Eigentlich wollte Laura Müller als Kind selbst Formel-1-Fahrerin werden - begeistert von Formel-1-Ikone Michael Schumacher.
"Ich habe sonntags immer Formel 1 geguckt", erzählt sie in einem Interview ihres Teams Haas F1 vom August 2025.
Dennoch hat sich Müller in die Formel 1 gearbeitet und ist seit der Saison 2025 in ihrer Rolle als Renningenieurin so nah dran am Geschehen, wie kaum eine andere Frau.
Sie ist die erste und bislang einzige Renningenieurin in der Königsklasse des Motorsports und beim Team Haas für Pilot Esteban Ocon und dessen Boliden verantwortlich. Geschafft hat sie es dorthin mit viel Willen, Fleiß, Talent und akribischer Arbeit.
Dann erinnerte sie sich an ihre Vorliebe für den Rennsport und fasste einen Entschluss: "Ich dachte mir: Wenn ich keine Formel‑1‑Fahrerin werde, arbeite ich halt in der Formel 1." Es sollte der Auftakt zu einem bemerkenswert zielgerichteten Karriereweg werden.
Nach ihrem Maschinenbau-Studium sammelte Müller 2014 erste praktische Erfahrungen als Ingenieurin, zunächst über ein Praktikum in der DTM (Deutsche Tourenwagen Masters).
Es folgten weitere Einsätze im Langstreckensport, in der DTM, in internationalen Formelserien und der brasilianischen Stock‑Car‑Meisterschaft.
2022 unternahm Müller dann den ersten konkreten Schritt in Richtung Formel 1: Sie bewarb sich beim damaligen McLaren‑Teamchef Andreas Seidl. Zwar hinterließ sie dort einen positiven Eindruck, aber interne Umstrukturierungen verhinderten eine Anstellung.
Stattdessen wurde das Haas‑Team auf Müller aufmerksam und verpflichtete sie als Performance‑Ingenieurin. Aufgabenschwerpunkt: Optimierung der Fahrzeugabstimmung und der Leistung auf der Strecke.
Haas-Teamchef Ayao Komatsu lobte sie früh als extrem zielstrebig und sehr fleißig. Schließlich beförderte er Müller zur Saison 2025 zur Renningenieurin von Esteban Ocon.
Sie ist seitdem dessen engste Ansprechpartnerin, diejenige, die gemeinsam mit dem Piloten während des Rennens strategische Entscheidungen trifft, die mit ihm die Strecke besichtigt, Daten analysiert und das Setup des Wagens festlegt.
Ihre Beförderung machte Müller zur ersten Frau, die diese Schlüsselrolle in der Formel 1 dauerhaft ausübt. Ihr Geschlecht spiele in der täglichen Arbeit aber keine Rolle, so Müller, es komme vielmehr auf Fachwissen und Leistung an.
Die zusätzliche Aufmerksamkeit, die sie als "Pionierin" erfährt, sieht sie ebenfalls distanziert. "Ich bin kein großer Fan von Interviews oder Social Media", gibt sie zu.
Lieber konzentriert sie sich auf ihre Arbeit. "Meine Verantwortung liegt darin, die Entscheidungen zu treffen für mein Auto", erklärt Müller.
"Ich bekomme alle Informationen von allen Abteilungen: von den Aerodynamik-Menschen, den Reifen-Leuten, vom Performance-Ingenieur, von den Vehicle Dynamics. Ich versuche dann, diese Informationen in eine Entscheidung umzuwälzen", so Müller. "Ich entscheide einfach sehr viele Dinge. Und viele dieser Entscheidungen müssen in sehr kurzer Zeit passieren."
Vieles passiere allerdings nicht spontan, sondern werde in sogenannten "Was‑wenn‑Szenarien" vorbereitet, damit im Ernstfall nicht lange nachgedacht werden müsse. Müllers Credo: "Eine Entscheidung ist immer besser als keine Entscheidung.
"Es ist großartig, mit Laura zusammenzuarbeiten. Sie ist wirklich eine hervorragende Ingenieurin", sagte Esteban Ocon im Frühjahr 2025, nachdem die ersten Rennen absolviert waren.
Das soll in der neuen Saison besser werden - auch weil Haas große Hoffnungen in das neue Reglement setzt.
Der Deutschen wird im Übrigen beim Saisonauftakt in Melbourne eine besondere Ehre zuteil: Kurve sechs, die "Marina" des Albert Park Circuit, wird nach ihr und Red‑Bull‑Strategin Hannah Schmitz benannt.
Die Widmung ist Teil der Kampagne "In Her Corner" (In ihrer Kurve) von australischen Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie der Australian Grand Prix Corporation zum Weltfrauentag.
Dieses Signal sendet Müller aber ständig aus - unabhängig davon, ob am 8. März oder einem anderen Renntag. Unaufgeregt und konzentriert steht sie am Kommandostand und trifft Entscheidungen.
Die erste Renningenieurin der Formel 1 - und wenn es nach Laura Müller selbst geht, nur die erste von vielen, die nach ihr noch kommen.