"Fußballer möchten genau wie Paare die positiven Dinge"
DW: Frau Nordhaus, woran muss man arbeiten, wenn man seiner Beziehung eine zweite Chance geben möchte? Und was sind die Fallstricke, warum es wieder scheitern könnte?
Petra Nordhaus: Das eine ist erstmal die Frage: Was hat man für einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund? Wie tragfähig war die Beziehung, während man zusammen war? Gibt es noch alte Verletzungen, die zwischen den Partnern stehen? Genauso: Wie ist die Trennung vollzogen worden? Hat es Schwierigkeiten gegeben oder haben es beide akzeptieren können? Ist es zu neuen Verletzungen gekommen?
Und letztlich auch: Was ist in der Zwischenzeit gewesen? Wie haben beide ihr Leben gelebt oder sich weiterentwickelt? Und auf wen trifft man jetzt eigentlich? Die Frage ist häufig: Ist der, mit dem man jetzt zusammen sein möchte, noch der, der er mal war?
Bestimmte Schwierigkeiten, die man miteinander gehabt hat, tauchen während der Trennung mit Abstand logischerweise nicht auf. Wenn die Dynamiken, die dahinterstecken, aber nicht geklärt sind, werden sie höchstwahrscheinlich weiterwirken und eventuell neu aufflammen.
In der Fußball-Bundesliga gibt es diesen Sommer den Trend, dass viele Spieler nach einiger Zeit bei anderen Vereinen zu dem Klub zurückkehren, bei dem sie früher bereits erfolgreich und glücklich waren. Sehen Sie da Parallelen zu Partnerschaften oder Liebesbeziehungen?
Grundsätzlich schon, auch unter der Fragestellung: Was braucht es, damit es funktionieren kann? Nehmen wir bei Werder Bremen das Beispiel Niclas Füllkrug. Er ist in Bremen groß geworden und hat bei seiner Rückkehr gesagt, dass er in einer anderen Währung bezahlt wird als nur mit Geld - nämlich in Emotion.
Das ist der Punkt: Wenn man eine gute, tragfähige Beziehung miteinander gehabt hat, kann man dementsprechend anknüpfen. Niclas Füllkrug hat sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt, viele Erfahrungen gesammelt, auch im Ausland, war in der Nationalmannschaft.
Daher gehe ich davon aus, dass der Verein auch eine veränderte Erwartungshaltung an den Spieler haben könnte. Dass er nicht mehr unbedingt die Rolle hat, die er in der Vergangenheit hatte. Dann ist die Frage: Ist das eine Rolle, die ihm entspricht und die er auch ausfüllen möchte und kann?
Die Struktur des Vereins auf der anderen Seite wird sich nicht verändert haben. Da wird man irgendwo anknüpfen können und es wird dem Spieler Sicherheit und ein Vertrautheitsgefühl geben. Aber die Spielerkollegen und der Trainer haben sich verändert - und damit muss man einen Umgang finden.
Bei Paaren ist es oft so, dass einer geht und der andere verlassen wird. Bei einer Wiedervereinigung muss der oder die Verlassene dem Partner in gewisser Weise verzeihen und möglicherweise verletzte Gefühle hintenanstellen, um der Beziehung noch einmal eine Chance zu geben. Sehen Sie diese Schwierigkeit im Fußball auch, oder ist das zu sehr ein Geschäft?
Ich glaube, neben dem Geschäft ist im Fußball vieles sehr emotional und die Spieler und Vereine sind für Fans häufig eine Projektionsfläche. Bei einer Partnerschaft ist es auch nicht so einfach, denn beide haben ja den Zustand einer Beziehung zu verantworten, bis es zur Trennung kommt.
Wenn man zurückkommt und alte Verletzungen vorhanden sind, die nicht geklärt sind, steht das zwischen einem und wird es auch erschweren. Oder die Themen werden irgendwann nach oben ploppen. Wenn man sich im Unguten getrennt hat, ist das genauso.
Welche Rolle spielt das Umfeld? Kann es eine Wiederaufnahme der Beziehung verhindern, wenn Familie oder Freunde sie ablehnen? Oder stärkt das die Verbindung unter Umständen sogar? Im Fußball könnte das zum Beispiel durch Fans passieren, die noch gekränkt sind, dass der Spieler ihren Verein damals verlassen hat.
Wenn enge Vertraute sich kritisch äußern, hinterfragt man seine Beziehung schon. Aber es kann auch genauso gut sein - je nachdem, was man für eine Beziehungsgeschichte miteinander hat - dass man sich dadurch noch mehr zusammengeschweißt fühlt.
Wenn man als Paar gemeinsam irgendwo hingeht, sei es im Freundeskreis oder wieder zurück in die Familie, ist es wichtig, dass man miteinander klärt, was für jeden wichtig ist, damit er sich dort einigermaßen wohlfühlt. Wie kann man sich in solchen Situationen gegenseitig unterstützen? Wie tritt man auf und was transportiert man nach außen? Es kann ja auch sein, dass jemand sagt, er möchte zu einem Familienfest lieber nicht mitkommen.
Das wäre im Fußball allerdings schwierig. Es würde bedeuten, dass ein Spieler möglicherweise nur noch auswärts spielen möchte, aber nicht mehr vor den eigenen Fans.
(lacht) Nein, ich denke, dass es eher darum geht, wie sich die Mannschaftskameraden verhalten, wenn jemand ausgepfiffen wird. Wie äußern sie sich nach dem Spiel, sowohl vor als auch hinter der Kamera? Wie gehen Trainer und Trainerteam damit um? Vielleicht auch, wie lange hält es an, dass man ausgepfiffen wird?
Ich könnte mir vorstellen, dass man dem Gegenüber - ähnlich wie bei Partnerschaften - Zeit gibt. Das man sagt: Okay, es war damals eine schmerzhafte Trennung, daher verstehe ich, dass du dich irgendwie nicht ganz korrekt verhältst, aber irgendwann muss es sich dann auch wieder verändern.
In einer wiederaufgenommenen Beziehung besteht die Gefahr, dass die Partner in alte Muster verfallen und die Probleme, die zur Trennung geführt haben, erneut auftreten. Im Fußball möchte der Verein aber im Grunde genau das. Beispiel: Der Spieler hat damals viele Tore geschossen, ist dadurch für andere Vereine interessant geworden und ist gewechselt. Aber er soll ja jetzt nach seiner Rückkehr im besten Fall wieder viele Tore schießen. Ist das dann ein Unterschied zu Paarbeziehungen?
Die guten und positiven Dinge möchten Paare in Partnerschaften auch. Alles, was gut gelaufen ist, möchte man natürlich gerne weiter haben. Von daher hinkt dieser Vergleich etwas.
In der Partnerschaft wäre es bei Paaren so, dass man aufgrund der Erfahrung, schon einmal verlassen worden zu sein, möglicherweise schneller eifersüchtig wird, Angst und Misstrauen hat, dass man den anderen wieder verlieren könnte.
Das kann im Fußball ähnlich sein. Dann ist die Frage eher: Welche Erfahrungen macht man, wenn man die Beziehung fortsetzt? Gibt es andere Qualitäten, die so viel Bestand haben, dass beide sagen: Wir wollen aneinander festhalten.
Bei jungen Fußballprofis wird die Karriere heutzutage strategisch geplant. Man wechselt zu dem Klub, der einem die Möglichkeiten bietet, die man gerade auf dieser Stufe seiner Entwicklung braucht. Selbst wenn man einen langfristigen Vertrag unterschreibt, ist oft schon klar, dass man ihn nicht erfüllen wird, sondern nach zwei bis drei Jahren den nächsten Schritt macht und zum nächsten Verein weiterzieht. Die Spieler, die in der Bundesliga nun wieder für ihren Ex-Klub auflaufen wie Niclas Füllkrug, sind dagegen eher Spieler, die bereits ein gewisses Alter erreicht und in ihrer Karriere gewisse Erfahrungen gemacht haben. Deckt sich das mit ihrer Erfahrung aus der Paarberatung?
Ich sehe da schon eine Parallele, weil an Paare gesellschaftlich gesehen wortlos von außen verschiedene Entwicklungsaufgaben herangetragen werden. Will man zusammen wohnen? Will man heiraten? Will man eine Immobilie erwerben, eine Familie gründen?
Ab einem gewissen Alter, wenn man diese Entwicklungsaufgaben abgearbeitet hat, kommen eher die "feinstofflichen Dinge", wo man sich fragt: Was für eine Art von Beziehung will man eigentlich leben? Das ist schon ein bisschen mit dem Fußball vergleichbar. Wenn man bestimmte Karriereschritte gemacht hat, ist die Frage: Wo oder wie möchte ich meine letzten aktiven Jahre verbringen?
Ich finde, das sieht man im Frauenfußball gut bei Alex Popp, die zu Borussia Dortmund gegangen ist. Ich glaube, sie war immer Dortmund-Fan und kommt gebürtig aus der Gegend. Das finde ich schon sehr interessant und man kann sich fragen: Warum macht sie das? Vielleicht aus Heimatliebe oder weil sie zukunftsorientiert ist und sich dort noch etwas anderes aufbauen kann im fußballerischen Bereich? Ich glaube, man braucht ein bestimmtes Alter, um sich solche persönlichen Fragen überhaupt zu stellen.
Zeigt Ihre Erfahrung aus der Paarberatung, dass wieder aufgenommene Beziehungen in der Regel dann auch halten, weil man sich damit auseinandergesetzt hat und die Entscheidung bewusst getroffen wurde, es noch einmal miteinander zu versuchen?
Ich glaube grundsätzlich, wenn jeder bereit ist, sich damit zu beschäftigen, was er zu einer guten Beziehung beitragen kann, was seine Schwachpunkte sind und wenn jeder bereit ist, daran zu arbeiten, dann ist das schon ein total großer Teil. Wenn dann noch Gefühle dazu kommen, natürlich umso mehr.
Petra Nordhaus arbeitet seit fast 20 Jahren als selbstständige Paarberaterin und -therapeutin in Bremen. Neben der Paarberatung bietet sie unter anderem Coachings an und hält Vorträge. Einen Bezug zum Fußball hat sie auch - als Dauerkartenbesitzerin beim Bundesliga-Team der Frauen von Werder Bremen.