DW: Seit April 2026 ist die afghanische Fußball-Nationalmannschaft der Frauen offiziell von der FIFA anerkannt. Es war ein jahrelanger Kampf - wie fühlt sich dieser Moment jetzt für Sie an?
Khalida Popal: Im April dieses Jahres gab die FIFA bekannt, dass die afghanische Frauen-Nationalmannschaft nicht nur anerkannt wird, sondern auch die Erlaubnis und das Recht erhält, zu spielen und die Frauen Afghanistans als Nationalmannschaft aus dem Exil zu vertreten.
Gleichzeitig kündigte die FIFA an, ihre Statuten zu ändern, damit künftig keine andere Mannschaft das durchmachen muss, was wir durchgemacht haben.
Das war ein riesiger Sieg für uns, ein wunderschöner Moment und einer der Momente, auf die wir am stolzesten sind. Denn wieder einmal haben die Frauen unseres Landes Geschichte geschrieben und Veränderungen bewirkt.
Was sind die größten Stärken der Nationalmannschaft?
Wir haben sehr viel durchgemacht. Vor allem unsere Spielerinnen haben sehr viel erlebt: die Traumata, mit denen sie umgehen müssen, die Vertreibung und ihre neue Identität als Geflüchtete. Das ist nicht leicht.
Darüber hinaus kämpfen sie seit fünf Jahren für ein grundlegendes Menschenrecht: das Recht, Fußball zu spielen und ihr Land zu vertreten.
Wir sagen nicht, dass wir für diese Frauen einen Fußballverband ersetzen.
Die Nationalmannschaft spielt für ein Land, in das sie nicht zurückkehren können, solange die Taliban an der Macht sind. Trotzdem tragen die Spielerinnen mit Stolz das Nationaltrikot und vertreten Afghanistan. Wie finden Sie neue Spielerinnen für das Team?
Ich glaube, wir werden eine der ersten Nationalmannschaften der Geschichte sein, die keine Heimat und kein Land hat. Denn unser Land wurde uns genommen. Wir werden aus dem Exil heraus antreten und unser Land vertreten.
Aber dies wird eine starke und symbolträchtige Mannschaft sein. Sie wird sich aus der afghanischen Gemeinschaft in der Diaspora zusammensetzen - aus afghanischen Geflüchteten und Migrantinnen, die überall auf der Welt leben.
Welche Rolle spielt die afghanische Diaspora, was die Zukunft der Nationalmannschaft angeht?
Wir haben keinen Verband.
Das wird für uns eine Herausforderung. Wir werden dabei aber sehr stark von der afghanischen Gemeinschaft in der Diaspora abhängig und auf sie angewiesen sein.
Unsere Nationalmannschaft war nie eine normale Mannschaft, weil wir immer mit besonderen Herausforderungen konfrontiert waren.
In vielerlei Hinsicht waren wir damals Vorreiterinnen - sowohl darin, wie wir Fußball spielen, als auch darin, wie wir den Fußball als Werkzeug benutzt haben.
Und auch diese Mannschaft wird keine gewöhnliche Mannschaft sein. Sie wird eine Exilmannschaft sein. Und sie wird sich gegen die Taliban stellen, denn die Taliban löschen Frauen aus der Gesellschaft aus. Damit ist diese Mannschaft ein aktiver Widerstand gegen die Taliban. Wir werden Fußball spielen, um für die Frauen unseres Landes einzustehen.
Das erste Ziel ist natürlich, eine starke Mannschaft aufzubauen, die auch auf sportlicher Ebene gute Leistungen zeigt. Denn je besser wir spielen, desto besser können wir unser Land vertreten und desto sichtbarer werden wir.
Wir wollen ihnen die Botschaft senden: Auch wenn die Welt euch vergessen hat, vergessen wir euch nicht. Für uns seid ihr nicht vergessen. Wir sind hier.
Wie sieht die Zukunft der Nationalmannschaft aus? Was erhoffen Sie sich auf und neben dem Platz von ihrem Team?
Ich blicke hoffnungsvoll auf die Zukunft unseres Landes. Ich glaube nicht, dass Afghanistan für immer so bleiben wird. Wir erleben derzeit dunkle Tage, aber sie werden bald vorüber sein.
Diese jungen Frauen sind die nächsten Trainerinnen der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft, die nächsten Leiterinnen von Fußballakademien, die nächste Präsidentin und die nächsten Ministerinnen. Das ist die Zukunft, die ich vor mir sehe. Und deshalb blicke ich hoffnungsvoll in die Zukunft. Und genau deshalb investieren wir in diese Frauen: weil sie die Zukunft sind.
Khalida Popal ist eine afghanische Frauenrechtsaktivistin, Fußballpionierin und Mitgründerin der afghanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft, deren erste Kapitänin sie war. Nach Drohungen durch Extremisten floh sie 2011 aus Afghanistan und lebt heute im Exil in Dänemark. Mit ihrer Organisation "Girl Power" setzt sie sich weltweit für die Rechte von Frauen und Mädchen sowie für die Förderung von Sport als Instrument der Emanzipation ein.
Das Gespräch führte Thomas Klein.