Ganz gleich wie der Krieg zwischen den USA und dem Iran ausgeht - die weltweiten Energiemärkte werden noch lange für die Rückkehr zur Normalität brauchen. Und viele Beobachter sind davon überzeugt, dass die explodierenden Spritpreise dem Siegeszug der erneuerbaren Energien einen entscheidenden Schub geben werden.
Denn im Hintergrund des aktuellen Kräftemessens am Persischen Golf pokern die beiden größten Volkswirtschaften der Welt, wie die globale Energie-Architektur der Zukunft aussehen wird - und wer sie dominiert. Die Akteure: die USA unter Donald Trump, der mit vollem Einsatz die Produktion von Öl und Gas hochfährt und China, das seit mehr als einem Jahrzehnt auf dem Weg vom weltweit größten CO2-Verursacher zum globalen Taktgeber der elektrischen Energierevolution ist.
Die Amerikaner wollen das fossile Zeitalter möglichst lange am Leben erhalten, während die Chinesen ihre Strategie, die Welt mit Solarpanels, Batteriespeichern und E-Autos "Made in China" zu dominieren, Stück für Stück umsetzen.
"In den USA ist es ganz klar die Energiedominanz-Agenda, die stark auf fossile Energiemärkte setzt, die versucht, den Energiereichtum der USA im fossilen Bereich außenpolitisch zu nutzen. Das geht soweit, dass versucht wird, andere ressourcenreiche Staaten wie Venezuela unter Kontrolle zu bringen, beziehungsweise deren Ressourcen, Produktion und Export zu steuern", sagt Energieexperte Andreas Goldthau im Interview mit der DW.
"Auf der anderen Seite haben wir China, das ganz stark auf Dekarbonisierung setzt, auf den Clean Tech-Bereich (erneuerbare Energien plus Atomenergie, d. Red.), auf eine Reduktion der Importe von Öl und Gas. Das ist nicht nur eine Frage von Klimapolitik. Im Gegenteil, es ist eine Frage von wirtschaftlicher Sicherheit", erklärt Goldthau, Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt.
Ganz gleich, ob es um smarte Energienetze geht, Solar- oder Windkraft - nichts geht mehr ohne chinesische Produkte und Komponenten bis hin zu Seltenen Erden. "Da haben sie stark aufgeholt, auch bei Elektrolyseuren (zur Produktion von grünem Wasserstoff, d.
Schon heute werden nach Analysen der Internationalen Energieagentur (IEA) und der Berater von McKinsey zwischen 60 und 70 Prozent aller E-Autos weltweit in China gebaut. Und weil das Wirtschaftswachstum in der Volksrepublik schwächelt, entstehen enorme Überkapazitäten, die verstärkt nach Europa exportiert werden.
Auch bei grünen Schlüsseltechnologien hält Peking alle Trümpfe in der Hand. China kontrolliert heute etwa 80 Prozent der globalen Lieferkette für Photovoltaik. In einigen Teilbereichen (wie der Produktion von Silizium-Wafern) liegt der Anteil sogar bei über 95 Prozent.
Auch der Anteil Chinas an der weltweiten Produktion von Windturbinen ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Nach Zahlen der World Wind Energy Association (WWEA) und den Daten von Bloomberg New Energy Finance (Bloomberg NEF) entfielen 2025 rund 72 Prozent des Weltmarktes für neue Windturbinen auf China.
Zwischen 2020 und 2025 haben sich die Exporte von grüner Technologie aus China mehr als vervierfacht und 2025 steuerte der Clean-Energy-Bereich nach Berechnungen des Energie-Think Tanks Ember mehr als ein Drittel zum gesamten BIP-Wachstum Chinas bei.
Auf der anderen Seite stehen die USA unter Donald Trump bei erneuerbaren Energien auf dem Bremspedal und geben mächtig Gas beim Ausbau fossiler Energien.
"Es ist kein Geheimnis, dass die USA unter Trump eine Politik der "Energy Dominance" verfolgen. Diese Politik findet ganz öffentlich statt. Energieminister Chris Wright redet schon seit Jahren darüber. Und diese Dominanz soll dadurch hergestellt werden, dass die USA die einheimische Öl und Gasproduktion und den Export hochtreiben. Dazu will man die Kontrolle über ausländische Assets erlangen, wie zum Beispiel in Venezuela und was vielleicht im Iran noch passiert", sagt Henning Gloystein, Leiter der Abteilung Energie, Industrie und Rohstoffe im Londoner Büro des New Yorker Beratungsunternehmens Eurasia Group.
In nur 20 Jahren wurden die Vereinigten Staaten vom weltweit größten Importeur von Öl und Gas zum größten globalen Gas-Exporteur und zu einem der dominanten Öl-Exporteure, rechnet Energieminister Wright vor. Möglich wurde das durch die "Shale Revolution", den Fracking-Boom in den USA, der die Fördermengen von Erdgas und Öl massiv in die Höhe getrieben hat. "Heute produzieren die Vereinigten Staaten mehr Öl als Saudi-Arabien und Russland zusammen und mehr Erdgas als Russland, Iran und China zusammen - und sichern sich damit ihre Rolle als unangefochtener globaler Energieführer", gibt sich das Weiße Haus auf seiner Webseite selbstbewusst.
Ist damit Öl für Trump primär ein geopolitischer Machtfaktor, den es zu besitzen und zu steuern gilt? "Absolut", sagt Eurasia Group-Experte Gloystein im Interview mit der DW. Das sehe man an der Art, wie die USA mit ihren Handelspartnern verhandeln. "Letztes Jahr haben die USA gesagt: Im Gegenzug für relativ niedrige Zölle muss Europa mehr amerikanisches Öl und Gas kaufen." Das gleiche Spiel betreibe die US-Regierung auch mit anderen Handelspartnern wie Japan, Thailand oder Indien. Dabei setzen die USA auf möglichst lange Lieferverträge.
"Die USA sind die größte Quelle für das Wachstum der Ölproduktion weltweit", unterstreicht Fatih Birol. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris warnt aber davor, nur auf fossile Energieträger zu blicken. "Wir dürfen nicht vergessen: Energiesicherheit im 21. Jahrhundert bedeutet nicht nur die Verfügbarkeit von Öl und Gas, sondern auch die Diversifizierung von Lieferketten für saubere Technologien.“
Und da hat China eindeutig die Nase vorn.
Für die Energieexperten Gloystein und Goldthau geht der globale Trend aber eindeutig in Richtung erneuerbare Energien - nicht erst seit dem Irankrieg, der Hormus-Blockade und den exorbitanten Preisen für Öl und Gas. Aber wer wird sich am Ende durchsetzen? Die fossile Energiedominanz der USA oder der von Peking vorangetriebene elektrifizierte Staat?
"Wenn ich jetzt irgendwo mein Geld hinlegen sollte und auf etwas wetten sollte", so Goldthau, "würde ich sagen, es ist der Elektrostaat, der nicht nur versucht, die Versorgung aus heimischen Energieträgern und damit zum großen Teil aus Erneuerbare Energien zu steuern, sondern vor allem auch die Technologien entwickelt, die andere benötigen."