"Wir verfolgen die Menschenrechtslage im Iran mit großer Sorge", sagte Mahmood Amiry-Moghaddam gegenüber der Deutschen Welle.
"In einer Situation, in der die internationale Gemeinschaft den Menschenrechtsverletzungen innerhalb Irans nur begrenzte Aufmerksamkeit schenkt, nutzt die Islamische Republik diesen Spielraum, um Gefangene mit möglichst geringen politischen Kosten hinrichten zu lassen", sagt Mahmood Amiry-Moghaddam.
Dabei war die Zahl der Hinrichtungen bereits im vergangenen Jahr so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Nach Angaben von Iran Human Rights wurden mindestens 1.639 Menschen hingerichtet, so viele wie seit 35 Jahren nicht mehr.
Nach Angaben des UN-Hochkommissars für Menschenrechte, Volker Türk, wurden seit Beginn des Krieges rund 4.000 iranische Bürger unter dem Vorwand von "Sicherheitsgründen" festgenommen; mindestens 21 Menschen wurden hingerichtet.
Das Internet ist seit Ende Februar im Iran stark eingeschränkt. Das Regime geht verstärkt gegen VPN-Verbindungen und Satellitenterminals vor, die eine Umgehung staatlicher Zensur ermöglichen. Diese Situation erschwert die Kommunikation innerhalb und außerhalb des Landes erheblich.
"Durch die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen im Iran, zu denen wir nur unter großen Schwierigkeiten Kontakt aufnehmen konnten, haben wir erfahren, dass sich die Bearbeitung von Gerichtsverfahren politischer Gefangener beschleunigt hat und zugleich intransparenter geworden ist" sagt der Menschenrechtsanwalt Saeid Dehghan im Gespräch mit der DW.
Dehghan, der derzeit in Kanada lebt, ist Gründer des Netzwerks YekKalameh Lawyers Network („Ein Wort") und engagiert sich gemeinsam mit iranischen Menschenrechtsanwältinnen und -anwälten für die Dokumentation von Verletzungen der Bürgerrechte.
Auch eine Reihe unabhängiger Juristen, die sich für politische Belange einsetzen, wurden verhaftet oder zum Verhör vorgeladen. Das Sicherheitssystem schüchtere sie systematisch ein und schalte Andersdenkende und Protestierende aus.
Die iranische Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi befinde sich momentan in einem kritischen Zustand. Auch andere erkrankte politische Gefangene, die offenbar wie Geiseln behandelt würden, müssten nach den Gesetzen der Islamischen Republik Iran eigentlich Anspruch auf eine bedingte Entlassung oder gesetzlich vorgesehene Freilassungen haben, sagt Dehghan.
Dehghan und andere Menschenrechtsaktivisten warnen vor einer Wiederholung eines bekannten Musters der Islamischen Republik – eines Vorgehens, das bereits in den 1980er-Jahren zu beobachten war: Kurz vor dem Ende des Iran-Irak-Krieges wurden Tausende politische Gefangene hingerichtet.
Hunderte Demonstranten, die während der landesweiten Proteste im Januar verhaftet worden sind, sehen sich derzeit Anklagen gegenüber, die zur Verhängung der Todesstrafe führen können.
"Es ist entscheidend, dass die internationale Gemeinschaft der Menschenrechtslage im Iran und der Situation der Bevölkerung deutlich mehr Priorität einräumt und diese in den politischen Verhandlungen mit der Islamischen Republik thematisiert", sagt Direktor der Menschenrechtsorganisation "Iran Human Rights" Mahmood Amiry-Moghaddam.
Ein Stopp der Hinrichtungen sowie die Freilassung politischer Gefangener müssten zu den zentralen Bedingungen jeglicher Verhandlungen mit der Islamischen Republik gehören.
"Grundlegende Veränderungen werden letztlich von den Menschen im Iran selbst erkämpft werden", sagt Mahmood Amiry-Moghaddam.