"Ich werde nicht aufhören, bis ich ein Champion bin." Diesen Satz hört man oft, wenn man die Mädchen, die an der Impact Academy in Kairo das Boxen lernen, nach ihren Zielen fragt.
Alle wirken entschlossen, selbstsicher, schäkern miteinander wie alte Freundinnen. Es könnte eine alltägliche Szene sein, ein Training wie jedes andere - doch das ist es nicht.
Viele der Mädchen hier im Süden Kairos stammen aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Oft erfahren sie geschlechtsspezifische Gewalt und werden sehr früh zum Heiraten gedrängt - meist auf Kosten ihrer Bildung und Selbstständigkeit.
Dass gerade sie Boxen lernen, einen männlich geprägten Sport in einer traditionellen Gesellschaft, gleicht einer Rebellion.
"Ich war früher ziemlich feige, jetzt habe ich mehr Selbstvertrauen", erzählt Salma. Die 17-jährige ist seit 2023 an der Akademie. Früher wurde sie von vielen gemobbt, auch weil sie eine dunklere Haut hat als viele andere, und missbraucht.
Seit sie hier boxt, hat sie zumindest vor ihren Mobbern Ruhe, sie haben nun Angst vor ihr. Und von ihren Mitstreiterinnen in der Akademie fühlt sie sich akzeptiert, wie sie ist. Mehr noch: "Ich fühle mich von meinen Freundinnen hier uneingeschränkt geliebt."
Die Idee der gesamtheitlichen Herangehensweise der Akademie stammt von Sally Hassona. Die 49-jährige Trainerin kommt selbst aus dem Boxen, ist hauptberuflich Sportlehrerin an einer privaten Schule und Mitglied des Auswahlkomitees des ägyptischen Sportministeriums, das Box-Talente für das Olympia-Team des Landes ausbildet.
Bezahlt wird Hassona für ihre Arbeit nicht. Aber um Geld geht es ihr auch nicht. "Ich will einfach, dass die Mädchen ein gutes Leben haben, von ihrem Stigma wegkommen", sagt sie.
Darin gaben 99,3 Prozent der ägyptischen Mädchen und Frauen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. 91 Prozent fühlten sich nicht sicher auf den Straßen.
"Hier ist vieles gefährlich für Frauen und Mädchen. Boxen gibt uns Selbstvertrauen und macht, dass wir uns stark fühlen. Es tut gut zu wissen, wie man mit jemandem kämpft", sagt Hana Abdel Bary, eine der Team Captains der Akademie. "Wir lernen aber auch, Grenzen zu setzen, und uns zu beschützen."
Denn obwohl die Mädchen im Ring jemanden k.o.
Dass es für Mädchen nicht "normal" ist zu Boxen, erfährt Abdel Bary immer wieder. "Jedes Mal wenn ich zum Arzt gehe, und sage, dass ich boxe, kommentieren sie das", sagt sie. "Manche sind stolz, aber einige andere sagen schlimme Sachen."
Von zu Hause bekommt sie jedoch Unterstützung: Ihr Vater war der Boxer Saleh Abdel Bary. Er nahm zweimal für Ägypten an den Olympischen Spielen teil.
Wenngleich der Sport im Vordergrund steht, ist es nicht das Einzige, was die Mädchen an der Akademie lernen. "Sally betont immer wieder: Boxen ist kein Beruf. Sie pusht uns, Sprachen zu lernen, oder was auch immer", sagt Hana.
Hassona versucht, gemeinsam mit den Mädchen herauszufinden, was ihnen Spaß macht, welche Ziele sie haben, und ermutigt sie, sich in den männlich geprägten MINT-Feldern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu versuchen.
Hanin zum Beispiel will Elektrotechnikerin werden.
Unter dem Namen "Play It Brave" dreht sich an der Impact Academy alles um mentale Gesundheit und geschlechtsspezifische Gewalt. Mehrere mentale Coaches, eine Psychologin und eine Ärztin klären die Mädchen auf über Hygiene, Gesundheit und Menstruation.
"Natürlich will ich professionelle Boxerin werden, aber ich will mein Englisch und Deutsch perfektionieren", sagt Aya.
Erst im September 2025 hat das ägyptische Sportministerium bekräftigt, dass es daran arbeite, die Teilnahme von Frauen am Sport durch spezielle Initiativen zu erweitern, wie die ägyptische Zeitung "Ahram Online" schrieb.
Doch eine tiefergehende strukturelle Änderung in der Gesellschaft braucht Zeit. Davon träumt Hassona nicht einmal.
"Wie das hier, hinter dem Fußballfeld", sagt sie und zeigt auf ein schlichtes, langes Haus. Mit einem Raum fürs Training, einen für die Erholung, eine Sauna. "Vielleicht könnte ich das Konzept auf Rugby ausweiten", überlegt sie.