Der Mythos vom "Arier"

Adolf Hitler hatte weder blonde Haare noch war er sonderlich groß - ebenso wenig wie viele andere Deutsche. Das von den Nazis erhobene Idealbild des "Ariers" nordischen Ursprungs war eher eine Ausnahmeerscheinung als die Regel. Wichtig war daher die Herkunft: Alle Reichsbürger mussten ab 1935 mittels eines "Ariernachweises" mindestens drei Generationen zurück beweisen, dass weder jüdisches Blut noch das von Sinti und Roma in ihren Adern floss. Beamte, Ärzte oder Rechtsanwälte mussten diesen Nachweis schon zwei Jahre früher erbringen. Es erforderte oftmals eine zeitaufwendige Recherche, bevor die Bürger das Ergebnis der Reichsstelle für Sippenforschung zur Überprüfung vorlegen konnten.

Die Nationalsozialisten erklärten das deutsche Volk zur "überlegenen Herrenrasse", Juden waren für sie eine "minderwertige Rasse", deren Angehörige zunächst systematisch ausgegrenzt und dann ermordet wurden. In Propagandafilmen behaupteten sie, Juden wollten die Weltordnung zerstören und der "Herrenrasse" die Herrschaft und Führung entreißen. In Karikaturen, insbesondere in der Hetzzeitung "Der Stürmer", wurden sie auf groteske Weise mit großen Hakennasen und gierigem Gesichtsausdruck dargestellt. 

Es gab auch Völker, denen die Nazis ebenfalls "arische" Merkmale zuschrieben, allen voran die nordisch-skandinavischen Völker. Stießen sie in Lettland, Polen oder einem anderen besetzten Land auf blonde und blauäugige Kinder, hatten sie keine Skrupel, sie der Mutter zu entreißen und in sogenannten"Lebensborn"-Heimen einzudeutschen - eine Idee des SS-Reichsführers Heinrich Himmler, der die Vermehrung einer "rassisch wertvollen" Bevölkerung fördern wollte. Die Kategorisierung von Menschen in sogenannte "Rassen" ist allerdings wissenschaftlich absolut nicht haltbar und diskriminierend - es gibt keine genetische Grundlage dafür.

Das Wort Arier war auch die Grundlage für die "Arisierung" - die Konfiszierung und Übertragung von jüdischen Geschäften und jüdischem Eigentum auf Nichtjuden.

Der wahre Ursprung der Arier

Obwohl der Begriff Arier im Volksmund weit verbreitet war, hielten die "Rassenforscher" der Nationalsozialisten wenig von dieser Bezeichnung und sprachen stattdessen von "deutschem oder artverwandtem Blut". Ihnen war bewusst, dass das Wort sich ursprünglich auf sprachliche Ähnlichkeiten und nicht auf vererbbare körperliche Merkmale bezog.

Archäologische Funde zeigen, dass der Begriff Arier seit mehr als zwei Jahrtausenden existiert. Der persische Herrscher Darius I. ließ sich schon rund 500 Jahre vor Christus ein Felsengrab im heutigen Naqsch-e Rostam im Iran in den Fels meißeln. Die Inschrift lautet: "Ich bin Darius, der große König … ein Perser, Sohn eines Persers, ein Arier, arischer Abstammung." Und auch in heiligen Texten Indiens taucht das Wort auf Sanskrit auf.

Ursprünglich war "Arya" - was so viel wie "edel" oder "ehrenhaft" bedeutet - eine Selbstbezeichnung von Völkern in Indien und im Iran. Sie stammen von Nomaden ab, die aus den Gebieten der heutigen Ukraine, Kasachstans und Südrusslands eingewandert waren. Wissenschaftler klassifizierten Arier später als Angehörige einer gemeinsame indoeuropäischen Sprachfamilie, als sie die Ähnlichkeiten zwischen den meisten europäischen Sprachen sowie Sanskrit und Persisch (Farsi) erkannten.

Rassistische Umdeutung eines Begriffs

Erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff Arier dann fälschlicherweise rassistisch ausgelegt. Der französische Schriftsteller und Diplomat Joseph Arthur de Gobineau unterteilte die Menschheit in seinem vierbändigen Werk "Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen" (entstanden zwischen 1853-1855) in eine weiße, eine gelbe und eine schwarze "Rasse". Sein Fazit: die "weiße arische Ur-Rasse" sei den anderen überlegen, zeichne sich durch ihre "unermesslich überlegene Intelligenz" aus und sei zum Herrschen über die anderen bestimmt. Zugleich warnte er vor einer Vermischung der "Rassen", weil das die Qualität der "arischen Ur-Rasse" sowie der Menschheit insgesamt gefährde. 

Die Theorie Gobineaus stieß bei seinen Zeitgenossen erst auf wenig Interesse, doch Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung fand sie immer größeren Anklang. Viele Wissenschaftler und Gelehrte nutzten sie, um eigene Abhandlungen zum Thema zu verfassen. Einer von ihnen war Houston Stewart Chamberlain (der spätere Schwiegersohn Richard Wagners). 1899 veröffentlichte der Brite sein Buch "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts", in dem er die rassentheoretischen Annahmen Gobineaus auf ein neues Level hob.

Chamberlain verherrlichte die deutsche "germanische Rasse". Da ihm aber durchaus bewusst war, dass nicht alle Deutschen dem physischen Ideal der Arier nach Gobineau entsprachen, berief er sich auf Werte, die seiner Ansicht nach durch das Blut bestimmt würden: Ehrlichkeit, Treue und Fleiß seien gemeinsame Merkmale der Deutschen. Die "jüdische Rasse", der es an Kreativität und Idealismus fehle und die nur materialistisch gesinnt sei, sah er als Bedrohung der "germanischen Arier" an. 

Zwar gestand Chamberlain einzelnen Juden durchaus eine gewisse edle Gesinnung zu, hob aber gleichzeitig ihre "Unfähigkeit und ihre Unterlegenheit" gegenüber der "arischen Rasse" hervor.

Chamberlains Werk kam bei den Deutschen gut an; zu seinen Bewunderern zählte auch Kaiser Wilhelm II., der ihn wiederholt an den Hof einlud.

Brüder im Geiste: Chamberlain und Hitler

1917 trat Chamberlain in die rechtsradikale, völkisch und antisemitisch orientierte Deutsche Vaterlandspartei ein. Am 30. September 1923 stattete Hitler ihm einen Besuch ab und hinterließ offenbar einen starken Eindruck. Wenige Tage nach dem Treffen schrieb Chamberlain an den späteren "Führer": "Daß Deutschland in der Stunde der Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein." Hitler wiederum betrachtete Chamberlain als einen der "Evangelisten" seiner Weltanschauung; in seinem Buch "Mein Kampf" bezieht er sich immer wieder auf Chamberlain und preist wie dieser die Überlegenheit der "arischen Rasse" an.

Die Nazis missbrauchten den Begriff Arier, um ihre unmenschliche Ideologie zu rechtfertigen. Rassisten in aller Welt nutzen ihn noch heute.