Es ist eine unmögliche Entscheidung: "Schicke ich meine Kinder zur Schule und kann einen Teil der Ernte nicht einbringen - dann fehlt Geld für Essen. Oder nehme ich sie aus der Schule, damit wir mehr Kakao ernten und drei Mahlzeiten am Tag haben? ", erklärt eine Kakaobäuerin aus der Côte d'Ivoire ihr Dilemma.
Die Kakaopreise sind im Keller: Nach dem historischen Höhenflug der Kakaopreise auf fast 13.000 US‑Dollar pro Tonne im Jahr 2024 zeigt sich nun die Kehrseite eines extrem volatilen Marktes: Anfang April 2026 fiel der Weltmarktpreis zeitweise auf 3.000 US‑Dollar - ein Rückgang um mehr als 75 Prozent innerhalb gut eines Jahres.
Das hat dramatische Folgen für die rund 2,5 Millionen Kleinbauern, die in Westafrika im Kakaoanbau tätig sind. Säcke voll Kakao stapeln sich auf den Höfen, Bauern wie der Ivorer Firmin Coulibaly sehen sich gezwungen, ihre Kakaobohnen zu Schleuderpreisen zu verkaufen. "Produzenten sterben in Armut, obwohl sie Erzeugnisse haben. Sie haben kein Geld für Medizin oder Lebensmittel", sagt er der DW.
Auch in Ghana leiden viele Bauern unter ausbleibenden Zahlungen, weil die Zwischenhändler ihnen keinen Kakao mehr abnehmen. Der Kakaobauer Emmanuel Nojor berichtet: "Wegen der verspäteten Zahlung habe ich kein Geld, um Arbeiter zu bezahlen, die die Ernte erledigen. Deshalb ist die Ernte verdorben." Auf die Frage, wie lange die Zahlungen der Zwischenhändler bereits ausstehen, antwortet er: "Seit etwa fünf Monaten."
Ob für Medikamente, Pestizide oder die Bezahlung von Tagelöhnern - es fehlt an allem. Nojor schildert weiter: "Einen Teil des Geldes würde ich für die Schulgebühren meines Kindes verwenden, die ich bisher nicht bezahlen konnte. Er sitzt zu Hause und konnte nicht an den Prüfungen teilnehmen."
Gründe für den Preissturz
Die Gründe für die extremen Preisschwankungen sind vielfältig. Laut der International Cocoa Organization (ICCO) waren die hohen Preise 2024 zunächst vor allem durch schlechte Ernten in Westafrika und dadurch knappes Angebot entstanden. Der Agrarökonom Tancrède Voituriez erklärt: "Der Klimawandel fordert seinen Tribut von den Ländern des Tropengürtels. Es gibt Dürreperioden und dann wieder heftige Regenfälle. Dadurch sinkt die Produktion." Pflanzenkrankheiten wie das Cocoa Swollen Shoot Virus und Spekulationen hätten zudem das Angebot an den Märkten verknappt und die Preise nach oben getrieben.
Danach kam der Sturz: Als sich bessere Ernten ankündigten, verkauften viele Händler ihre Kakaoverträge frühzeitig, um Gewinne mitzunehmen. Gleichzeitig berichtet die Weltbank, dass die sehr hohen Preise die Nachfrage der Schokoladenindustrie gedrückt hätten, weil Firmen weniger Kakao nutzten und Ersatzprodukte verwendeten. Zusammen mit einem stärkeren US-Dollar hat das dazu geführt, dass die Preise wieder deutlich gefallen sind - und jetzt viele Bauern kaum noch genug mit ihrer Kakaoernte verdienen.
Der ghanaische Bauer Solomon Kofi Tano ist besorgt: "Wenn die Regierung mich jetzt nicht unterstützt, werde ich den Kakaoanbau aufgeben."
Blockierte Ernten in Westafrika
Côte d'Ivoire und Ghana produzieren rund zwei Drittel des weltweiten Kakaos, doch der Export läuft bei wenigen großen Konzernen zusammen. Aufgrund niedriger Weltmarktpreise haben diese ihre Abnahmen zuletzt deutlich reduziert. Die Folge: Kakao staut sich in den Häfen, während viele Bauern auf ihren Ernten sitzen bleiben. Branchenbeobachter vermuten eine gezielte Strategie, um staatliche Preissysteme unter Druck zu setzen und niedrigere Preise durchzusetzen. Allein in der Côte d'Ivoire bleiben deshalb Kakaomengen im Wert von über 280 Milliarden CFA-Franc (ca. 427 Mio. Euro) liegen, da Händler und Exporteure angesichts des Preisverfalls zögern, zu den festgelegten Konditionen zu kaufen.
Der Geschäftsführer vom Ghana Cocoa Board (COCOBOD), Wisdom Dogbey, verteidigt die Vermarktungsstrategie der Behörde. COCOBOD ist die staatliche Organisation in Ghana, die den Anbau, Kauf und Export von Kakao reguliert. Sie arbeitet mit der Ghana Cocoa Marketing Company (CMC) zusammen, die zwischen den Kakaobauern in Ghana und internationalen Käufern vermittelt. "Das Verkaufssystem ermöglichte es CMC, Preise frühzeitig festzuschreiben und sich vor dem jüngsten Markteinbruch abzusichern", so Dogbey. "Zwischen 85 und 90 Prozent der Ernte 2025/26 wurden bereits vor der Krise verkauft. "
Streit um Verantwortung
Die ghanaische Regierung reagierte Anfang Februar mit einer Senkung des staatlich festgelegten Erzeugerpreises. Auch der ivorische Conseil du Café-Cacao(CCC) reguliert die Preise, er setzte Anfang Oktober den Erzeugerpreis auf 2.800 CFA-Franc (4,27 Euro) pro Kilogramm fest, um die Bauern zu schützen.
Kurz darauf brachen jedoch die Weltmarktpreise ein. Moussa Koné, Vorsitzender einer Gewerkschaft der Kakaobauern in Côte d'Ivoire, wirft der Regulierungsbehörde strategische Fehlentscheidungen vor: "Sie haben es versäumt, ausreichend Kakao im Voraus zu verkaufen. Heute sind mehr als 700.000 Tonnen Kakao bei den Bauern blockiert, die nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. "
Die Regierung hingegen spricht von rund 123.000 Tonnen. Gleichzeitig kündigte sie an, sämtliche Kakaobestände aufzukaufen, die sich derzeit in den Kooperativen stauen. Yves Brahma Koné, Generaldirektor des CCC, sieht die Verantwortung zwar bei den Exporteuren, doch er ist zuversichtlich: "Die gesamte Produktion von Côte d'Ivoire wird aufgekauft werden."
Chancen für Kakaoverarbeitung in Afrika?
Die Krise zeigt ein strukturelles Problem: Afrikanische Länder exportieren vor allem Rohkakao, während die Wertschöpfung im Ausland entsteht. "Die Gewinnmargen der Schokoladenhersteller sind deutlich höher als die der Händler", sagt Voituriez - Händler kämen "nur auf etwa ein Prozent".
Gleichzeitig könnte der Preisverfall neue Chancen eröffnen, so die Ecofin Agency, ein Medium mit Sitz in der Schweiz, das zu afrikanischen Wirtschaftsthemen berichtet. Niedrigere Kakaopreise machen ihr zufolge die lokale Verarbeitung attraktiver: Sie könnte zwei- bis dreimal mehr Wert pro Tonne schaffen und damit Einkommen und Jobs im Land halten.
Doch Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene, das handlungsorientierte Recherchen zu weltwirtschaftlichen Themen durchführt, sieht mehrere strukturelle Hürden: Internationale Märkte würden standardisierten Geschmack verlangen, "der sich nur durch das Mischen von Kakao aus verschiedenen Regionen erreichen lässt, was die Verarbeitung vor Ort erschwert." Zudem fehlten oft Infrastruktur und Kühlketten für den Export veredelter Produkte, so Hütz-Adams, ebenfalls Berater des deutschen Einzelhandelskonzerns REWE Group in Fragen der Nachhaltigkeit.
Mehr Regulierung könnte die Wende bringen
Politisch wächst der Druck, den Sektor stärker zu regulieren: Regulierungen wie die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) und die geplante EU-Richtlinie zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht (CSDDD) verpflichten Unternehmen zu mehr Umwelt- und Menschenrechtsschutz. "Alle Länder, die den europäischen Markt beliefern, müssen aufhören, Kakao aus illegal abgeholzten Wäldern zu liefern", so Voituriez.
Parallel geraten Schokoladenkonzerne unter Zugzwang, ihre Einkaufspraktiken zu ändern. Zertifizierungen wie Fairtrade-Siegel, die höhere soziale und ökologische Standards verlangen, gewinnen an Bedeutung. Ein Ansatz: die sogenannte Chocolate Scorecard der Initiative "Be Slavery Free", die jährlich bewertet, wie nachhaltig Schokoladenunternehmen arbeiten. Deutsche Unternehmen liegen dort im Schnitt unter dem internationalen Vergleich, besonders bei Geschlechtergerechtigkeit, Kinderarbeit und existenzsichernden Einkommen. Gerade Letzteres bleibt flächendeckend ein Problem - mehr als die Hälfte der erfassten Kakaobäuerinnen und Kakaobauern verdient kein existenzsicherndes Einkommen. Doch die Scorecard zeigt auch, dass es besser geht: Vorreiter wie die Marken Tony's Chocolonely, Ritter Sport oder Original Beans verpflichten sich zur Zahlung höherer Kakaopreise, die ein existenzsicherndes Einkommen ermöglichen sollen.
Wie Schokolade für alle ein Genuss werden kann
Wie dringend Reformen nötig sind, zeigt laut Hütz-Adams die Lage der Produzenten: Über Jahre habe sich "ein Preis etabliert, der zwangsläufig zu massiven Menschenrechtsverletzungen" geführt habe. Hütz-Adams fordert: Preise müssten mindestens "Richtung 4.000 Dollar" pro Tonne gehen und vor allem "nach unten abgesichert" werden, damit Familien ohne Kinderarbeit überleben können. Sonst werde Schokolade entlang der Wertschöpfungskette niemals ein Genuss für alle werden.
Ob aus dem Preissturz für Kakao nun ein Wendepunkt für die Produzenten in Westafrika entsteht, hängt davon ab, ob Produzentenländer, Verarbeiter und internationale Abnehmer gemeinsam strukturelle Veränderungen umsetzen. Die Krise liefert dafür die Argumente - nutzen muss sie die Politik.
Zu dem Artikel beigetragen haben Julien Adayé in Côte d'Ivoire und Claudia Lacave in Ghana