Der beste WM-Gastgeber? Mexiko gewinnt viele Fan-Herzen
Eine Traube aus Menschen in Fußballtrikots schiebt sich durch die engen Gassen des Ausgehviertels. Im Zentrum Monterreys, nahe dem Macroplaza, ist an diesem Abend Volksfest-Stimmung. Laute Reggaeton-Popmusik knallt aus den Boxen der Bars und Restaurants. Ältere Damen tanzen Salsa, Arm in Arm mit holländischen Fans in Sandalen.
Andere Einheimische hüpfen mit WM-Touristen im Kreis und wedeln abwechselnd die marokkanische und mexikanische Flagge. Ein mexikanisches Mädchen im Teenager-Alter und ein junger Marokkaner, der einen Cowboyhut trägt, tauschen schelmische Blicke aus. Sie sind sich ganz nah, und plötzlich ist es passiert: Sie hat ihn auf den Mund geküsst. Ein Jubelsturm bricht aus, seine Kumpels feiern, ihre Freundin kichert.
Fan-Videos aus Mexiko gehen viral
Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey sind die drei mexikanischen Spielorte dieser gemeinsam mit den USA und Kanada ausgetragenen Mega-WM und sie produzieren laufend Bilder, die millionenfach geteilt in den sozialen Medien um die Welt gehen. Bilder, wie Mexikaner Fans in anderen Trikots hochleben lassen, sie in die Luft werfen und gemeinsam als Gruppe wieder auffangen. Wie sie Südkoreaner nach dem 1:0-Sieg im Eröffnungsspiel trösten und zu Tequila-Shots einladen.
Leonardo Jun aus Südkorea hat solch eine Flugeinlage selbst miterlebt, als er ein Spiel in Guadalajara besucht hat. "Ich hatte etwas Angst, dass ich auf den Boden falle und mich verletze, aber sie haben mich wieder aufgefangen", sagt er. "Alle haben Fotos mit mir gemacht als sei ich ein Popstar. Es ist ziemlich cool, so begrüßt zu werden."
Auch in den anderen Gastgeber-Ländern Kanada und USA feiern Anhänger unterschiedlicher Nationen bisweilen gemeinsam - doch Mexiko lässt die angereisten Fans buchstäblich "hochleben" und hat damit den WM-Trend schlechthin gesetzt. "Du kannst die WM hier wirklich fühlen", sagt etwa Sebastian aus Kolumbien, der Tickets für ein Spiel im legendären Aztekenstadion ergattert hat. Sein Landsmann Xavier berichtet: "Das ist meine erste WM und die Mexikaner sind schon wie Brüder geworden."
Während in den USA zu Beginn vor allem Einreiseprobleme und hohe Bus- und Bahnpreise Schlagzeilen gemacht haben und für viele Fans die Trinkgeld-Kultur immer noch verwirrend ist, herrscht in Mexiko eine ganz eigene Atmosphäre: Eine authentische Offenheit und Wärme, die viele internationale Besucher schwärmen lässt. Brenda ist selbst Mexikanerin und meint, dass "alle drei Gastgeber das sehr gut machen, aber Mexiko hat das gewisse Extra. "
Rekord: Mexiko zum dritten Mal WM-Gastgeber
Auch Ahmed aus Ägypten ist nach Mexiko-Stadt gereist. "Ich hatte große Erwartungen und bin nicht enttäuscht worden. Mexiko hat eine großartige Willkommenskultur und kennt sich schließlich aus mit großen Fußballevents. " Nach den Turnieren in den Jahren 1970 und 1986 ist Mexiko das einzige Land, das bereits zum dritten Mal eine WM ausrichtet.
In der Hinsicht hat Mexiko einen Vorsprung gegenüber Kanada und dem großen Nachbarn USA, wo naturgemäß andere Sportarten wie Eishockey, Baseball, Basketball und American Football im Mittelpunkt stehen. In New York beispielsweise war in den Anfangstagen nur wenig von WM-Stimmung zu spüren, der Fußball wurde vom NBA-Titel der New York Knicks überschattet, das Gesprächsthema Nummer eins und Anlass für Feierlichkeiten in der Stadt.
Fußballkultur in Mexiko tief verankert
In Mexiko dagegen ist Fußball tief verankert in der Volksseele und allgegenwärtig in diesen Tagen. Nationalspieler lächeln von etlichen Werbetafeln am Straßenrand, die sonst klassisch roten Coca-Cola-Dosen werden in grün verkauft, der Farbe des Nationaltrikots. Ob Taxifahrer, Flugbegleiterinnen oder Pizza-Lieferanten - sie alle tragen das grüne Trikot mit dem Steinadler auf der Brust, dem nationalen Symbol, das auch die Mitte der mexikanischen Flagge ziert.
"Das einzige Problem dieser WM ist, dass sie nicht die ganze Zeit in Mexiko stattfindet", sagt Tom, der aus Yorkshire in England angereist ist. Mexiko und Kanada haben jeweils 13 Partien als Ausrichter bekommen, eine vergleichsweise geringe Anzahl bei 104 Spielen insgesamt. In Mexiko-Stadt fand das Eröffnungsspiel statt, doch nach dem Achtelfinale zwischen Mexiko und England gibt es keine WM-Spiele mehr in mexikanischen Stadien. Die großen Halbfinal-Duelle und auch das Finale finden in den USA statt.
Weit weg scheinen die Proteste vor WM-Start in Mexiko und auch die Diskussionen rund um die Sicherheit der Spiele, als es im Februar nach der Tötung eines Drogenbosses zu Gewaltausbrüchen in Guadalajara kam. Für die meisten Fans spielt all das keine Rolle mehr. Und auch wenn es Berichte über Todesfälle im Zusammenhang mit den WM-Feierlichkeiten nach Mexiko-Spielen gibt, überwiegt doch das positive Gesamtbild.
"Ich hätte mir mehr Spiele in Mexiko gewünscht", sagt Jun aus Südkorea. "Das hätte die WM noch besser gemacht. " Und auch Jenny sieht das so: "Ich finde, Mexiko hat sich besser geschlagen als die USA und Kanada. Sie sind für mich der Gewinner als Gastgeber. "