"Messi-Verschwörung"? - Ägypten wirft FIFA Manipulation vor
"Vielleicht wollte man den Weltmeister im Wettbewerb behalten. Vielleicht wollte man, dass Messi weiter im Rennen bleibt", schimpfte Ägyptens Nationaltrainer Hossam Hassan beim TV-Sender BeIN Sports nach der bitteren 2:3 (1:0)-Niederlage im Achtelfinale der Fußball-WM gegen Argentinien: "Das war ein manipuliertes Spiel und die ganze Welt hat es gesehen", wütete er.
Bis kurz vor Schluss der regulären Spielzeit hatten die Ägypter durch Treffer von Yasser Ibrahim (15. Minute) und Mostafa Ziko (67.) mit 2:0 geführt. Dann startete der Titelverteidiger eine Aufholjagd und drehte die Partie in der Schlussviertelstunde. Cristian Romero (79.), Lionel Messi (83.) und Enzo Fernandez (90.+2) trafen zum Sieg und Ägypten schied aus.
Kein Verständnis für Schiedsrichterentscheidungen
Allerdings hatte die Niederlage für den siebenmaligen Afrika-Cup-Sieger einen überaus faden Beigeschmack. Aus Sicht der Nordafrikaner hatte ihnen der französische Schiedsrichter Francois Letexier einen historischen Erfolg verbaut.
"Der Schiedsrichter war unfair und hat die Mühen einer ganzen Nation zunichte gemacht. Der Pokal wird Argentinien geschenkt", wütete Mostafa Ziko, dessen erstes Tor (58.) "aus welchen Gründen auch immer" aberkannt worden war, wie Trainer Hassan meinte.
Zur Ehrenrettung des Schiedsrichters: Beim Ballgewinn der Ägypter vor dem Tor Zikos - und ab hier beginnt die Bewertung einer Torszene durch den Videoschiedsrichter VAR - trat ein Ägypter dem ballführenden Argentinier klar erkennbar auf den Fuß und brachte ihn zu Fall. Es war daher vertretbar, den Treffer nicht zu geben.
Keine Überprüfung bei vermeintlichem Elfmeter
Allerdings war es nicht der einzige Streitfall. Besonders regten sich die Ägypter über eine Szene auf: "Ein Elfmeter für uns ist nicht einmal vom VAR gecheckt worden", beklagte Hassen. Nach Ansicht der Ägypter hatte es einige Minuten vor dem Siegtor durch Fernandez ein Foul an Hamdy Fathy im argentinischen Strafraum gegeben - und das sahen durchaus auch Unbeteiligte so.
Alexis MacAllister griff dabei abseits des Balls nach Fathys Trikot und zog am Ägypter, dem so die Chance genommen wurde, einen Abpraller zu erreichen und möglicherweise zu verwerten.
Ägyptens Fußballverband legte nach dem Spiel offiziell Beschwerde beim Fußballweltverband FIFA ein. Verbandsboss Hany Abo Rida warf dem französischen Unparteiischen Francois Letexier in einem Schreiben "schwerwiegende Fehler" vor und forderte neben einer Untersuchung der Vorfälle auch den Ausschluss des gesamten Schiedsrichtergespanns von der WM.
Der Schiedsrichter habe "zweierlei Maßstäbe" angelegt, "was dazu führte, dass die ägyptische Mannschaft das Spiel verlor und ausschied". Weiter monierte Abo Rida "eklatante Fehler und die Weigerung, bestimmte Videosequenzen zu überprüfen".
Unterstützung von Regelexperten auch aus Deutschland
"Man sieht, wie am Trikot gezogen wird", sagte auch der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich, der beim deutschen TV-Sender MagentaTV der WM-Experte für Regelfragen ist, in seiner Analyse der strittigen Szenen. "Für mich ist das ein Strafstoß."
Ittrich sah generell ein gewisses Ungleichgewicht in der Spielführung des Unparteiischen: "Alle strittigen Entscheidungen sind gegen Ägypten getroffen worden. Die negativen Emotionen sind nachvollziehbar", sagte er, betonte aber gleichzeitig: "Die Prozesse, wie sie gelaufen sind, mit dem Videoassistenten, sind korrekt." Offenbar, so Ittrichs Vermutung, war das Halten am Trikot dem VAR aber nicht stark oder klar genug gewesen, um einzugreifen.
Lutz Wagner, ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter und verantwortlich für die Schiedsrichter-Ausbildung beim Deutschen Fußballbund (DFB), bewertete die Szene ähnlich: "Ein sehr uncleveres Verhalten des Argentiniers", sagte er in seiner Rolle als Regel-Experte beim deutschen Fernsehsender ARD. " Argentinien hätte sich über einen Pfiff nicht beschweren dürfen."
Nationaltrainer Hassan sah die Argentinier als Ursache, sie hätten "Druck auf den Schiedsrichter ausgeübt", behauptete er und ereiferte sich weiter. "Wir hatten den Sieg verdient, aber wir haben keinen Respekt und kein Fair Play erfahren. Das Leben ist unfair, die Welt ist unfair, aber warum gibt es keine Fairness im Fußball, im Sport? Wir sind ungerecht behandelt worden."
Spott und Häme für die FIFA
Spätestens seit die FIFA nach einem Anruf von US-Präsident Donald Trump die Rot-Sperre gegen US-Stürmer Folarin Balogun ohne Begründung nur zur Bewährung aussetzte, sind Spekulationen über Manipulation und Bevorteilung einzelner Mannschaften Tür und Tor geöffnet.
So prüfte - ob in völligem Ernst oder halb als Scherz - der englische Verband seine Möglichkeiten, gegen die rote Karte und die damit verbundene Sperre von Verteidiger Jarrell Quansah für das Viertelfinale gegen Norwegen Einspruch einzulegen, obwohl es für rote Karten normalerweise keinen regulären Einspruchsweg gibt. In den sozialen Medien hat sich das Thema längst verselbstständigt und zahlreiche Memes machen die Runde.
Ebenfalls nicht ganz ernst zu nehmen ist in diesem Zusammenhang auch eine Äußerung des ehemaligen deutschen Nationaltorhüters Oliver Kahn, der nach der Begnadigung Baloguns anregte, sich die gelbe Karte gegen den deutschen Kapitän Michael Ballack aus dem WM-Halbfinale 2002 nochmal anzuschauen.
"Wenn wir die Fußballgeschichte schon umschreiben, habe ich einen kleinen Vorschlag: Die FIFA sollte die Gelbe Karte annullieren, die Michael Ballack im WM-Halbfinale 2002 erhielt - jene Karte, die ihn für das Finale ausfallen ließ", schrieb Kahn auf X und schlug vor auch gleich das Finale von 2002 gegen Brasilien zu wiederholen. Kahn hatte in diesem Endspiel einen entscheidenden Ball nicht festhalten können und Deutschland hatte mit 0:2 verloren.
FIFA hat Glaubwürdigkeitsproblem und bietet Anlässe
Die FIFA wird mit ihrem Glaubwürdigkeitsproblem wohl noch über die WM in den USA, Kanada und Mexiko hinaus zu tun haben. Allerdings gibt sie sich auch wenig Mühe, keine Anlässe für Kritik oder Verschwörungstheorien zu liefern. Beim Anruf Trumps wäre es ein Leichtes gewesen, auf die geltenden Regeln zu verweisen und die Sperre Baloguns aufrecht zu erhalten.
Und auch was die vermeintliche Bevorzugung Argentiniens angeht, macht sich der Fußball-Weltverband ohne Not weiter angreifbar. Für das Viertelfinalspiel zwischen Frankreich und Marokko setzte er ausgerechnet ein komplettes Schiedsrichterteam aus Argentinien an. In französischen Medien sorgte das zumindest für Verwunderung, denn Frankreich gilt neben den Argentiniern als einer der Top-Favoriten auf den WM-Titel.
Bei der Equipe Tricolore selbst blieb man entspannt: "Ich konzentriere mich nicht darauf, wer der Schiedsrichter ist. Das haben wir noch nie gemacht. Wir konzentrieren uns auf Marokko und wollen das Spiel gewinnen", sagte Verteidiger Dayot Upamecano, der in der Bundesliga für den FC Bayern München spielt.
Ob es Anlass gibt, sich doch über die Ansetzung der argentinischen Schiedsrichter aufzuregen, müssen wohl die 90 oder 120 Minuten auf dem Platz zeigen.