Im hinteren Teil der Galerie hat Olah den Fliesenboden mit Folie und Pappe abgeklebt.
Norbert Olah ist Künstler - und Rom. Lange klammerte er diesen Teil seiner Identität aus seiner Kunst aus. Nicht, weil seine Herkunft für ihn unwichtig gewesen wäre, sondern aus Angst vor dem Etikett, das damit hätte einhergehen können: das Etikett des "Roma-Künstlers". "Es gibt so viele Vorurteile über Roma-Kultur und Roma-Kunst", sagt Olah. "Die Kunstszene sieht sie als naiv an, als unprofessionell, unbedarft und kitschig."
Doch je älter Olah wurde, desto schwerer ließ sich die eigene Geschichte künstlerisch ausblenden. Erst recht nicht in einem Land, in dem Roma-Sein nicht nur eine Frage der Herkunft, sondern auch der politischen Realität ist.
Als Viktor Orbans Fidesz-Partei 2010 zum ersten Mal mit absoluter Mehrheit die Parlamentswahl gewinnt, hat Olah gerade die Schule abgeschlossen und beginnt sein Studium der Malerei an der Ungarischen Universität der Bildenden Künste in Budapest. In einer Zeit im Leben, in der die Welt eigentlich größer wird, hat er das Gefühl, dass sich immer mehr Grenzen auftun.
Als Künstler und als Rom bekommt Olah die Folgen der politischen Neuausrichtung Ungarns unmittelbar zu spüren: Die Kulturszene wird politisch vereinnahmt und auf Linie gebracht, die Roma werden rhetorisch zur Zielscheibe. Auch durch Orban selbst. Er fällt immer wieder mit rassistischen Bemerkungen über Roma auf.
Für die etwa 700.000 Roma in Ungarn bedeutete die Orban-Herrschaft 16 Jahre zwischen offiziellen Integrationsversprechen und anhaltender Ausgrenzung. Orbans Regierung führte zwar ein staatliches Beschäftigungsprogramm ein, in dem vor allem Roma arbeiten - statt ihnen dabei zu helfen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, hält es viele Roma jedoch nur in prekären, schlecht bezahlten Aushilfsjobs fest. Für tatsächliche Veränderungen tat die Regierung wenig. Roma sind in Ungarn bis heute überproportional häufig von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen.
Bei der Off-Biennale in Budapest, der größten unabhängigen Veranstaltung für zeitgenössische Kunst in Ungarn, mauert Olah 2021 gemeinsam mit seinem Vater eine Wand aus Backsteinen, direkt vor dem Eingang des sogenannten Roma-Parlaments, ein Roma-Kulturzentrum mit Kunstsammlung, Archiv, Bibliothek und Veranstaltungen. Das ließ die Orban-Regierung 2016 räumen, angeblich aufgrund von baulichen Sicherheitsbedenken - verbunden mit dem Versprechen, dort ein nationales Roma-Kulturzentrum zu errichten. Das Gebäude steht bis heute leer.
"Die Ängste des Roma-Künstlers" nennt Olah sein Werk, in die Backsteine hat der Künstler Wörter wie "Integration", "Assimilation" und "Segregation" gemeißelt. Einige Wochen später schlägt Olah bei einer Performance mit einem Vorschlaghammer so lange auf sein Kunstwerk ein, bis es in sich zusammenbricht.
In einem Begleittext zu dem Kunstwerk schreibt Olah zum ersten Mal öffentlich über die Ängste, Vorurteile und Erwartungen, denen er als Künstler mit Roma-Wurzeln begegnet.
"Natürlich suchen wir alle immer nach Antworten. Aber manchmal ist es interessanter, die Frage selbst zu betrachten", sagt Olah und zupft ein Stück Kreppklebeband vom Boden. "Wenn sie sich unangenehm anfühlt, ist sie eine gute Frage."
Identität und Ausgrenzung, Macht und Machtmissbrauch - diese Themen werden für Olah zentral für sein künstlerisches Schaffen. An Inspiration wird es ihm während der Orban-Jahre nicht fehlen.
Obwohl Fidesz kaum Politik für die Roma machte, konnte die Partei von Viktor Orban bei Wahlen lange auf die Stimme der Minderheit zählen - etwa, weil Lokalpolitiker über die kommunalen Beschäftigungsprogramme die Möglichkeit hatten, Druck auf sozial schwächere Wähler auszuüben. Außerdem wurden immer wieder Fälle von Stimmenkauf dokumentiert. Tatsächlich war Fidesz sich so sicher, dass ein Großteil der Roma weiterhin für sie stimmen würde, dass sie den immer noch weit verbreiteten Antiziganismus in der Gesellschaft offen schürte.
So sprach sich kurz vor der Wahl im April 2026 der damals noch amtierende Fidesz-Verkehrsminister Janos Lazar öffentlich gegen Arbeitsmigration aus mit dem Hinweis, dass es noch "interne Reserven" wie die Roma gebe, die die "vollgeschissenen Toiletten" in den Intercitys reinigen könnten. Auch diese Szene hat Olah künstlerisch aufgegriffen, in einem fingierten Wahlplakat, auf dem ein Mann in Sturmhaube auf einer goldenen Toilette sitzt und eine Klobürste schwenkt, darunter der Schriftzug "Gypsy Criminals for President".
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Analysen der Roma for Democracy Stiftung zeigen, dass bei der Parlamentswahl im April 2026 viele Roma nicht mehr für Orbans Fidesz stimmten. Der neue Premier Peter Magyar schlug schon im Wahlkampf einen anderen Ton an gegenüber Roma an:
Seit der Wahl herrscht so etwas wie vorsichtiger Optimismus, dass sich nun tatsächlich etwas an der prekären Situation vieler Roma im Land ändern könnte. Gleichzeitig hat sich in den vier Monaten seit der Wahl außer dem Tonfall gegenüber der Minderheit noch nichts Grundlegendes geändert. "Ich sehe aktuell vor allem viele symbolische Gesten", sagt Olah.
Während einige seiner Freunde aus der eher liberalen Kunstszene langsam ungeduldig würden, weil sie sich eine deutlich liberalere Politik von Magyar wünschen, bleibt Olah Realist: "Er ist ein konservativer Politiker. Wir haben ihn gewählt, damit er das Orban-System abschafft. Mehr hat er nicht versprochen." Die Wahl im April böte aber die Chance für einen politischen Neuanfang. "Ich denke, wir werden langfristig wieder in einer normalen Gesellschaft leben, die von einer normalen Regierung geführt wird, die manches gut machen wird und anderes nicht so gut. Als Künstler wird es meine Aufgabe sein, das zu kritisieren", sagt er.
Auch in seinen Werken beschäftigt sich Olah mit der Zukunft.
Die Raumfahrt ist für Olah auch eine Metapher für sozialen Aufstieg - für den Wunsch von Menschen und Gemeinschaften, die Grenzen zu überwinden, die ihnen Herkunft, Armut oder das Leben als Minderheit setzen. Was wäre, fragt er, wenn man eine Gesellschaft noch einmal von vorn denken könnte? Würden Aliens Roma vorurteilsfrei begegnen? Was bleibt von einer Identität, wenn sich alles an ihr wandelt?
Olah zerrupft das Klebeband zwischen den Fingern. Wieder so viele Fragen ohne Antwort. Aber genau das macht sie ja so interessant.