Es sind ungewöhnliche Beweismittel, die regelmäßig in kenianischen Gerichtssälen zum Einsatz kommen: Tausende Ameisen, in kleine Kapseln verpackt. Allein seit 2025 wurden solche Funde gleich mehrfach zum Beweis vorgelegt: Mitarbeitende der kenianischen Wildtierschutzbehörde hatten sie bei Gepäckkontrollen entdeckt.
Die Ausfuhr von Wildtieren ist in Kenia grundsätzlich verboten.
Das war schon der zweite Ameisenfall innerhalb eines Jahres.
Immer wieder wird bei solchen Fällen der Insektenforscher Dino Martins zum Flughafen gerufen. "Ich war schockiert", sagt er. "Nicht nur wegen der schieren Anzahl der Tiere, sondern auch, weil es sich dabei um Ameisenköniginnen handelte." Martins, der in der Vergangenheit verschiedene Forschungsinstitute in Kenia leitete, gilt als einer der führenden Ameisenforscher Afrikas.
Bei den beschlagnahmten Tieren handelte es sich demnach um junge Königinnen, die aus ihren Nestern in der Erde ausgegraben wurden. Solche tragen Flügel, um auszufliegen und neue Nester zu gründen: "Wenn man Königinnen in diesem kritischen Moment einsammelt, unterbricht man einen zentralen Schritt für die Entstehung neuer Kolonien." Auch Kenias Ökosystem werde geschädigt, so der Ameisenforscher: Denn Ameisen transportierten Grassamen, wodurch die Savanne stets neu begrünt werde.
In Europa gibt es vor allem unter jungen Menschen einen Trend, sich Ameisen als Haustiere zu halten: in gläsernen Terrarien, in welchen die Königin Nachfahren zeugt und damit eine neue Population begründet.
Einer, der dieses Hobby betreibt, ist Michael Meier. Er möchte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden.
Wer die Händler fragt, wie die Tiere nach Europa gelangen, erhält nur wenig Antworten. Selbst Anbieter, die mit "Importgenehmigungen" werben, beantworten dazu keine Presse-Anfragen, denn der Handel bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Laut dem Internationalen Artenschutzabkommen, das von CITES überwacht wird, gelten Ameisen nicht als bedrohte Art. Ihr Handel ist damit weltweit nicht untersagt und deswegen nicht reguliert. Kenia verbietet zwar die Ausfuhr sämtlicher Wildtiere. Doch anders als Elfenbein lassen sich Ameisen einfach im Handgepäck oder per Post aus dem Land schmuggeln.
Auch abgesehen vom Geschäft mit den Ameisen habe der Onlinehandel mit Wildtieren stark zugenommen, sagt Russell Gray. Mit einem weltweiten Team hat er für die Global Initiative Against Transnational Organised Crime dieses Problem untersucht. "Die wichtigste Erkenntnis ist, dass dies kein Randproblem mehr ist, das sich auf obskuren Webseiten versteckt", so Gray: "Heute sehen wir, dass er auf gängigen Plattformen wie Facebook stattfindet."
Grays Team hat vergangenes Jahr mehr als 60 Plattformen durchsucht. Sie fanden 266.000 Werbeanzeigen mit Preisangaben. Der Gesamtwert aller Wildtier-Anzeigen belief sich auf rund 66 Millionen US-Dollar (rund 58 Millionen Euro). Insekten waren gar nicht dabei. Er kommt zu dem Schluss: "Wenn wir den gesamten Onlinehandel mit Wildtieren betrachten würden, kämen wir wahrscheinlich auf ein Volumen in Milliardenhöhe. "
Der Biologe Chris Shepherd vom in den USA ansässigen Center for Biological Diversity, das sich weltweit für den Erhalt der Biodiversität einsetzt, beobachtet dies mit Sorge. Die Fälle in Kenia hätten klar gezeigt: Im Vergleich zu anderen Formen der Kriminalität, wie Drogenhandel, sei der Gewinn zwar hoch, "aber das Risiko deutlich geringer".
Diese Folgen sorgen in Deutschland bereits für Schlagzeilen. Regelmäßig verursachen ganze Kolonien der Großen Drüsenameisen aus Nordafrika in Süddeutschland für Strom- und Internetausfälle, weil sie sich in Verteilerkästen einnisten. Um diesem Problem entgegen zu treten, trafen sich im Sommer 2025 Kommunalvertreter aus Österreich, der Schweiz und Süddeutschland zu einer Ameisenkonferenz, um sich auszutauschen. Aufgrund des Klimawandels, der für höhere Temperaturen und weniger Frost sorgt, fühlt sich diese Ameisenart nun zunehmend auch in Mitteleuropa wohl.
Shepherd betont zwar, die meisten Ameisen würden über Pflanzenimporte nach Europa gelangen - und nicht über den Onlinehandel. Trotzdem berge auch dieser ein Risiko. Niemand könne garantieren, dass Kolonien nicht irgendwann ausgesetzt würden. Hobby-Ameisenhalter wie Meier kennen diese Diskussionen, sie führen sie oft auf ihren Online-Foren. Meier rät dazu, bei nachlassendem Interesse Kolonien weiterzugeben oder fachgerecht abzutöten, statt sie freizulassen. Für Shepherd ist das keine ausreichende Antwort. Solange der internationale Handel mit Ameisen weitgehend unreguliert bleibe, berge er ein Risiko.