Der Ruhm kam spät: Daniel Liebeskind war schon Mitte 50, als der Bau des Jüdischen Museums in Berlin ihm zum internationalen Durchbruch verhalf. Doch danach häuften sich die wichtigen Aufträge: Er entwarf unter anderem das Militärmuseum in Manchester und verwirklichte einen Teil seiner Ideen beim New Yorker Mahnmal "Ground Zero".
Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist das große Thema, das Libeskind stets bewegt hat. Bei der Umsetzung seiner architektonischen Ideen geht es oft um Erinnerungen und den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Und so durchbricht oder ergänzt Libeskind historische Gebäude gern symbolisch mit spitz in die Höhe ragenden, geometrischen, glitzernden Gebäudeteilen aus Titan und Glas, die wie Kristalle wirken.
Auch das Jüdische Museum in Berlin, 2001 fertiggestellt, lässt die historische Symbolik schon von außen erkennen.
Als Libeskind 1989 den Auftrag zum Erweiterungsbau des Museums bekam, war er als Architekt noch unbekannt - aber seine Idee überzeugte. "Es gab keinen Wettbewerb für ein jüdisches Museum, sondern einen Wettbewerb für ein Berliner Museum mit jüdischer Abteilung", erzählte er in einem früheren DW-Interview. "Es war also eine ganz andere Idee, die ich dann zu meinem Design umgewandelt habe." Man könne Juden nicht als eine Art Abteilung der Geschichte behandeln, fand Libeskind.
Im Inneren des Museums schuf Libeskind Räume der Erinnerung; ein leerer zugespitzter Raum etwa, der bei den Besuchern ein beklemmendes Gefühl hinterlässt. "Ich habe etwas geschaffen, das für die Vergangenheit, aber mit einem Hoffnungsstrahl auch für die Zukunft Berlins unvergesslich ist."
Am 12. Mai 1946 wurde Libeskind als Sohn jüdischer Eltern in der polnischen Stadt Łódź geboren. Daniel Libeskinds eigene Geschichte ist mit dem Holocaust eng verknüpft. Vater und Mutter überlebten das Konzentrationslager der Nationalsozialisten.
Eigentlich ist Daniel Libeskind studierter Musiker, er galt als begabter Akkordeonspieler. Auch heute noch initiiert er gelegentlich musikalische Projekte. Zur Architektur kam er erst relativ spät. "Ich habe nur mein Instrument gewechselt von Musik zur Architektur", so Libeskind. "Architektur ist schon rein akustisch gesehen ein musikalischer Raum." So habe ein gutes Gebäude auch eine gute Akustik, die Orientierung biete. Musik wie Architektur kommunizierten nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen und der Seele.
Daniel Libeskind sucht in Gebäuden und an Orten die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit: Holocaust, Krieg, Zerstörung und Neubeginn. "Man muss vor Ort sein, und auf die Stimmen der Geschichte hören und die Dinge betrachten, die nicht direkt ins Auge fallen", erklärt Libeskind seine Herangehensweise bei der architektonischen Umsetzung.
Einer dieser zerstörten Orte ist in New York der Platz, auf dem einst die "Twin Towers" des World Trade Centers gestanden hatten. Am 11. September 2001 wurden sie durch Terroranschläge zerstört. 2977 Menschen kamen ums Leben. Nachdem Daniel Libeskind im Februar 2003 die Architekturausschreibung zur Neubebauung des Areals rund um das einstige World Trade Center gewonnen hatte, zog er nach New York und richtete dort ein neues Studio ein, mit seiner Frau Nina Libeskind als Geschäftsführerin.
Wegen der Kosten und der Ausführung der Pläne von Libeskind gab es allerdings bei der Realisation Streitigkeiten, auch vor Gericht. Dennoch ist Daniel Libeskind heute stolz auf seine Beteiligung. Viele sagen zwar, von seinen ursprünglichen Entwürfen sei nicht viel geblieben, doch Libeskind erkennt ganz klar seine Handschrift.
Die Lage und Höhe der Gebäude und auch der Charakter der Straßen folge seinen Zeichnungen, so Libeskind.
Die politischen Entwicklungen in Deutschland sieht Libeskind ebenfalls mit Sorge. "Dieses Land hat unter dem Nazi-Regime gelebt und sollte es besser wissen", sagt er. "Wenn ich einige Reden der AfD lese und deren Haltung zur Geschichte betrachte, sollte das die Menschen zutiefst beunruhigen." Die Menschen, findet er, sollten die Demokratie stärker verteidigen.
Bis heute beginnt Libeskind neue Projekte. Angst vor dem weißen Blatt Papier habe er nicht. Architektur sieht er fast philosophisch; mit seinen Gebäuden möchte er Hoffnung machen. Zeigen, dass man etwas verändern kann, denn: "Architektur prägt unsere Vorstellung von der Welt."
Dieser Artikel wurde anlässlich des 80. Geburtstags von Daniel Libeskind aktualisiert (mit dpa).