Was denken Sie: Wie groß ist die Klitoris? Wo liegt sie genau?
Das männliche Pendant zur Klitoris ist der Penis: Beide haben den gleichen embryonalen Ursprung, besitzen Schwellkörper, erigieren bei Erregung und spielen eine zentrale Rolle beim Lustempfinden. Doch Fragen wie "Wie groß ist ein Penis?" oder "Wie ist er aufgebaut?" können viele eher beantworten.
Eine neue 3D-Studie aus den Niederlandenschließt die Klitoris-Wissenslücken nun ein Stück weiter. Ein Forschungsteam um Ju Young Lee am Amsterdam University Medical Center in den Niederlanden hat dafür zwei Körperspenden mit einem speziellen Röntgenverfahren untersucht: Synchrotronstrahlung - eine extrem hochauflösenden Form der Bildgebung. Sie ermöglicht Aufnahmen, die bis ins kleinste Detail reichen. Herkömmliche Verfahren wie MRT können zwar grobe Strukturen zeigen, die räumliche Darstellung feinster Nervenverläufe war bislang jedoch nicht möglich.
In den Aufnahmen wird erstmals sichtbar, wie komplex das Nervensystem der Klitoris tatsächlich ist. Die Forschenden konnten den Verlauf des dorsalen Klitorisnervs, also des wichtigsten sensorischen Nervs der Klitoris, vom Becken bis in die Klitoriseichel dreidimensional verfolgen. Innerhalb der Eichel verzweigen sich mehrere dicke Nervenstämme baumartig bis nahe an die Oberfläche - einige von ihnen bis zu 0,7 Millimeter stark. Entgegen früherer Annahmen verjüngen sich die Nerven nicht, sondern fächern sich weiter auf. Zudem zeigen die Bilder, dass Nervenäste nicht nur die Eichel versorgen, sondern auch in die Klitorisvorhaut und bis zum Schamhügel (Mons pubis) ziehen.
Dass die Klitoris so lange vernachlässigt wurde, liegt auch daran, dass sie über Jahrzehnte auf ihre sichtbare Spitze reduziert wurde.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die australische Urologin Helen O'Connell. Mithilfe von MRT‑Untersuchungen zeigte sie erstmals, dass die Klitoris kein kleiner äußerer Knubbel ist, sondern ein großes, komplexes Organ, das eine Gesamtlänge von acht bis zwölf Zentimetern erreichen kann: Die sichtbare Eichel ist nur der äußere Teil einer Struktur, die sich unterhalb des Schambeins erstreckt, die den Vaginaleingang umgibt und aus Schwellkörpern besteht, die sich bei Erregung mit Blut füllen.
Vergleichbar detaillierte Darstellungen des Penis existierten zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten.
Ju Young Lee ist ausgebildete Neurowissenschaftlerin, ihr Fokus lag lange auf dem Gehirn. In den vergangenen Jahren habe sich die Forschung jedoch zunehmend auch peripheren Nervensystemen zugewandt, etwa dem Darm. Auf einer großen europäischen Konferenz fragte sie einmal, ob jemand untersuche, wie Nerven in gynäkologischen Organen mit dem Gehirn kommunizieren. Die Antwort vom Podium: "Oh, darüber habe ich noch nie nachgedacht."
"Die Klitoris ist natürlich eines der menschlichen Organe", sagte Lee der DW. "Also war es wichtig, sie in das Projekt einzubeziehen."
Seit Veröffentlichung des Preprints haben sich laut Lee bereits Chirurgen gemeldet, die die Arbeit in ihrer Praxis als hilfreich empfanden.
"Das genaue Wissen über die Anatomie kann helfen, bei Operationen im Vulvabereich Nervenschäden zu vermeiden", sagt sie. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Ergebnisse vor allem bei Operationen im Vulvabereich helfen, wie bei der Entbindung, bei geschlechtsangleichenden Operationen und bei Rekonstruktionsoperationen nach Genitalverstümmelung.
Für Mangler ist das ein entscheidender Punkt, etwa für Operationen im Vulvabereich, für Sexualmedizin, aber auch für die Versorgung nach genitalen Verletzungen. Im Medizinstudium spiele die Klitoris kaum eine Rolle, sagt sie. Die Folgen: Ärztinnen und Ärzte operierten im Vulvabereich, ohne die Nervenverläufe genau zu kennen. Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder sexuelle Probleme werden so später oft nicht mit Eingriffen oder Geburten in Verbindung gebracht.
Mangler zieht einen direkten Vergleich zur Männergesundheit.
Für sie eine große Ungerechtigkeit und ein klassisches Beispiel für die Gender Health Gap: medizinische Standards, die für Männer selbstverständlich sind, fehlen bei Frauen - nicht aus bösem Willen, sondern aus historischer Vernachlässigung. Ein Thema, dem sich Mandy Mangler auch in ihrem neuen Buch "Don’t miss the clitoris" widmet.
Dass zentrale Organe des weiblichen Körpers lange unterschätzt wurden, zeigt sich auch anderswo.
Der rote Faden ist klar: Weibliche Anatomie wurde häufig vereinfacht oder als medizinisch zweitrangig behandelt.
Auch die neue Klitoris‑Studie beantwortet nicht alle Fragen.
Untersucht wurden zwei postmortale Proben älterer Frauen. Wie sich Struktur und Funktion der Klitoris im Laufe des Lebens verändern - in Pubertät, Schwangerschaft, Menopause oder im Menstruationszyklus - ist weitgehend unerforscht. Auch diese Fragen möchte Lee künftig besser verstehen.
Mangler sieht ebenfalls noch großen Forschungsbedarf. Gleichzeitig betont sie, dass schon jetzt ein Umdenken nötig sei: "Bei jeder gynäkologischen Operation und in der Geburtshilfe sollten Anatomie und Physiologie der Klitoris mitgedacht und bewahrt werden - genauso selbstverständlich, wie wir es beim Penis tun."