"Die Afrikanische Union beobachtet die Lage rund um die Straße von Hormus sehr genau, weil sie Auswirkungen auf eine Reihe strategischer Güter hat, die für afrikanische Wirtschaften unentbehrlich sind", sagt Willy Nyamite, burundischer AU-Botschafter und aktueller Vorsitzender des ständigen Botschafterkomitees, zur DW.
Eine Rückkehr zur freien Seefahrt durch die strategisch wichtige Meerenge, wie es vor den amerikanisch-israelischen Angriffen auf Iran der Fall war, liegt noch in weiter Ferne. Und selbst dann würde es noch Monate dauern, bis Transport und Produktion wieder reibungslos funktionieren und auch auf den Märkten wieder Normalität einkehren würde.
Bereits lähmt die Knappheit an fossilen Treibstoffen Teile des Kontinents: In Äthiopien wird Diesel bevorzugt an den öffentlichen Nahverkehr ausgegeben und fehlt privaten Kunden; in Südsudans Hauptstadt Juba wird mittels rotierender Stromabschaltungen die Leistung des Ölkraftwerks gedrosselt.
Weniger im Fokus, aber ähnlich kritisch sind auch Engpässe und Preisanstiege bei chemischen Düngemitteln: Vor Kriegsbeginn kamen fast 50 Prozent des weltweiten in Phosphatdünger verarbeiteten Schwefel über die Straße von Hormus; auch für die Vorprodukte Urea und Ammoniak war der Anteil hoch.
Während bei Diesel, Benzin und Kerosin vielerorts längst nationale Notfallmaßnahmen greifen, sind viele Lösungen im Bereich Düngemittel noch im Entwurfsstadium.
Und auch eine andere Sofortlösung hat sich in einer anderen Krise der jüngeren Vergangenheit bewährt: Afrikanische Düngemittel-Importeure könnten ihre Beschaffung bündeln - so wie die EU ihre Marktmacht zur schnellen und preiswerten Versorgung mit Corona-Impfstoffen ausnutzte.
KAS-Expertin Anja Berretta spricht von einer realistischen Option, die leicht umzusetzen sei: "Man redet ja nicht über technische Kapazitäten oder Finanzierung - die afrikanischen Länder müssten einfach sagen, wir machen das jetzt gemeinsam." Und selbst wenn eine Komplettlösung über die Afrikanische Union scheitere, könnten Regionalgemeinschaften wie die westafrikanische ECOWAS oder die Ostafrikanische Gemeinschaft hier Erfolge erzielen.
Subsahara-Afrika geht gemessen an der landwirtschaftlichen Fläche bereits extrem sparsam mit Dünger um: Laut Daten der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, nutzen Landwirte in der Region durchschnittlich 20,5 Kilogramm Dünger pro Hektar - gegenüber knapp 144 Kilogramm im globalen Durchschnitt (Daten von 2021 vor dem Ukraine-Krieg). Wenn jedoch noch weiter gespart wird, drohen geringere Erntemengen bei Mais, Reis und Weizen, und als Folge davon eine Nahrungsmittelinflation. Afrika braucht den Dünger also dringend. Dabei drängt die Zeit: Die Pflanzsaison hat bereits begonnen.
Um langfristig weniger anfällig für externe Schocks wie den Kriegen in der Ukraine und dem Iran zu werden, wäre der sicherste Weg, die eigenen Produktionskapazitäten aufzubauen. Die bisherigen Schwergewichte sind Marokko und Ägypten, die jeweils über große Phosphat-Vorkommen verfügen, jedoch zur Herstellung ebenfalls auf Schwefel aus den Golfstaaten angewiesen sind. Doch auch etwa die nigerianische Dangote-Gruppe will die Produktion ausweiten und plant neue Urea-Fabriken in Nigeria und Äthiopien.
"Die AfCFTA ist ein zentraler Teil der Lösung", sagt AU-Botschafter Nyamitwe mit Blick auf die Folgen der Hormus-Blockade. "Bei der Afrikanischen Union glauben wir daran, dass durch eine beschleunigte Implementierung der AfCFTA afrikanische Staaten resilientere regionale Wertschöpfungsketten in kritischen Bereichen wie Landwirtschaft, Energie, Gesundheit und Produktion aufbauen können."
Vor wenigen Tagen beschloss die AU zudem eine Strategie zur Elektro-Mobilität, mit der auch die Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen verringert werden soll. Demnach sind auf dem ganzen Kontinent erst rund 132.000 Motorräder, Autos und andere Fahrzeuge mit E-Antrieb zugelassen. Wenn sie zum Massengut werden, wäre auch das ein Beitrag, der Afrika besser für künftige externe Schocks rüsten würde.