Cyberangriffe mit KI: Deutschland ist besonders bedroht

"Die Bedrohungslage im Cyberraum bleibt unverändert hoch", sagt der für Sicherheit in Deutschland politisch verantwortliche Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Anlass für seine Warnung ist das vom Bundeskriminalamt (BKA) am Dienstag in Berlin veröffentlichte Lagebild Cybercrime für das Jahr 2025.

Über 900 Cyberattacken pro Tag

Auch BKA-Vizepräsidentin Martina Link findet die Bilanz beunruhigend. Sie beziffert den geschätzten finanziellen Schaden auf rund 202 Milliarden Euro. Das entspreche etwa 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Opfer der Angriffe sind vor allem Wirtschaftsunternehmen, staatliche Verwaltungen und kritische Infrastruktur wie Kraftwerke oder Krankenhäuser.  

Die Gesamtzahl der polizeilich registrierten Angriffe durch heimlich eingeschleuste Schadprogramme auf Computern, Datendiebstahl oder leer geräumte Bankkonten lag bei 334.000. Das waren durchschnittlich über 900 pro Tag. Deutschland ist für Cyberkriminelle ein besonders lohnendes Angriffsziel, weil es trotz lahmender Konjunktur die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft besitzt.

"Diese Angriffe sind fast immer international"

Zwei Drittel der Taten seien aus dem Ausland begangen worden oder von nicht eindeutig zu klärenden Orten. "Diese Angriffe sind immer länderübergreifend, sie sind fast immer international", betont BKA-Vize Link. Als größte Herausforderung betrachtet sie ebenso wie der Innenminister den Vormarsch von Künstlicher Intelligenz (KI).  

Auch Menschen ohne technische Kenntnisse könnten sich mit KI bestimmte Fähigkeiten schnell aneignen, sagt Dobrindt. "Sprachliche Fähigkeiten von KI machen es möglich, gleichzeitig in unterschiedlichsten Regionen der Welt aufzutreten, weil die KI fehlerfreie Texte in diversen Sprachen erstellen kann." Das Ergebnis: täuschend echt anmutende Websites oder Mails, mit denen Cyberkriminelle ihre arglosen Opfer auf eine falsche Fährte locken.

Dobrindt: "Wir sind nicht wehrlos"

Trotz der zunehmenden Gefahren bleibt Dobrindt im Kampf gegen Cybercrime zuversichtlich: "Wir sind nicht wehrlos." Das zeige die erfolgreiche Zusammenarbeit mit anderen Ländern. Als Beleg dient ihm vor allem der "Operation Endgame 2.0" genannte Schlag gegen international vernetzte Cyber-Kriminelle. Behörden aus sieben Ländern gelang es gemeinsam, eines der gefährlichsten Schadprogramme auszuschalten.

Deutschland kooperierte dabei mit Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Kanada, den Niederlanden und den USA. Außerdem waren die Polizei- und Justizbehörden der Europäischen Union (EU) eingebunden. Gegen 20 überwiegend aus Russland stammende Tatverdächtige wurden internationale Haftbefehle erlassen.

Mehr Befugnisse für das BKA?

"Unsere erfolgreichen Maßnahmen gegen Cybercrime zeigen, dass polizeiliches Handeln wirkt – sie dürfen jedoch nicht über die weiterhin hochdynamische Bedrohungslage im Cyberraum hinwegtäuschen", warnt BKA-Vizepräsidentin Link. Ihre Behörde dürfe nur ermitteln, habe aber keine Befugnis zur Gefahrenabwehr. "Um es mal bösartig zu sagen: Wir müssen abwarten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, bevor wir dann tatsächlich aktiv werden können."

Das will Innenminister Dobrindt so schnell wie möglich ändern. Dafür soll die Bundesregierung in Kürze einen Gesetzentwurf ins Parlament einbringen, um die Voraussetzungen für eine aktive Cyberabwehr zu schaffen. "Uns geht es darum, die Infrastruktur des Angreifers zu stören und zu zerstören. Das heißt: Zugriff auf seine digitalen Systeme."

Auf Augenhöhe mit den Tätern?

Außerdem drängt Dobrindt darauf, dass flächendeckend IP-Adressen von Computern gespeichert und automatische Datenanalysen ermöglicht werden. Der Staat dürfe im digitalen Raum nicht Zuschauer sein, rechtfertigt der Innenminister seine weitreichenden Forderungen. Man sorge dafür, technisch und rechtlich auf Augenhöhe mit den Tätern handeln und zurückschlagen zu können.

Dobrindts Pläne sind schon lange umstritten. "Die Bundesregierung führt eine Massenüberwachung durch die Hintertür ein", kritisierte die Linken-Abgeordnete Clara Bünger den im April bekannt gewordenen Entwurf zur Speicherung von IP-Adressen. Bünger, innenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Bundestag, bezeichnete ihn als "Frontalangriff auf die digitalen Grundrechte von über 80 Millionen Menschen".