Wenn Bernd Wagner über den neuen Firmensitz läuft, kommt er ins Schwärmen und sagt Sachen wie: "Siebenmal so viel Stahl wie für den Bau des Eiffelturms" oder "Kabel von hier bis nach Neapel".
Die Anlage für 3500 Mitarbeiter mit Kita, Restaurant und Fitnessbereich erinnert an die Zentralen von Amazon, Apple oder Google:
Der neue Firmensitz steht aber nicht in Kalifornien, sondern in Bad Friedrichshall, einer Kleinstadt im Süden Deutschlands. Von hier ist es nicht weit bis nach Heilbronn, der Heimatstadt des wohl reichsten Deutschen: Dieter Schwarz, heute 86 Jahre alt.
Groß geworden ist der Konzern vor allem mit den Supermärkten Lidl und Kaufland. Doch weil die Schwarz Gruppe am liebsten alles selbst macht, wächst sie in alle Richtungen: Lebensmittelproduktion, Abfallwirtschaft, Recycling und jetzt Digitalisierung.
Im vergangenen Jahr machte die Schwarz Gruppe knapp 185 Milliarden Euro Umsatz - mehr als SAP, Mercedes oder Bayer. In Deutschland spielte nur der Autobauer VW im Jahr 2025 mehr Geld ein.
Bisher gilt die Schwarz Gruppe als verschlossen: Vor allem über den Gründer Dieter Schwarz wird nicht gesprochen. Bis heute gibt es kaum Fotos von ihm. Angeblich kann er sich in Heilbronn frei bewegen, ohne erkannt zu werden.
Jetzt macht die Schwarz Gruppe mit einer neuen Geschichte Schlagzeilen. Diese Geschichte beginnt bei Schwarz Digits und handelt von digitaler Unabhängigkeit und dem Standort Deutschland. "
Während sich Schwarz Digits in den vergangenen Jahren vor allem um die IT der 14.500 Supermärkte weltweit gekümmert hat, bietet das Unternehmen seine Cloud und Sicherheitslösungen nun auch Firmen und Behörden an.
So will das Unternehmen dafür sorgen, dass Deutschland und Europa wieder an den Tisch kommen und nicht vollständig von der Technologie aus den USA oder China abhängig sind, sagt Wagner: "Wir wollen Europa die Handlungsfähigkeit zurückgeben. "
Der Kurs liegt im Trend. So gewinnt die Firma derzeit einen Großauftrag nach dem anderen: Zu den Kunden und Partnern gehören die niederländische Regierung genauso wie deutsche Ministerien und der DFB.
Im Spreewald, eine Autostunde südlich von Berlin, baut Schwarz Digits ein Datenzentrum. Mit elf Milliarden Euro ist es die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Konzerns.
Wie viel der neue Firmensitz in Bad Friedrichshall gekostet hat, darüber schweigt man. Nur so viel ist klar: Mit der neuen Zentrale sollen IT-Talente gehalten und vielleicht sogar angelockt werden. Die Botschaft: Warum ins teure Silicon Valley ziehen, wenn man auch im Süden Deutschlands an der Zukunft arbeiten kann.
Dass Erfolg nur mit Menschen, Talenten und Bildung funktioniert, hat der Milliardär Dieter Schwarz früh gelernt. Seit 1999 gibt es die Dieter Schwarz Stiftung, die sich vor allem für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Unternehmertum einsetzt.
Beispielsweise auf dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung. Hier bilden etliche deutsche Forschungseinrichtungen rund 8000 Studierende aus - und es sollen deutlich mehr werden.
Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel hat den Bau der Experimenta vor 20 Jahren noch mitinitiiert, damals noch in einer anderen Verwaltungsfunktion. Der größte Geldgeber war damals: die Dieter Schwarz Stiftung.
Seit 2014 ist Mergel Oberbürgermeister der mehr als 130.000 Einwohner zählenden Stadt. Auch er spricht nicht viel über Dieter Schwarz, den großen Mäzen im Hintergrund, der weiterhin in der Stadt lebt. "Jeder hat das Recht auf Anonymität."
So viel kann er aber verraten: "Die Schwarz Gruppe und die Dieter Schwarz Stiftung spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um den Wandel zur Wissensstadt geht", sagt Mergel in seinem Arbeitszimmer im altehrwürdigen Heilbronner Rathaus.
Der Wandel, von dem er spricht, ist bereits sichtbar. Heilbronn, das die Bewohner früher manchmal selbstironisch auch "Heilbronx" nannten, gilt mittlerweile in manchen Rankings als die Stadt mit der größten Kaufkraft Deutschlands.
Bis zu 5000 Menschen sollen vor den Toren der Stadt arbeiten und forschen. 2027 werden die ersten Gebäude eröffnet. Wesentlich beteiligt sind auch hier die Dieter Schwarz Stiftung und die Schwarz Gruppe.
Zu den Kosten des Projekts will man sich auf Nachfrage nicht äußern. Das IPAI ist als Netzwerk bereits seit 2022 aktiv. Mittlerweile arbeiten dort in Heilbronn rund 140 Unternehmen und Partner am Thema künstliche Intelligenz.
Vom Heilbronner Rathaus sind es 15 Autominuten bis zur Firmenzentrale von Schwarz Digits. Ein Kochroboter bereitet hier auch nachts Gerichte für die Mitarbeiter zu.
"Die Region wird schon bald zur größten KI-Schmiede in Deutschland und in Europa werden", ist sich Vertriebschef Bernd Wagner sicher.
Doch kann das Unternehmen wirklich gegen die Techriesen ankommen? Amazon beispielsweise hat allein im Cloud-Geschäft im abgelaufenen Jahr 135 Milliarden Dollar umgesetzt. Schwarz Digits kommt mit all seinen Aktivitäten auf 2,2 Milliarden Euro Umsatz.
"Wir sind hier, um zu bleiben", sagt Bernd Wagner selbstbewusst. Die Chancen würden sich aus dem Markt ergeben.
Wagners Appell an die digitale Unabhängigkeit wirkt auch ein bisschen wie eine PR-Strategie. Doch einen langen Atem und den richtigen Riecher hat Lidl-Gründer Dieter Schwarz schon häufiger bewiesen. Nicht umsonst ist die Schwarz Gruppe heute der größte Einzelhändler in Europa und der viertgrößte der Welt. Gut möglich also, dass die große Tech-Wette des reichsten Deutschen am Ende aufgeht.