"Das Wichtigste seit der Atombombe": Der Bikini wird 80

Ein professionelles Model konnte der Maschinenbauingenieur Louis Réard nicht finden. So engagierte er die Striptease-Tänzerin Micheline Bernardini für die Präsentation seines ersten Bikinis am 5. Juli 1946. Der Zeitpunkt war kein Zufall. Gerade hatte das US-Militär auf dem Bikini-Atoll im Südpazifik einen Atombombentest durchgeführt und sorgte damit weltweit für Aufsehen.

Ähnlich explosiv sollte die Enthüllung der neuesten Bademode aus Paris sein. Réards Plan ging auf. Die Aufregung war groß, denn so viel nackte Haut war für damalige Verhältnisse zu viel. Moralwächter waren entrüstet, eine Frau sollte in diesen Nachkriegsjahren mit Rock und langer Schürze herumlaufen, anstatt sich so schamlos auszuziehen. Und schamlos - winzig - waren diese Stofffetzen in der Tat. Louis Réard selbst hat in einem Werbeslogan Maßstäbe für seine Erfindung gesetzt: "Ein Bikini ist nur dann ein Bikini, wenn er sich durch einen Ehering ziehen lässt."

Sicher war das augenzwinkernd gemeint, denn später entwickelte er auch Modelle, die aus mehr Stoff bestanden. 

Der Bauchnabel musste verdeckt sein

Der legendären Modejournalistin Diana Vreeland wird bis heute ein Zitat zugeschrieben, in dem die Sprengkraft dieses neuartigen Badeanzugs auf den Punkt gebracht wurde: Der Bikini sei "das Wichtigste seit der Atombombe", soll die damalige Modechefin des Magazins "Harper's Bazaar" gesagt haben.

Während "Harper's Bazaar" das modekulturelle und gesellschaftliche Potenzial des Zweiteilers erkannte und vermittelte, war der Bikini für andere Modezeitschriften noch zu gewagt. Die "Vogue" etwa berichtete zunächst sehr vorsichtig über den neuen Trend. Erst als Stars wie Brigitte Bardot und Marilyn Monroe den Bikini Anfang der 1950er populär machten, änderte sich das. Modezeitschriften griffen den Zweiteiler zunehmend auf. In den 1960er-Jahren gehörte der Bikini schließlich ganz selbstverständlich zur Sommermode und war regelmäßig in der Vogue zu sehen.

Funfact: Die amerikanische Vogue zeigte den Bauchnabel zunächst nicht. In den frühen Jahren wurde der Bikini oft so fotografiert oder gestylt, dass der Nabel verdeckt blieb – denn genau dessen Sichtbarkeit galt damals als besonders skandalös. Erst in den 1960er-Jahren verschwand dieses Tabu allmählich.

Knapp bedeckt in eine neue Zeit

Spätestens mit dem James-Bond-Film "James Bond jagt Dr. No", der 1962 in die Kinos kam, brach der Bann. Das Modell, das Ursula Andress in dem Film trägt, ging als "Dr. No-Bikini" in die Geschichte ein. In den 1960er-Jahren war der Siegeszug des Bikinis nicht mehr aufzuhalten. Er nahm viele verschiedene Formen an, kam als selbstklebender "Trikini" auf den Markt, sogar als brustfreier "Monokini" - doch der setzte sich nicht durch.

Die Revolution der Bademode ging einher mit der zunehmenden Selbstbestimmung der Frau. Die Antibabypille kam, ebenso der Minirock und die Auflehnung gegen das Establishment in den Studentenunruhen der 1960er. Der Bikini war ein Befreiungsschlag für viele Frauen.

Bikini schlägt Brautkleid

In den 1980ern und 1990ern gehörten zum Höhepunkt so mancher großen Fashion Show die neuesten Bikini-Kollektionen statt der sonst üblichen Hochzeitsroben. Laufsteg-Stars wie Claudia Schiffer, Linda Evangelista oder Naomi Campbell rissen sich um solche Jobs.

Bis heute hat der Bikini nichts von seiner Faszination verloren. Frauen, die ihn tragen, sind selbstbewusst, zeigen ihre Formen - egal ob üppig oder schmal - oder die Zeichen vergangener Schwangerschaften so selbstverständlich wie so manche Männer ihre stattlichen Bäuche vor sich hertragen.

Bikini tragende Frauen jeden Alters trotzen den Zeitschriften, die jedes Frühjahr neue Diäten für die "Bikinifigur" verkaufen wollen. Der Bikini ist seit 80 Jahren ein Statement - und wird es auch zukünftig bleiben.

Dies ist die aktualisierte Fassung eines früheren Artikels.