Anne hat keine Angst. Aber sie ist vorsichtig. Denn Anne wehrt sich gegen rechte und rassistische Gewalt in der deutschen Hauptstadt Berlin - und wird deswegen selbst von Rechtsextremisten angefeindet. Ihren richtigen Namen nennen wir daher nicht.
Überall in den verschiedenen Berliner Stadtvierteln gibt es junge Menschen, die wie Anne rechte und rassistische Vorfälle registrieren: Sie wollen das Ausmaß der Gefahr sichtbar machen.
Marzahn-Hellersdorf ist eine eigene Welt in der deutschen Hauptstadt. Der riesige Stadtteil ist voller Kontraste.
Mit der U-Bahn fährt man von Hellersdorf in nur 20 Minuten bis in die Berliner Stadtmitte - zum Alexanderplatz mit seinem riesigen Fernsehturm - einem der touristischen Hotspots der Stadt. Aber für viele Menschen ist die schillernde Innenstadt weit weg: "
Seit Jahren versuchen junge Neonazis in Berlin Fuß zu fassen - vor allem auch in Marzahn-Hellersdorf. Ganz vorne dabei sind zwei der Gruppierungen, gegen die am 6. Mai 2026 in Deutschland Razzien erfolgten: "Deutsche Jugend voran" und "Jung und Stark". In der Regel verbreiten sie ihren Hass auf queere Menschen, auf Migranten oder auf politische Gegner in den Sozialen Medien. Aber hier in Marzahn-Hellersdorf zeigen sie sich auch auf der Straße: so wie bei einem Angriff auf einen "Christopher Street Day" der LGBTQ-Community. Die Polizei meldete damals: Zwei der Neonazis waren jünger als vierzehn Jahre.
Die Gewalt und der Hass im Stadtteil sind nicht immer unmittelbar sichtbar: Viele Straßenzüge sind schön bepflanzt, mit vielen Blumen und Bäumen. Alles ist ordentlich, ruhig und sauber. Aber sie sind doch Teil des Alltags. Bei unseren Recherchen fährt ein Mann auf dem Fahrrad am Reporter vorbei: "Heil Hitler", ruft er beiläufig. Ein paar hundert Meter weiter klebt an einer viel befahrenen Straße an einem Laternenmast ein Aufkleber: "Deutschland den Deutschen" steht darauf, mit dem Logo einer neonazistischen Kleinstpartei.
Bei Anne sammeln sich die Stimmen der Betroffenen von Hass und Gewalt: "Mich haben schon Leute angerufen und gesagt: 'Ich versteck mich gerade - Ich bin vor einer Gruppe von zehn Jugendlichen weggerannt!“ Jugendliche wurden brutal zusammengeschlagen. "Das ist eine immense, zunehmende Gewalt, die spürbar ist für die Leute. Und man überlegt sich dreimal, wie man sich anzieht, wenn man jung und gegen Nazis ist. "
Dass Gewalt und Hass sich ausbreiten, beobachtet auch der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, Gordon Lemm. Der Sozialdemokrat kommt aus dem Stadtteil und ist hier aufgewachsen. Er erzählt im DW-Gespräch: Im Visier stehen seit einiger Zeit vor allem queere Menschen: "Es gibt hier nicht wie in anderen Berliner Stadtteilen queere Cafés, die ganz normal zum Stadtbild dazugehören. Wir haben hier im Stadtteil weniger Safer-Places. Mir wird rückgespiegelt, dass sich queere Jugendliche immer weniger trauen, queer erkennbar zu sein."
Lemm beobachtet unter jungen Menschen einen Werte-Backlash: "Frauen sollen diesen Vorstellungen nach wieder eine traditionelle Rolle einnehmen und Männer sollen die Ernährer sein." Befeuert werde dieser Backlash auch durch die gewachsene gesellschaftliche Unsicherheit, sagt er im DW-Interview. "Ich nehme in meinem Stadtteil eine Form der Härte wahr: die Menschen sind für sich und wollen nicht auffallen, wollen nicht angesprochen oder blöd angeguckt werden. Da gibt es so eine Art Schutzmauer, die viele auch mit ihrem Äußeren zeigen: möglichst kurze Haare und eine Kleidung, die eine gewisse Stärke nach außen zeigt, weil man nicht Opfer sein möchte. Das sehe ich auch in Marzahn-Hellersdorf wieder stärker werden. "
Zu spüren bekommen diese Härte zuerst Menschen wie Farzaneh.
Und trotz allem liebt sie Berlin. "Als ich letztens für längere Zeit in Südtirol war, habe ich das multikulturelle Berlin vermisst." Sie lebt gern in Deutschland und will sich nach vielen Jahren, nach Abitur und Studium, jetzt einbürgern lassen. "Das Gute in Deutschland ist: Man kann sich wenigstens bei der Antidiskriminierungsstelle melden. Im Iran gibt es das nicht. Wenigstens kann man sich wehren."
Sie will mit den Menschen ins Gespräch kommen.
Das Café ist ein bescheidener Ort, um Hass und Hetze etwas entgegenzusetzen. Es ist aber ein Beweis dafür, dass jeder einzelne Mensch einen Unterschied machen kann, etwas bewegen kann für ein Miteinander in einer oft anonymen Großstadt. Barbara Jungnickel, Anne, Farzaneh, der stellvertretende Bürgermeister Gordon Lemm - sie alle wollen die Stadt nicht einer aggressiven Minderheit an Menschenhassern überlassen. Sie wehren sich gegen einen besorgniserregenden Trend in Deutschland.