 Jahren in Peking. Auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod bleibt Maos Erbe ein zutiefst widersprüchliches.

Mao träumte von einem starken kommunistischen Land mit einer Planwirtschaft, in der der Staat die Umverteilung übernimmt. Er propagierte den Klassenkampf und startete 1966 die Kulturrevolution, die bis zu seinem Tod andauerte. Diejenigen, die den sogenannten "Fünf Schwarzen Kategorien" angehörten, darunter Kapitalisten und Konterrevolutionäre, wurden inhaftiert. Das Proletariat sollte das Land regieren.

Eine der grundlegendsten Veränderungen nach Maos Tod war das Ende der Einstufung von Menschen anhand ihrer Klassenherkunft, erklärt der Historiker Professor Daniel Leese von der Universität Freiburg. Die Unsicherheit und strategische Willkür, die mit der Klassifizierung von Personen als gesellschaftliche "Feinde" verbunden waren, hätten ein tiefgreifendes Gefühl der Unsicherheit erzeugt und die Gesellschaft anfällig für Manipulationen gemacht. In seinen politischen Kampagnen habe Mao dies bis zu scheinbar absurden Extremen getrieben.

Mao-Ideen noch zeitgemäß?

Die Frage, ob China heute noch die Ideen von Mao brauchen könnte, beantwortet Zhang Lun als Professor an der Universität Cergy-Paris mit einem klaren Nein. Maos politisches Erbe sei nicht nutzbar. "Die grundlegendste Veränderung in China war die 'Entmaoisierung'", sagt Zhang im Interview mit DW.

„Dieser Prozess wurde in den vergangenen fünf Jahrzehnten aber nie vollständig abgeschlossen", räumt der Experte ein. Was geblieben ist, sind der Einparteienstaat und eine starke Führung durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh). Maos Name steht in der chinesischen Verfassung, und sein Gedankengut ist weiterhin Teil der offiziellen Ideologie Chinas.

Die Dominanz der Partei über Staat und Gesellschaft sei über Jahrzehnte ein grundlegendes Prinzip geblieben, sagt Professor Jean Christopher Mittelstaedt vom Asien-Orient-Institut der Universität Zürich. Maos berühmter Satz "Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen" gilt weiterhin: Alle Generalsekretäre der KP waren zugleich der oberste Befehlshaber der Streitkräfte.

Mao habe seine Ideen als institutionellen Kern in der Staatsführung etabliert. Das Prinzip lautet: "Die Partei führt alles", sagt der regierungskritische Journalist Chang Ping, der im deutschen Exil lebt. "Der Staat will Ressourcen bündeln, um große Aufgaben zu erfüllen. Die KPCh wird ihre politischen Ziele um jeden Preis durchsetzen. Die Interessen der einfachen Bevölkerung können in dem Maße geopfert werden, wie es zur Erhaltung des Regimes notwendig ist."

Maos Erbe

So umstritten Mao innerhalb der Partei auch war, die späteren Machthaber huldigten ihm. Hua Guofeng, KP-Parteichef von 1976 bis 1981, fasste den politischen Kurs mit dem Satz zusammen: "Wir werden alle politischen Entscheidungen, der Vorsitzende Mao getroffen hat, entschlossen aufrechterhalten und alle Anweisungen, die er gegeben hat, unbeirrt befolgen."

Huas Nachfolger, der Reformpolitiker Deng Xiaoping, hatte selbst unter Maos politischen Kampagnen gelitten. Dennoch erklärte Deng 1980 in einem Interview mit der italienischen Journalistin Oriana Fallaci, dass Maos Porträt über dem Tiananmen-Tor "für immer" erhalten bleiben solle. Maos Errungenschaften würden seine Fehler überwiegen. "Den Genossen Mao Zedong zu diffamieren, bedeutet auch, unsere Partei und unser Land zu diffamieren."

Deng nannte in diesem Interview auch eine Prozentzahl: Zu 70 Prozent habe Mao richtig und gut gehandelt, zu 30 Prozent fehlerhaft – insbesondere im Hinblick auf die Kulturrevolution 1966 bis 1976, die auf Maos Initiative für den Massenklassenkampf zurückging und das Land ins Chaos stürzte.

1978 führte Deng die sogenannte Reform- und Öffnungspolitik ein und ebnete damit Chinas Weg zum Wohlstand. Die späteren Staatspräsidenten stellten die Autorität des Politikeridols Mao aber nie infrage. Im Jahr 2013 erklärte Generalsekretär Xi Jinping, dass die Zeit nach den Reformen und der Öffnung nicht dazu genutzt werden dürfe, die Zeit davor zu negieren. Die Epoche vor 1978 wurde nahezu ausschließlich von Mao geprägt.

KP scheut Neubewertung

"Auch heute hängt die Legitimität der KPCh von Mao ab", betont Historiker Mittelstaedt von der Universität Zürich. "Eine umfassende Neubewertung Maos könnte die KPCh grundlegend erschüttern. Sie würde nicht nur Fragen zu Maos persönlichen Entscheidungen aufwerfen, sondern auch zu den Institutionen und Strukturen, die diese ermöglichten, sowie zum Anspruch der Partei, das alleinige Recht auf die Interpretation ihrer eigenen Geschichte zu besitzen. "

Chinas politische Landschaft unterscheide sich deutlich von der damaligen Sowjetunion, die zwei herausragende Persönlichkeiten hatte, erklärt Sinologe und Historiker Professor Felix Wemheuer von der Universität zu Köln. "Nikita Chruschtschow konnte als KP-Chef der Sowjetunion sagen, Lenin war der große Gründungsführer, Stalin hingegen ein Diktator. Aber Mao spielt in der Parteigeschichte Chinas eine dominante Rolle. Würde man ihn vollständig ablehnen, würde dies auch große Teile der Parteigeschichte infrage stellen. "

Der heutige Staatspräsident Xi Jinping hat in seiner Familie schlechte Erinnerungen an die Kulturrevolution. Sein Vater, General Xi Zhongxun, war ein Opfer der damaligen Säuberungsaktionen. Aufgrund seiner familiären Sozialisation lehnte die KPCh in den Jahren 1969 bis 1974 neunmal die Aufnahme von Xi Junior ab. Erst beim zehnten Antrag wurde er Mitglied der Partei.

Xi der neue Mao?

"Was Xi aus der Kulturrevolution gelernt hat, war nicht die Lektion eines Opfers politischer Kampagnen, sondern die der Macht", erläutert Journalist Chang Ping. "Er hat nicht gelernt, dass ein solches System niemals wieder existieren darf, sondern vielmehr, dass derjenige, der die politische Macht verliert, der Gnade anderer ausgeliefert ist."

Als Xi 2012 an die Spitze der Parteihierarchie aufstieg, ließ er sich ebenso wie Mao als Kultfigur inszenieren und öffentlich präsentieren. Er lege stärkeren Wert auf Kontrolle und eine von oben nach unten gerichtete Regierungsführung, so Sinologe Wemheuer. Dadurch könne er seine Macht durch die Stärkung der Institutionen und des Parteiapparats festigen.

Doch ein Unterschied besteht zwischen beiden KP-Politikern, erläutert Mittelstaedt: Mao habe über der Partei gestanden. Seine Macht habe darauf basiert, einfach nur Mao zu sein. "Xi hingegen ist durch und durch ein Parteisoldat. Seine Autorität leitet sich von den Parteiorganen ab, und er regiert über diese Organe. Letztlich bleibt Xi Jinping ein Produkt des von Mao geschaffenen Systems."

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan