In einem TikTok-Video läuft ein Junge im Alter von rund zwölf Jahren mit einer Kalaschnikow in der Hand durch staubige Straßen und ruft auf Arabisch "Allah ist groß!".
Zahlreiche Videos von Kindersoldaten im Sudan gehen dieser Tage in sozialen Netzwerken viral, vor allem auf der Videoplattform TikTok. Die meisten sind von ihnen selbst gefilmt mit Handykameras und werden millionenfach angesehen, so Sebastian Vandermeersch, Reporter bei Bellingcat.
Der Krieg im Sudan, der vor drei Jahren begann, ist eine der größten humanitären Katastrophen weltweit.
Am schlimmsten betroffen sind die Kinder, betont Kamal Eldin Bashir vom Kinderhilfswerk Save the Children im Sudan: "Sie leiden unter der Vertreibung, der Trennung von ihren Familien, mangelnder Bildung und vor allem mangelnder Gesundheitsversorgung - zusätzlich zu der Unterernährung, die eine sehr große Anzahl von Kindern betrifft", so Bashir.
Vor allem die RSF-Miliz unterhält sehr viele Kindersoldaten, so Mohamed Othman, Leiter des UN-Ermittlerteams zum Sudan: "Sie werden in verschiedenen Funktionen eingesetzt, zum Beispiel an Straßensperren, aber auch zur Spionage", berichtet Othman. Dabei gelte der Einsatz von Kindern unter 15 Jahren laut dem Rom-Statut, auf welchem die Gerichtsbarkeit des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag aufbaut, als Kriegsverbrechen, betont Othman.
Als "Löwenjungen" oder "Löwenbabys" werden diese Kinder online bezeichnet. Der Begriff wurde bereits in den vergangenen Kriegen in Sudan, aber auch in den umliegenden Ländern verwendet.
Diese Kindersoldaten sind am Ende schwer traumatisiert und ihr Leben lang gezeichnet, warnt Bashir von Save the Children. "Statistiken zufolge leiden bis zu 50 Prozent der Kinder in Sudan an posttraumatischer Belastungsstörung", so Bashir und betont: "Das sind wirklich alarmierende Zahlen." Bei denjenigen Kindern, die zur aktiven Teilnahme am Krieg rekrutiert werden, sind die Zahlen noch höher.
Traumata zeigen sich über vielfältige Symptome, unter anderem Albträume und nachlassende Schulleistungen. "Doch um all diese Kinder zu behandeln, fehlen uns schlichtweg die spezialisierten Gesundheitseinrichtungen, die sich mit diesem Problem auskennen", so Bashir.
Wenn diese Kinder nicht behandelt werden, hat dies letztlich sehr negative Folgen für die ganze Gesellschaft, betont Victor Ochen. Der Ugander ist Direktor der Organisation AYNET, die sich auf die Behandlung von ehemaligen Kindersoldaten spezialisiert hat. Sie ist eine der wenigen Einrichtungen dieser Art auf dem Kontinent. Jüngst schulte Ochen Psychologen aus dem Sudan. Dass nun Kindersoldaten zu regelrechten Kriegshelden stilisiert werden, findet Ochen alarmierend. "Sie können als Propagandainstrumente der Kriegsparteien missbraucht werden", sagt er.
Ochen wuchs in Uganda während des Bürgerkriegs auf, sein Bruder wurde von den ugandischen Rebellen der Lord Resistance Army (LRA) zwangsrekrutiert. Er weiß aus eigener Erfahrung: Meist prägen diese Kriegserfahrungen die zukünftigen Generationen.
Investigativjournalist Vandermeersch konfrontierte TikTok mit den Videos. Doch die Plattform reagierte nur sehr verhalten. "Nach 48 Stunden waren die Accounts immer noch verfügbar", sagt er. Erst nach Veröffentlichung seines Artikels wurden alle gemeldeten Accounts abgeschaltet. Doch, so der Journalist, habe er kurz darauf bereits neue Accounts melden müssen.