Nordafrika: Warum Witwen beim Erbe benachteiligt werden

Der Tod ihres Ehemanns hat Meryem, 60 Jahre alt, in eine schwere Krise gestürzt. Es sei nicht nur die Trauer über den Verlust ihres Mannes, die ihr zusetze, sagte sie im Februar im Gespräch mit der marokkanischen Zeitschrift Egalité Mag. "Ich habe meinen Partner verloren und werde von der Verwandtschaft wie eine Feindin behandelt, obwohl wir dieses Leben in über 30 Jahren gemeinsam aufgebaut haben", sagte sie. Sie bat darum, ihren Nachnamen nicht zu veröffentlichen. 

Ihr verstorbener Ehemann hatte ihr eine Wohnung gekauft und auf ihren Namen registriert, um sie nach seinem Tod abzusichern. Kurz nach der Beerdigung tauchten jedoch entfernte Verwandte ihres Mannes auf und reklamierten die Wohnung für sich. Sie zogen im Namen der Scharia-Bestimmung "Taassib" vor Gericht. Nach dem Prinzip des Taassib müssen Frauen das Erbe mit weiter entfernten männlichen Verwandten teilen, wenn keine Brüder vorhanden sind.  

Meryem bekam vor Gericht Recht, denn ihr Mann hatte ihr zu Lebzeiten juristisch wasserdicht die Wohnung vermacht. Auch das ist gemäß dem in diesem Bereich geltenden islamischen Recht durchaus möglich. "Die Wohnung ist alles, was ich habe und ich kann von den Mieteinnahmen ein bescheidenes Leben führen", sagt Meryem. Alle anderen Vermögenswerte - ein Auto sowie Geld auf einem Bankkonto - würden jedoch von der Verwandtschaft blockiert.

"Wir haben häufig den Fall, dass der Mann verstirbt und die Frau aus der gemeinsamen Wohnung oder dem ehelichen Haus ausziehen muss, weil die Wohnung unter den Erben aufgeteilt werden muss", sagt Dörthe Engelcke vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg. Wenn Witwen in der Wohnung leben dürften, "wäre das eine wichtige Neuerung", sagt Islamwissenschaftlerin Engelcke. "Es würde zu sehr viel sozialer Stabilität für die hinterbliebenen Frauen beitragen."

Verweigerte Rechte

In den letzten Jahrzehnten hat es im Nahen Osten und in Nordafrika rechtliche Verbesserungen für Frauen gegeben. Einige Regierungen haben das Familienrecht reformiert, das sich auf islamische Tradition beruft, und die Selbstbestimmung von Frauen gesetzlich gestärkt. Es gibt zudem vermehrt Anstrengungen, um Frauen vor Gewalt zu schützen. Die Reform des Erbrechts bleibt jedoch ein besonders heikles Thema in Nahost und Nordafrika.

"Im Allgemeinen erhalten Söhne nach wie vor den doppelten Erbanteil von Töchtern, weil - so lautet die Begründung - von Söhnen im Gegensatz zu Töchtern erwartet wird, dass sie finanziell für ihre Familien sorgen", sagt Elham Manea, Universitäts-Professorin mit Wirkungsstätte Universität Zürich und Autorin des 2011 erschienenen Buches "The Arab State and Women's Rights: The Trap of Authoritarian Governance" (dt. "Der arabische Staat und Frauenrechte - Die Falle autoritärer Regierungsführung").

"In der Praxis entspricht diese Annahme jedoch zunehmend nicht mehr der gesellschaftlichen Realität", sagt Manea im Gespräch mit der DW. "Vielen Frauen wird der volle Anspruch auf ihr Erbe verwehrt. Und das, obwohl sie kaum oder gar keine wirtschaftliche Unterstützung von männlichen Verwandten erhalten. "

Einfluss von Clans und Islamisten

Ein weiteres Argument gegen ein gleichberechtigtes Erbrecht sei, dass den Familien nach einer Heirat der Töchter im Besitz dieser Familien befindliches Land verloren gehen würde, so Manea. "Ob dieses Argument empirisch stichhaltig ist oder nicht, es hat historisch gesehen eine wichtige Rolle dabei gespielt, Widerstand gegen eine grundlegende Refom des Erbrechts zu mobilisieren. "

Einen weiteren Grund, warum sich das Frauen benachteiligende Erbrecht so hartnäckig in der Region hält, sieht sie in der mangelnden Legitimität arabischer Regime. Dies habe dazu geführt, dass diese sich auf Bündnisse mit konservativen Clans sowie religiösen oder islamistischen Akteuren stützen, um politisch zu überleben.

"Es gibt bisher nur schrittweise Fortschritte, weil Reformen eng mit Fragen der Regimestabilität, der politischen Legitimität und der Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft verflochten sind", sagt Manea. "Das Familienrecht ist nicht bloß eine rechtliche Frage; es ist eine zutiefst politische Angelegenheit. "

Islam und Gerechtigkeit

Amel Hammami, eine in Warschau lebende tunesische Rechtsexpertin, argumentiert, dass es im Koran zwei verschiedene Kategorien von Regeln gebe. "Bei religiösen Regeln geht es um die Beziehung zwischen Allah und den Menschen. Sie betreffen Glaubenspraktiken wie Gebet, Pilgerfahrt und das Fasten", sagt sie. "Diese Regeln sind unwiderruflich und unveränderlich."

Die zweite Kategorie hingegen betreffe die Beziehungen zwischen den Menschen wie zum Beispiel Erbrecht, Familienrecht und Strafrecht. Für Hammami steht eine Änderung des Erbrechts nicht im Widerspruch zum Koran, im Gegenteil sie würde dem Ziel der Gerechtigkeit im Islam entsprechen. 

Zähe Fortschritte bei Frauenrechten

In den letzten Jahren sind Frauen-diskriminierende Gesetze mehr und mehr in Frage gestellt oder geändert worden. Tunesien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien, Bahrain, Saudi-Arabien und Marokko haben Reformen verabschiedet, die die rechtliche Autonomie von Frauen erweitern, wobei Umfang und Auswirkungen dieser Änderungen von Land zu Land stark variieren.

Saudi-Arabien hat sein System der männlichen Vormundschaft seit 2019 eingeschränkt. In Tunesien sind Männer und Frauen formell rechtlich gleichberechtigt, beide Ehepartner tragen gemeinsam die Verantwortung für die Familie.

In Syrien drängen Aktivistinnen und Politikerinnen wie Rafif Jouejati, stellvertretende Vorsitzende der Syrischen Liberalen Partei, auf eine Reform des Erbrechts, wie sie im Gespräch mit der DW im Dezember sagte. In Ägypten wird derzeit eine Reform des Familienrechts diskutiert, die auch Verbesserungen bei Scheidung und Sorgerecht umfassen soll. 

Auch in Marokko drängen Frauenrechtsaktivistinnen bei einer schon vor Jahren angekündigten Reform des Familienrechts auf volle rechtliche Gleichstellung. König Mohammed VI. hatte in seiner Thronrede im Juli 2022 eine Reform des Familienrechts angestoßen, da das bestehende Recht nicht mehr den sozialen Realitäten in Marokko entspreche. Nach Angaben marokkanischer Medien liegt auch ein Vorschlag auf dem Tisch, wonach Witwen davor geschützt werden sollen, die gemeinsame Wohnung nach dem Tod des Mannes verlassen zu müssen. Wie das juristisch umgesetzt werden könnte, ist bisher nicht bekannt.

Hoffnung für kommende Generationen?

"Es wird weiterhin Druck für Veränderung geben", sagt Elham Manea. "Die jüngere Generation ist im Allgemeinen besser ausgebildet. Frauenbewegungen in der gesamten Region sind heute zunehmend besser organisiert und treten selbstbewusster für Rechtsreformen und mehr Gleichberechtigung ein. "

Allerdings sei es unwahrscheinlich, dass Gesetze allein durch die Bemühungen von Frauenrechtsaktivistinnen verändert werden könnten. "Die Zukunft der Reformen wird nicht nur davon abhängen, wie intensiv Aktivistinnen für juristische Verbesserungen eintreten." Entscheidend sei auch, ob sie in der Lage seien, eine breitere gesellschaftliche Unterstützung für die Gleichberechtigung von Frauen zu mobilisieren, sagt Manea. 

Amel Hammami stimmt dem zu. "Die Frage ist nicht mehr, warum sollten Frauen den gleichen Anteil erben wie Männer", sagt sie. "Die Frage lautet heute vielmehr: Warum sollten Frauen nicht das Gleiche erben?"

Hinweis: DW-Autorin Claudia Mende ist auch Verfasserin des Buches "'Wir sind anders als ihr denkt' - Der arabische Feminismus", Westend Verlag, 2024.