Der Eurovision Song Contest 2026 in Wien ist noch nicht gestartet - und steht trotzdem seit Monaten im Zentrum heftiger Debatten. Es geht weniger um die großen Pop-Inszenierungen als um die politischen Spannungen, die, obwohl es seit Jahren heißt, der Wettbewerb sei unpolitisch, immer schwerer zu ignorieren sind.
Doch genau das wird zu einer Herausforderung, die von Jahr zu Jahr wächst - parallel zu den politischen Krisen, die einige Teilnehmerländer betreffen.
Wie schon in den vergangenen Jahren steht Israel besonders im Fokus. Vor dem Hintergrund des Gaza-Kriegs fordern Aktivisten und Teile der Kulturszene erneut einen Ausschluss oder Boykott des Landes. Zuletzt unterschrieben mehr als 1100 Künstlerinnen und Künstler einen offenen Brief mit einer deutlichen Botschaft: Kein ESC, solange Israel dabei ist. Unterstützer der Initiative "No Music For Genocide" sind unter anderem internationale Stars wie Peter Gabriel, Massive Attack, Roger Waters, Macklemore oder Brian Eno.
Dagegen hatten rund 1.100 Mitglieder aus dem Showbusiness, darunter Helen Mirren, Amy Schumer und Gene Simmons, Ende April einen offenen Brief der pro-israelischen Initiative "Creative Community for Peace" unterzeichnet, in dem sie sich für die Teilnahme Israels aussprechen. "Wir sind schockiert und enttäuscht darüber, dass einige Mitglieder der Unterhaltungsbranche fordern, Israel wegen seiner Reaktion auf das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust vom Wettbewerb auszuschließen", heißt es in dem Schreiben.
Die Wiener Polizei rechnet besonders am Finaltag mit Stör- und Blockadeaktionen. Für den 16.
Israel, das den Sänger Noam Bettan mit "Michelle", einem auf den ersten Blick gewöhnlichen Herzschmerz-Popsong, nach Wien schickt, soll jedoch nicht ausgeschlossen werden, da hält die European Broadcasting Union (EBU) an ihrer Linie fest: Der Wettbewerb sei ein Zusammenschluss von Rundfunkanstalten, nicht von Regierungen.
Einige Länder haben daher deutliche Konsequenzen gezogen: Irland, die Niederlande, Slowenien und Island - alles ESC-Veteranen - bleiben dem Wettbewerb fern.
Neben geopolitischen Themen sorgte zwischenzeitlich auch der rumänische Beitrag für Diskussionen. Das Lied "Choke Me" (in etwa: "Würge mich") von Alexandra Căpitănescu zeige "eine alarmierende Missachtung der Gesundheit und des Wohlbefindens junger Frauen", wird eine Rechtsprofessorin im "Guardian" zitiert. Căpitănescu singt unter anderem: "Alles, was ich brauche, ist deine Liebe, ich möchte, dass es mich würgt". Nach den Vorwürfen der Gewaltverherrlichung erklärte die Sängerin auf Reddit, dass "Choke Me" eine Metapher sei - für den Druck und die inneren Ängste, die man sich selbst auferlege; Titel und Refrain seien nicht wörtlich zu nehmen.
Die Reaktionen zeigen, wie sensibel das Umfeld geworden ist.
Die ukrainische Sängerin Viktoria Leléka tritt mit einem Song an, der in Berlin entstanden ist und mit einer Mischung aus Ethnopop und Musical die Herzen der ESC-Fans erobern möchte. In einem ARD-Interview erzählte sie, wie sehr sie Deutschland und seine Sprache mag, und wie wichtig es ihr ist, in einer Zeit der russischen Aggression gegen ihr Land ihrer Heimat und deren vielfältiger Kultur eine Stimme zu geben.
Musikalisch zeichnet sich ein typisches ESC-Jahr ab: große Emotionen, starke Bühnenbilder und immer wieder tanzbarer explosiver Elektropop.
Finnland steht mit dem Pop-Klassik-Duo Linda Lampenius x Pete Parkkonen ebenfalls im ersten Semifinale und auch diese beiden können sich gute Chancen auf den Sieg ausrechnen.
Für Österreich als Gastgeber und auch für Big-Five-Mitglied Deutschland sieht es dagegen nicht so gut aus, auch wenn beide traditionell fürs Finale gesetzt sind. Dieses wird am 16. Mai stattfinden und weltweit Millionen Zuschauer vor die Bildschirme locken.
Während Europa sich auf Wien konzentriert, richtet sich auch der Blick nach Asien: Am 14. November soll in der thailändischen Hauptstadt Bangkok der erste Eurovision Song Contest Asia stattfinden. Zehn Länder, darunter die Philippinen, Südkorea und Vietnam, haben bereits zugesagt.
Ein Versuch, den Contest in den USA zu etablieren, ist gescheitert.
Dieser Artikel vom 05. Mai wurde am 07. Mai um einen Absatz zum offenen Brief von "Creative Community for Peace" ergänzt.