Korruptionsaffäre in Kyjiw: Gefahr für Selenskyj?

Am 11. Mai haben das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) eine Verdachtserklärung  gegen den ehemaligen Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, Andrij Jermak, erhoben. Im ukrainischen Rechtssystem entspricht dieser Schritt dem Einleiten einer Anklage vor Gericht. Vorgeworfen wird ihm "Geldwäsche im Rahmen einer organisierten Gruppe". Darauf steht eine Freiheitsstrafe von acht bis zwölf Jahren. Laut den Antikorruptionsbehörden soll die Gruppe, der Jermak angehörte, bei einem luxuriösen Bauprojekt in der Nähe von Kyjiw Gelder in Höhe von 460 Millionen Hrywnja (rund neun Millionen Euro) gewaschen haben. Später wurde noch gegen sechs weitere Personen in diesem Fall Verdacht erhoben.

"Es geht um ein besonders schweres Verbrechen. Wir sammeln derzeit Beweise", erklärte der Leiter der SAP, Oleksandr Klymenko, auf einer Pressekonferenz in Kyjiw. Die Anhörung begann am 12. Mai. 

Das Oberste Antikorruptionsgericht in der Ukraine setzte eine Untersuchungshaft für zunächst 60 Tage an. Andrij Jermak habe aber die Möglichkeit, gegen eine Kaution von 140 Millionen Hrywnja (umgerechnet etwa 2,7 Millionen Euro) auf freiem Fuß zu bleiben. "Ich habe nicht so viel Geld", sagte aber Jermak nach der Gerichtsentscheidung zu Journalisten. 

Was wird Andrij Jermak vorgeworfen?

Laut den Ermittlungen begann alles 2018, als einer der Angeklagten einem vom NABU veröffentlichten Video zufolge Mitbegründer der Firma BLOOM Development wurde. Diese erwarb im Sommer 2019 mehr als vier Hektar Land nahe Kyjiw und begann 2021 dort mit dem Bau einer luxuriösen Wohnanlage mit dem Namen "Dynastie". Die Ermittler gehen davon aus, dass die Baustelle dazu genutzt wurde, in großem Stil illegal beiseite geschaffte Gelder wieder in den legalen Wirtschaftskreislauf zurückzuführen. Das Geld soll die kriminelle Gruppe aus verschiedenen Quellen generiert haben, darunter auch aus korrupten Machenschaften beim staatlichen Konzern "Energoatom".

Angeführt wurde diese Gruppe von einem Mann mit Decknamen "Karlson". Dahinter verbirgt sich Berichten zufolge der Geschäftsmann Timur Minditsch, der als Weggefährte und Vertrauter von Präsident Wolodymyr Selenskyj gilt. Minditsch ist unter anderem Mitinhaber der TV-Produktionsfirma "Kwartal-95", zu deren Gründern auch Selenskyj zählt.

Auch Andrij Jermak soll dieser Gruppe angehört haben. Im Zusammenhang mit dem aktuellen Verfahren durchsuchte das NABU im November 2025 sowohl Jermaks Büro als auch seine Privatwohnung. Obwohl damals noch keine strafrechtlichen Verdachtsmomente gegen ihn vorlagen, trat er vom Posten des Präsidialamtsleiters zurück, den er seit 2020 innehatte.

Andrij Jermak bestreitet, ein Haus in der Wohnanlage "Dynastie" zu besitzen, und bezeichnete den Verdacht als "unbegründet". "In den vergangenen Monaten wurden die Strafverfolgungsbehörden öffentlich unter Druck gesetzt, Ermittlungen gegen mich aufzunehmen", schrieb Jermak am Abend des 12. Mai auf Telegram. Gleichzeitig erklärte er, dass er in der Ukraine bleiben werde und für alle Verfahrensmaßnahmen offen sei.

Wird der Fall Jermak Selenskyjs Ruf schädigen?

Andrij Jermak pflegte ein enges Verhältnis zum ukrainischen Präsidenten, und Journalisten stellten bereits die Vermutung an, dass eines der Häuser in der Wohnanlage über Strohmänner sogar Wolodymyr Selenskyj selbst gehören könnte. Das NABU und die SAP dementierten jedoch entsprechende Meldungen. "Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, war und ist nicht Gegenstand der Voruntersuchungen von NABU und SAP", erklärte NABU-Chef Semen Krywonos bei einer Pressekonferenz am 12. Mai.

Beobachtern zufolge könnte dieser Fall Selenskyjs Ruf dennoch schaden. Der ukrainische Politikwissenschaftler Petro Oleschtschuk glaubt, dass dieses Verfahren weniger unmittelbare Folgen haben als vielmehr die jetzige Staatsführung im Hintergrund permanent belasten wird. "Das 'Minditsch-Gate' wird immer wieder auftauchen und nicht einfach verschwinden. Es bleibt ein unterschwelliger Aspekt der Wahrnehmung der Arbeit des Präsidenten", so Oleschtschuk gegenüber der DW.

Ihm zufolge könnten sowohl innenpolitische Gegner Selenskyjs als auch externe Akteure daran interessiert sein, die Aufmerksamkeit für diesen Korruptionsfall aufrechtzuerhalten. Zudem schließt Oleschtschuk nicht aus, dass die ukrainische Führung mit entsprechenden Informationen unter Druck gesetzt werden könnte, um Szenarien für ein Kriegsende zu forcieren, die für die Ukraine ungünstig sind.

Auch der ukrainische Politikwissenschaftler Wolodymyr Fesenko sieht Risiken für Selenskyjs Ansehen - jedoch eher in der Zukunft, auch wenn jetzt gewisse Einbußen bei den Zustimmungswerten möglich seien. "Solange Selenskyj Präsident der Ukraine ist, genießt er Immunität. Gegen ihn kann daher, anders als bei Jermak, nicht ermittelt werden", erläutert Fesenko im DW-Gespräch. Seiner Ansicht nach droht Selenskyj die größte Gefahr, wenn der Krieg endet und der Wahlkampf beginnt. "Dann könnte all das kompromittierende Material im Zusammenhang mit diesem Fall und allgemein mit dem 'Minditsch-Gate' gegen Wolodymyr Selenskyj verwendet werden", so Fesenko.

Selenskyj selbst hat sich bislang nicht dazu geäußert. Sein Kommunikationsberater Dmytro Lytwyn erklärte gegenüber Journalisten, dass "die Verfahrensmaßnahmen noch im Gange sind", daher sei es "für jegliche Einschätzungen noch zu früh".

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk