Cyber-Angriff in Berlin: 1,4 Millionen Daten nun im Darknet
Es war eine Nachricht, die fast unterging, weil ganz Deutschland gebannt auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6.September blickte: Und doch ist der Datenklau in Berlin eine hochbrisante Geschichte. Und bettet sich ein in Berichte über Angriffe auf die Infrastruktur oder Drohnenangriffe feindlicher ausländischer Mächte auf Flughäfen. Und die Geschichte aus der Bundeshauptstadt zeigt, wie verwundbar Datennetze in Deutschland sind.
Was war passiert? Seit Anfang September können Personalakten, behördliche Schreiben, Gehaltsabrechnungen und auch eingescannte Ausweispapiere im Darknet eingesehen werden. Die Hackergruppe Rhysida stahl die Daten und erpresste dann die Berliner Stadtregierung: Nur wenn der Senat ein Lösegeld in Höhe von 30 Bitcoins, was rund zwei Millionen Euro entspricht, zahle, würden die sensiblen Daten nicht veröffentlicht.
Aber am Freitag vergangener Woche erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU): "Das Land Berlin wird sich nicht erpressen lassen." Die Daten wurden daraufhin im Darknet veröffentlicht, dem nur für onlineaffine Menschen erreichbaren Bereich des Internets. Insgesamt handelt es sich um ein Volumen von rund 1,4 Millionen Daten.
Mitarbeiter öffnet versehentlich eine Phishing-Mail
Betroffen sind zwei Verwaltungen der Stadtregierung mit ihren rund vier Millionen Einwohnern: Die Bau- und die Verkehrsverwaltung. Und diesmal sind keine ausländischen Geheimdienste aktiv geworden, sondern Kriminelle: Den Hackern gelang es zunächst unbemerkt, sich vom 7. bis zum 14. August Zugriff auf die eigentlich geschützten Daten zu verschaffen. Rhysida ist eine vermutlich aus Osteuropa stammende Cybercrime-Gruppe, die seit 2023 öffentliche Einrichtungen überall auf der Welt angreift und weltweit fast 280 Angriffe für sich beansprucht, vor allem in den USA.
Ein Mitarbeiter der Verkehrsverwaltung in Berlin hatte auf eine sogenannte Phishing-Mail geantwortet, täuschend echt gestaltete Nachrichten. Öffnet der Empfänger eine der Anlagen, verschafft er den Angreifern ungewollt Zugang in das Netz des Betroffenen. In Berlin verbindet das behördliche Landesnetz rund 600 Standorte über eine gesicherte Glasfaserinfrastruktur miteinander, von Bezirksämtern bis zu Senatsverwaltungen.
Veröffentlichung von Daten kann gravierende Folgen haben
Wie brisant der Datenklau ist, zeigt die Liste der Bereiche, die nach Expertenschätzungen betroffen sein können: Neben persönlichen Daten der Mitarbeiter und Bürger sind es Informationen über Heizkraftwerke, Tanklager, Anlagen zur Notstromversorgung, aber auch über Gefängnisse und Wasserwerke.
Auch für die betroffenen Menschen kann die Veröffentlichung, wenn auch im schwer zugänglichen Darknet, gravierende Folgen haben , wie Jochim Selzer vom Chaos Computer Club der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte: "Je mehr ich über eine Person weiß, desto genauer kann ich mich als diese Person ausgeben, desto genauer kann ich auch einschätzen, was ich von dieser Person wissen muss, um in ihrem Auftrag etwa bestellen zu können."
Diskussion über empfohlene Änderungen von Passwörtern
Und die zuständige Politik? Die Berliner Landesregierung wies ihre Mitarbeiter an, ihre Passwörter zu ändern. Das wiederum erboste die Gewerkschaft der Polizei (GdP). Deren Vize-Vorsitzender Thorsten Schleheider sagte dazu, schon seit Jahren seien die Berliner Daten unzureichend geschützt, viele Mitarbeiter nicht genug geschult: "Es kann nicht sein, dass hier tagelang hochsensible Daten geraubt wurden und die einzige Reaktion scheinbar darin besteht, die Beschäftigten anzuweisen, ihre Passwörter zu ändern."
Der Berliner Senat hat mittlerweile eine Koordinierungsstelle aller Berliner Verwaltungen eingerichtet, die sich mit der Daten-Affäre befassen soll. Und Kontakte zu Bundesbehörden wie dem "Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik" (BSI) mit Sitz in Bonn aufgenommen hat. Bürgermeister Kai Wegner sagte: "Wir werden die betroffenen Beschäftigten, Berlinerinnen und Berliner so schnell wie möglich informieren, beraten und unterstützen."
Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September nicht betroffen
Zumindest an einem Punkt konnten die Berliner Behörden Entwarnung geben: Die Wahl am 20. September zum Berliner Abgeordnetenhaus, dem Landesparlament, ist nicht gefährdet. Landeswahlleiter Stephan Bröchler sagte der Bild-Zeitung: "Nach derzeitigem Stand ist die Wahl-Umgebung weiterhin nicht betroffen. Also weder die Vorbereitung noch der eigentliche Wahltag noch der Ablauf bis zur Veröffentlichung des vorläufigen Ergebnisses. "
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist von dem Datenklau zumindest indirekt betroffen. Zu den gestohlenen Informationen gehören gleichfalls solche über den umstrittenen Erweiterungsbau des Bundeskanzleramtes im Herzen Berlins.