EU: Warum Drohnen den Pestizidverbrauch nicht senken werden
Theoretisch klingt die Idee gar nicht so schlecht: Anstatt mit Traktoren Pestizide in großen Mengen über Feldern auszubringen, könnten Drohnen die Unkraut-, Pilz- und Insektenvernichtungsmittel präzise nur dort versprühen, wo sie tatsächlich nötig sind.
Denn das könnten Drohnen schließlich: Ein Feld scannen, befallene Stellen identifizieren und gezielt behandeln. Auf diese Weise ließe sich der Einsatz von Pestiziden deutlich reduzieren, heißt es im EU-Gesetzgebungspaket "Omnibus X". Schließlich möchte der Staatenbund den Verbrauch der chemischen Pflanzenschutzmittel bis 2030 halbiert haben.
Bisher gab es in der EU allerdings ein jahrzehntelanges Verbot, Pestizide aus der Luft auf landwirtschaftliche Flächen zu sprühen. Ausnahmeregelungen galten nur für schwer zu bearbeitende Gelände wie steile Weinberghänge. Das soll sich mit "Omnibus X" nun ändern. Im Mai dieses Jahres gab der Europäische Rat grünes Licht für das Gesetzgebungspaket.
Drohnen führen nicht automatisch zu weniger Pestiziden
"Ich halte es grundsätzlich für sinnvoll, Sprühdrohnen regulatorisch von klassischer Luftausbringung zu unterscheiden", sagt Thomas Daum, Agrarökonom und Humanökologe an der School of Global Studies an der Universität Göteborg. Er beschäftigt sich mit neuen Technologien und deren Auswirkungen in der Landwirtschaft. Verglichen mit einem Flugzeug oder Hubschrauber, ermöglichen Drohnen grundsätzlich ein präziseres Sprühen.
Aber: "Die Drohne selbst spart noch kein Pestizid", sagt Daum. Er sieht durchaus Potential, mit Hilfe von Drohnen gezielter auf Schädlingsbefall reagieren zu können - und so den Gesamtverbrauch zu verringern. Ein weiterer Vorteil für Landwirte könnte außerdem sein, schnell auf einen Befall zu reagieren "auch bei nassen Böden oder schwer zugänglichem Gelände".
"Gleichzeitig senkt diese Flexibilität aber die Hürden für eine Behandlung und könnte deshalb auch dazu führen, dass insgesamt häufiger gespritzt wird", sagt Daum. Das könnte zu einem technischen Lock-in führen - also dazu, dass eine effizientere Anwendung die Abhängigkeit von chemischem Pflanzenschutz verfestigt.
"Omnibus X" soll Verwaltungsaufwand und Geld sparen
Die chemischen Pflanzenschutzmittel selbst sind es, die vielen Forschenden Sorgen bereiten. Denn mit "Omnibus X" soll nicht nur der Einsatz Sprühdrohnen erleichtert, sondern auch die Zulassungsmechanismen für Pestizide neu geregelt werden.
Als der Europäische Rat "Omnibus X" im Mai abnickte, äußerte eine Gruppe Forschender von 27 europäischen Forschungseinrichtungen scharfe Kritik. Einer davon ist Carsten Brühl, Biologe am Institut für Umweltwissenschaften an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU). Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Pestiziden auf die Umwelt. Brühl nennt "Omnibus X" ein "Deregulierungspaket" und klingt dabei ziemlich entsetzt.
Bisher sind Pestizid-Wirkstoffe meist für zehn Jahre auf EU-Ebene zugelassen. Nach Ablauf dieser Frist können Hersteller eine Weiterzulassung beantragen und müssen dabei erneut Daten zur Sicherheit des Wirkstoffs vorlegen. Dieses Prüfverfahren hat seit seiner Implementierung 2011 dazu geführt, dass 59 Wirkstoffe keine Neuzulassung erhalten haben. Sie wurden als bedenklich für die Gesundheit von Mensch und Umwelt eingestuft.
Ziel des "Omnibus X" -Pakets sei es vor allem, Verwaltungskosten einzusparen, Bürokratie abzubauen und für eine "faire Behandlung von Unternehmen und gleichzeitig für einen fairen Wettbewerb [...]" zu sorgen heißt es in der Pressemitteilung der EU.
Forschende warnen: "Omnibus X" schadet am Ende Mensch und Umwelt
Die Kritik der europäischen Wissenschaftler: Viele Wirkstoffe würden unbegrenzt zugelassen und eine regelmäßige Neubewertung entfalle. Außerdem sollen die Übergangsfristen nach Ablauf der Zulassung von 18 Monate auf drei Jahre verlängert werden. Carsten Brühl nennt das "fahrlässig". Weil es bedeutet, dass auch Wirkstoffe, die im Verdacht stehen, gesundheitsschädlich zu sein, weiter auf dem Markt bleiben können. Siehe Glyphosat.
Es sollte aber doch das Vorsorgeprinzip gelten, sagt Brühl. Dieser politische Grundsatz besagt, dass potentielle Schäden für Mensch und Natur vorausschauend vermieden werden müssen, selbst dann, wenn noch kein abschließender wissenschaftlicher Beweis vorliegt.
Die wissenschaftliche Datenlage ist, was Pestizide betrifft, ohnehin lückenhaft. Das Risiko eines Wirkstoffs würde aus den Ergebnissen von Laborstudien abgeleitet, sagt Brühl. Wie sich dieser Wirkstoff aber tatsächlich langfristig unter verschiedenen Umweltbedingungen und im Zusammenspiel mit anderen Pestiziden verhält, das sei zum Zeitpunkt der Zulassung unklar. Deshalb seien die regelmäßigen Neubewertungen so wichtig.
Brühl befürchtet nun aber, dass "Omnibus X" das wissenschaftliche Interesse an der Erforschung dieser Wirkstoffe zunichte machen könnte. Weil es uninteressant wäre "sich mit einem System zu beschäftigen, auf das ja sowieso kein Einfluss mehr genommen werden kann".
Landwirtschaft geht auch ohne Pestizide
Zu einer geringeren Pestizidnutzung wird die neue EU-Gesetzgebung nicht beitragen, da ist sich Brühl sicher. Auch nicht mit Hilfe von Drohnen und dem Verkaufsargument des präzisen Sprühens. Bei Fungiziden funktioniere das gar nicht, sagt Brühl. Fungizide wirken gegen Pilzbefall und müssen prophylaktisch gesprüht werden, denn wenn die Pflanze erstmal befallen ist, ist sie nicht mehr zu retten.
Dabei geht es auch anders, sagt Brühl. Ganz ohne Pestizide. Durch den sogenannten "Integrierten Pflanzenschutz". Das ist keine Hippie-Öko-Phantasie, sondern ein Konzept zur nachhaltigen Regulierung von Schadorganismen, das 2012 in Deutschland gesetzlich verankert wurde.
Kurz nachdem im Mai “Omnibus X" mit den neuen Vorschriften zu Drohnen und Pestiziden grünes Licht vom EU-Rat bekam, erinnerte der wissenschaftliche Beirat des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln die deutsche Bundesregierung in einer Stellungnahme an ihr eigenes Gesetz. Federführender Autor war Carsten Brühl.
Die Forschenden schreiben, der integrierte Pflanzenschutz sehe vor, chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel nur als letzte Option einzusetzen. Ziel sei es, Ertrag und Qualität zu sichern, aber auch negative Konsequenzen für Mensch und Natur zu minimieren und Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel vorzubeugen. Das kann funktionieren, wenn bestimmte Fruchtfolgen berücksichtigt und Mischkulturen bevorzugt werden. Schädlingen kann durch die Ansiedlung von Fressfeinden durch Blühstreifen oder Hecken der Garaus gemacht und Unkraut mechanisch entfernt werden.
Das Problem: Pflanzenschutzmittel zu versprühen ist oft der weniger zeitintensive und damit billigere Weg. Außerdem hält sich die Erzählung hartnäckig, dass Pestizide notwendig seien, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Was dieses Narrativ auslässt, ist, dass die Monokulturen und die durch Pestizide gestörten Ökosysteme in der Landwirtschaft anfälliger sind für sich ändernde Umweltbedingungen. Das gefährde die Ernährungssicherheit, sagt Carsten Brühl, "weil man ein System am Start hat, das mit dem Klimawandel nicht klarkommt".