Als Friedrich Merz vor rund einem Jahr zum Bundeskanzler vereidigt wurde, war die Hoffnung in den Unternehmensetagen gewaltig. Auf dem Weg ins Kanzleramt hatte der CDU-Chef nicht weniger als eine "Wirtschaftswende" versprochen. Mit ihm als Regierungschef werde vor jeder politischen Entscheidung die Frage gestellt: "Dient diese Maßnahme der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands?"
Das klang glaubhaft. Schließlich hatte Merz vor seiner Rückkehr in die Politik sein Geld in der Wirtschaft verdient. Vier Jahre war er Aufsichtsratsvorsitzender der Investmentgesellschaft Blackrock in Deutschland. "Mehr Kapitalismus wagen", heißt der Titel eines Buches, das er geschrieben hat.
Mit ihm werde es "keine linke Politik mehr in Deutschland" geben, hatte Merz als Kanzlerkandidat in Aussicht gestellt und kurz nach seinem Amtsantritt mehr wirtschaftliche Effizienz gefordert. "Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance allein werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können."
Von der Deutschen Industrie- und Handelskammer, die vor allem die mittelständischen Unternehmen vertritt, heißt es: "Deutschland gilt inzwischen als kompliziertes und teures Bürokratenland.
Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks spricht von "Reformfrust statt Wirtschaftsaufbruch". Die Belastungen im Betriebsalltag hätten sich "eher verstetigt, teilweise sogar weiter erhöht, aber ganz sicher nicht verringert".
Tatsächlich werden in Deutschland so viele Unternehmens-Insolvenzen gemeldet wie zuletzt nach der Finanz- und Wirtschaftskrise vor mehr als zehn Jahren. Die Konjunktur stagniert, Wachstum ist nicht in Sicht. Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist so schlecht wie zuletzt in der Corona-Pandemie im Mai 2020.
Das Geschäftsklima wird regelmäßig von den Wirtschaftsforschern des ifo-Instituts gemessen. Über alle Branchen hinweg sinke es, wird aktuell vermeldet. Die Erwartungen sind pessimistisch, wozu der Iran-Krieg und die anhaltende Krise im Nahen Osten massiv beitragen. Der Ölpreis ist anhaltend hoch, Kerosin wird sogar knapp. Die Blockade der Meerenge von Hormus führt zu Lieferengpässen in vielen Bereichen, die Inflation steigt. Die Hoffnungen auf einen Aufschwung sind vorerst dahin.
Das alles ist dem Kanzler genauso bewusst wie die enttäuschten Erwartungen. "Ich weiß, die Stimmung im Land ist kritisch, sie ist sogar sehr kritisch", sagte Friedrich Merz Anfang Mai beim diesjährigen Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrats - also dort, wo er vor einem Jahr noch gefeiert wurde.
Es sei aber tatsächlich auch "seit dem Zweiten Weltkrieg vermutlich die herausforderndste Zeit für eine Bundesregierung, für eine Gesellschaft und nicht zuletzt auch für sie, für die Wirtschaft", formulierte er ebenfalls Anfang Mai vor der Industrie- und Handelskammer. Ja, es müsse sich noch viel ändern in Deutschland und er könne die Kritik und die Ungeduld in der Wirtschaft nachvollziehen. "Ich verstehe auch den weit verbreiteten Wunsch, dass wir am besten heute etwas tun, und morgen ist das Problem gelöst." Was sich über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut habe, sei aber nicht im Handumdrehen aufzulösen. "Einen Staat verändert man nicht in einer Woche oder in einem Monat."
Gemeinsam Reformen zu erarbeiten, das brauche Zeit. Der Kanzler spricht von den Mühen der demokratischen Ebene und mahnt zur Geduld. Doch die ist in der Wirtschaft weitgehend verloren gegangen.
Zur Koalition mit der SPD sieht der Kanzler keine Alternative. Auch Neuwahlen schließt er aus. "Wir wollen und wir müssen mit dieser Koalition, die wir jetzt haben, erfolgreich sein", sagte er auf dem Wirtschaftstag. "Ich bin fest entschlossen, diese Koalition zum Erfolg zu führen."
Doch immer weniger Menschen glauben, dass Merz das gelingen kann. Der aktuelle ARD-Deutschlandtrend zeigt, dass die Zuversicht massiv gesunken ist. Traute im Juni 2025 noch gut die Hälfte der Bürger der Regierungskoalition zu, die Wirtschaft voranzubringen, sind es gegenwärtig weniger als halb so viele. 71 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut infratest dimap befragten Bürger geben an, sie hätten kein Zutrauen.
So sieht es offenbar auch die Wirtschaft. Der Bundesverband der deutschen Industrie stellt fest: "Die Unternehmen investieren, wenn überhaupt, vor allem im Ausland."