Der Traum von der Kernfusion geht so: massiv Energie für die Welt, ganz ohne klimaschädliche Treibhausgase und radioaktiven Müll. Inzwischen gibt es ein globales Rennen um die Technologieführerschaft. Milliarden werden investiert - und zwar nicht nur von staatlicher Seite. Auch Unternehmen und private Investoren stecken viel Geld in die Vision von sauberer Energie.
Der Energiehunger der Menschen wächst und wächst - getrieben nicht zuletzt durch die Elektrifizierung der Wirtschaft. Und die Rechenzentren, die für Künstliche Intelligenz (KI) nötig sind, haben den Appetit kräftig gesteigert. Kernfusion sieht da wie die ideale Lösung aus.
Jahrzehntelang fiel der Blick beim Thema Kernfusion vor allem auf staatlich unterstützte Großprojekte wie ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor). Hier sind 35 Länder dabei, einen Versuchsreaktor in Südfrankreich zu bauen, darunter die EU-Staaten, die USA, Russland und China. Seit Beginn der Bauarbeiten 2007 sind die Kosten gewaltig gestiegen, während sich die Fertigstellung immer weiter verzögerte.
Weltweit wurden aber auch viele Unternehmen gegründet, die ebenfalls den Bau eines Kernfusionsreaktors vorantreiben wollen.
Mittlerweile arbeiten rund 77 Unternehmen daran, die Kernfusion zur Marktreife zu bringen, so ein Bericht der EU-Organisation Fusion for Energy (F4E). Die meisten (42) sind in den USA, acht in China und sechs in Großbritannien. Auch in Deutschland haben sich vier Startups positioniert: Focused Energy, Marvel Fusion, Proxima Fusion und Gauss Fusion.
Kernfusion ist nicht nur forschungsintensiv, sie ist auch sehr teuer. Zwar möchte Deutschland gerne die Technologieführerschaft übernehmen, aber das meiste private und staatliche Geld fließt in den USA und China.
Vor allem in jüngster Zeit ist die Euphorie für die Kernfusion gestiegen. Unternehmen und Investoren scheinen den Trend nicht verpassen zu wollen und schießen immer mehr Geld in die Entwicklung. Lässt man öffentliche Gelder außen vor, wurden bis Ende 2025 an die 13 Milliarden Euro in die private Fusionsforschung gesteckt.
Der Großteil (53 Prozent) fließt zu den US-Unternehmen und etwa ein Drittel zu chinesischen Unternehmen. "Tatsächlich gibt es in beiden Märkten bereits einige 'Einhörner' mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar," so F4E.
Der Rest, gut 700 Millionen Euro, geht an die acht europäischen Unternehmen. Wobei die deutschen Startups Marvel Fusion und Focused Energy die höchsten Summen erhalten haben.
Ein Ungleichgewicht, das an die Entwicklung in manch anderen Wirtschaftsbereichen erinnert. Ob Solarpaneele, Windkraft, Halbleiter, E-Autos, Raumfahrt, soziale Medien oder KI - mit großer Finanzkraft und staatlicher Unterstützung haben sich oft die USA oder China zum Marktführer entwickelt.
Während in China der Staat viel in die Kernfusion investiert, wird die Branche in den USA stark von privaten Investoren unterstützt - auch von Seiten der Big Tech. Beispielsweise gibt Google seit über zehn Jahren dem US Unternehmen TAE Technologies nicht nur hunderte Millionen Dollar, sondern Google-Ingenieure arbeiten auch direkt vor Ort in der Entwicklung bei TAE mit.
Daneben hat Google Geld in das größte US-Fusionsunternehmen, Commonwealth Fusion Systems (CFS), gesteckt und einen Vertrag unterzeichnet über den Kauf von Strom.
Das US-Unternehmen Helin Energy wird von Sam Altmann, dem CEO von OpenAI, unterstützt.
Natürlich besteht die Gefahr, dass deutsche Unternehmen abgehängt werden, sagt Markus Roth. Der Professor der TU Darmstadt hat 2021 das Startup Focused Energy mitgegründet. Optimistisch sei er trotzdem. "Auch wenn andere Länder deutlich höhere Investitionen zurzeit tätigen, haben wir das bessere Ökosystem zur Verfügung, auf dem wir aufbauen können", glaubt Roth. Wobei das Ökosystem aus Forschungseinrichtungen, Startups und Industrieunternehmen besteht.
Im Gegensatz zu den meisten Wettbewerbern setzt Focused Energy auf Lasertechnologie.
So setzt inzwischen auch der Energiekonzern RWE auf die Kernfusion und hat Focused Energy im Mai dieses Jahres weitere 60 Millionen Euro gegeben. Außerdem soll auf dem ehemaligen Kernkraftwerksgelände von RWE in Biblis ein Prototyp für ein Fusionskraftwerk gebaut werden.
Eines der großen Hindernisse auf dem Weg zum Fusionsreaktor sei der schnelle Aufbau von Lieferketten, sagt Roth. Zwar sei die deutsche Optikindustrie führend auf dem Weltmarkt, es gebe aber noch Handlungsbedarf. "Wir müssen in Deutschland lernen, Lasersysteme so zu bauen, wie wir Autos bauen - am Fließband, aber mit hoher Präzision," so Roth.
Von der Kernfusion erhofft man sich noch weitere Nebeneffekte, beispielsweise durch die Entwicklung neuer Materialien und Methoden.
Mit speziellen Lasern können Objekte durchleuchtet werden, um Inhalte zu prüfen, ohne diese Objekte zu öffnen beziehungsweise zu zerstören. Das hilft beispielsweise beim Umgang mit Behältnissen, die nukleares Material enthalten, bei Containern, die in Häfen ankommen oder auch bei Brücken aus Beton. Es gebe ein riesiges Marktpotential, so Roth.
Auch die Bundesregierung sieht in der Kernfusion viel Potential und definiert sie als eine der sechs Schlüsseltechnologien für Deutschlands Zukunft, so die Hightech Agenda Deutschland aus dem Juli 2025. Zudem wurden über zwei Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode an öffentlichen Investitionen für die Kernfusion zugesagt.
Bis zur tatsächlichen Stromerzeugung wird es aber noch dauern. Focused Energy plant, bis 2037 einen Prototypen für ein wirtschaftlichen Fusionsreaktor zu bauen. "Anfang der 40er Jahre wird sich dann das First-of-a-Kind anschließen", so Markus Roth, "das erste kommerzielle Fusionskraftwerk".
Bis dahin muss aber noch viel Geld fließen. Pro Jahr brauche Focused Energy derzeit zwischen 150 und 200 Millionen Euro, sagt Roth. "Und das wird mit der Zeit steigen. Wir gehen davon aus, dass ein erstes Pilotkraftwerk einige Milliarden an Euro kosten wird.", so Roth. Ohne Staat werde das nicht gehen.