Was heißt es heute, Soldat im Niger zu sein? Im Exklusivinterview mit der DW spricht Sahelexperte Dr. Abdoulaye Sunaye, Professor am Berliner Leibniz-Zentrum Moderner Orient Berlin, von einer "wachsenden Unzufriedenheit".
"Die große Mehrheit verdient nicht einmal 150 Euro im Monat und viele müssen mit diesem Monatsgehalt sechs, sieben oder mehr Angehörige versorgen. Und das trägt natürlich zu einer wachsenden Unzufriedenheit innerhalb der nigrischen Streitkräfte bei.“
An der Spitze steht General Abdourahamane Tiani, damals Chef der Präsidentengarde. Im Juli 2023 stürzte er den demokratisch gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum und übernahm die Macht. Die Junta begründet ihre Herrschaft vor allem mit dem Kampf gegen dschihadistische Gewalt.
Der senegalesische Governance-Experte Pape Ibrahima Kane sagte im DW-Exklusivinterview: "Das war nicht nur eine Meuterei, sondern ein versuchter Putsch. Wenn das kein versuchter Staatsstreich sein soll, wie soll denn ein versuchter Staatsstreich sonst aussehen? "
Experte Kane beschreibt die Probleme der Armee: Sie habe Schwierigkeiten, Truppen und Material in dem riesigen Land zu bewegen. Für die Soldaten bedeute das hohe Risiken – bei zugleich erheblichen Problemen bei Ausstattung, Versorgung und Logistik.
Hinzu kommt offenbar Frust über Bezahlung und mangelnde Wertschätzung.
"Die Männer, die an der Front sind, werden vernachlässigt. Sie fühlen sich vergessen und schlechter behandelt", sagte Bane im DW-Interview.
Die wachsende Unzufriedenheit in den Streitkräften zeige das zentrale Dilemma der Junta im Niger: Sie brauche eine besonders loyale Truppe zum Schutz ihrer Macht, dürfe aber den Rückhalt der regulären Armee nicht verlieren.
Besonders brisant ist die Rolle des russischen Afrikakorps. Die Formation übernahm einen großen Teil der früheren Aktivitäten der Wagner-Gruppe in Afrika.
Nach dem gescheiterten Aufstand von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin gegen den Kreml und seinem Tod im August 2023 wurden die russischen Afrika-Strukturen neu organisiert und stärker dem Verteidigungsministerium unterstellt.
Damit gehe ihre Rolle über die reine Terrorismusbekämpfung hinaus: Russische Kräfte halfen, einen Putsch aus den Reihen der nigrischen Armee gegen die Regierung niederzuschlagen.
Kane spricht deshalb von einer "strategischen Abhängigkeit". "Ohne die russische Armee hätten wir heute im Niger eine neue Regierung, die Junta wäre gestürzt", erklärt er im Gespräch mit der DW.
Zudem unterstützte Algerien die Militärjunta in Niamey und entsandte vier russische Mehrzweckkampfflugzeuge vom Modell Suchoi Su-30 in den Niger.
Für Machthaber General Tiani ist das kurzfristig ein Erfolg. Gleichzeitig wird seine Abhängigkeit von einem ausländischen bewaffneten Partner sichtbar.
Governance-Experte Pape Ibrahima Kane ist der Meinung, dass das Afrikakorps eine strategische Basis sichern, aber nicht die strukturellen Probleme der nigrischen Armee lösen oder die Dschihadisten besiegen kann.
Junta-Chef Tiani, so Kane, müsse nicht nur seine Macht sichern, sondern auch eine Armee hinter sich bringen, deren Soldaten hohe Risiken trügen und deren Loyalität offenbar nicht mehr selbstverständlich sei.
Der niedergeschlagene Putschversuch ist ein Sieg für die Junta – aber auch ein Warnsignal für den kritischen Zustand der nigrischen Armee.