Die Filmfestspiele Venedig gelten als ein glanzvoller Höhepunkt der Preisverleihungssaison. In diesem Jahr könnte Glamour allerdings erst an zweiter Stelle stehen: Politik und politische Filme dominieren.
Die 83. Internationalen Filmfestspiele von Venedig starten am 2. September mit Danny Boyles "Ink", der Film erzählt von der Übernahme der britischen Boulevardzeitung The Sun 1969 durch Rupert Murdoch und der damit verbundenen Entstehungsgeschichte seines rechtsgerichteten Medienimperiums.
Während der elf Tage auf dem Lido erwarten das Publikum außerdem Filme über Israel und den Gazastreifen, den Ukraine-Krieg, den von der CIA unterstützten Putsch in Pinochets Chile, die Razzien der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis und eine Dokumentation über den reichsten Mann der Welt.
Festival-Direktor Alberto Barbera spricht von Venedigs bisher politischster Ausgabe.
Im diesjährigen Wettbewerb läuft "Naza", ein Dokumentarfilm der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor ("No Other Land"), in dem sie die Tötung palästinensischer Zivilisten im Gazastreifen durch das israelische Militär beleuchten.
Die amerikanisch-russische Regisseurin Julia Loktev beschäftigt sich in "My Undesirable Friends II - Exile" mit dem harten Vorgehen des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen unabhängigen Journalismus - eine Fortsetzung ihrer Dokumentation von 2024.
Seine Weltpremiere wird Andrei Kutsilas Film "Letters From the Silenced Country" haben. Die DW-, ZDF/Arte- und TVP-Coproduktion thematisiert die Unterdrückung in Kutsilas Heimatland Belarus
Als "kurzen Horrorfilm" bezeichnet die Oscar-prämierte Regisseurin Laura Poitras ("Citizenfour") ihre Dokumentation "They're Here", für den sie zusammen mit Co-Regisseurin Rachel Lauren Mueller bisher unveröffentlichtes Material über die Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis im vergangenen Januar zusammengetragen hat.
Das Feld der politischen Filme und der damit verbundenen polemischen Debatten hat Venedig bislang den anderen großen Europäischen Festivals überlassen - vor allem Berlin und in geringerem Maß auch Cannes.
Venedig hat sich dagegen erst in den vergangenen zwei Jahren verstärkt dem politischen Kino zugewandt.
2025 feierte der Film "The Voice of Hind Rajab" von Regisseurin Kaouther Ben Hania Weltpremiere in Venedig. Das erschütternde Doku-Drama rekonstruiert das Schicksal eines fünfjährigen palästinensischen Mädchens und dessen Familie, die durch israelische Streitkräfte in Gaza-Stadt getötet wurden.
Nur wenige Tage zuvor hatten tausende Menschen auf dem Lido gegen den Krieg im Gazastreifen protestiert.
Einwände gibt es auch gegen vom Festival ausgewählte russische Filme.
Das ukrainische Außenministerium, das Kulturministerium und die ukrainische Botschaft in Italien haben eine formelle Beschwerde gegen Barberas Entscheidung eingereicht, den Film "DAU" im Wettbewerb zu zeigen.
Khrzhanovsky ist in Russland geboren, hat jedoch seine russische Staatsbürgerschaft aufgegeben und lebt nun im Exil in Berlin. Doch sein Hauptdarsteller, der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis, lebt und arbeitet nach wie vor in Russland und hat den Krieg gegen die Ukraine nie öffentlich verurteilt.
In ihrem Statement sprechen die ukrainischen Ministerien angesichts des Kriegs von einem zutiefst beunruhigenden Signal, das von der Teilnahme des Films am Wettbewerb ausgehe.
Davon lässt sich Barbera nicht beirren. Er bezeichnete die Kritik als "Verleumdungskampagne" von Menschen, die den Film nicht gesehen hätten.
Doch seinen Hollywood-Stars hält Venedig weiter die Treue. Robert Pattinson - bekannt aus "Twilight" und "Batman" - ist in "Primetime" zu sehen, wo er einen umstrittenen US-Reality-TV-Produzenten spielt.
John Malkovich und Sam Rockwell sind als CIA-Agenten im Film "Wild Horse Nine" von Regisseur Martin McDonagh ("Three Billboards Outside Ebbing, Missouri") zu sehen. Er spielt am Vorabend des Pinochet-Putsches.
Das Schauspiel-Ehepaar Penélope Cruz und Javier Bardem spielt auch in Florian Zellers Film "Bunker" ein Ehepaar. Es geht um einen Architekten, der einen Bunker für einen Milliardär bauen soll.
George Clooney und die 93-jährige Schauspiellegende Ellen Burstyn kommen vorbei, um sich Goldene Löwen für ihr Lebenswerk abzuholen.
Wim Wenders, der gerade erst viel Gegenwind auf der Berlinale bekommen hatte, ist mit einem deutlich ruhigeren Werk auf dem Lido vertreten: ein 3D-Dokumentarfilm über das Werk des Schweizer Architekten Peter Zumthor.
Werner Herzog, der letzte wilde Filmemacher des deutschen Kinos der 1970er Jahre, kehrt mit "Bucking Fastard" nach sieben Jahren zum Spielfilm-Genre zurück. In den Hauptrollen sind die echten Schwestern Kate und Rooney Mara zu sehen.
Und für alle, die für einen Moment die Welt vergessen und sich einfach nur zurücklehnen und mitsingen möchten, werden Liam und Noel Gallagher auf dem Lido erwartet - zur Premiere der Doku über die Oasis-Reunion "Don't Look Back in Anger".