Social Media Made in Europe

Der nächste Angriff auf TikTok, X und Co. kommt aus Schweden und heißt W Social: "W ist das neue soziale Netzwerk. Unabhängig und unparteiisch. Offen für alle weltweit. Betrieben nach europäischen Gesetzen, mit europäischer Infrastruktur und in Besitz von Europäern", feiert die Geschäftsführerin, Anna Zeiter, den baldigen Start der Testversion von W Social in einem Posting.

Einem Posting auf LinkedIn, dem mit mehr als einer Milliarde Nutzerinnen und Nutzern größten sozialen Netzwerk für Business-Kontakte und Teil des Microsoft-Universums.

Das Beispiel zeigt bereits einen Teil des Problems: Wer viele Menschen erreichen möchte, ist derzeit auf Technologien und Plattformen aus den USA oder China angewiesen. Und jeder Post, jedes Like, jeder neue Kontakt ist Teil der Datenmenge, die von den dortigen Tech-Konzernen gesammelt, ausgewertet und für zielgenaue Werbung eingesetzt wird.

Ruf nach digitaler Unabhängigkeit

In Europa wird der Ruf nach Unabhängigkeit im digitalen Raum deshalb seit einigen Jahren immer lauter. Die Unberechenbarkeit von US-Präsident Donald Trump und sein Schulterschluss mit der Tech-Elite des Silicon Valley haben die Entwicklung beschleunigt.

Das Foto von Trumps zweiter Inaugurationsfeier, auf dem er umgeben ist von den wichtigsten Tech-Milliardären, hat der Welt gezeigt, dass Algorithmen aus den USA politisch nicht mehr neutral sind. Noch deutlicher wurde dies bei der Einmischung von X-Chef Elon Musk in die Innenpolitik mehrerer europäischer Länder.

Und auch bei TikTok aus China gibt es Befürchtungen, dass Peking die Daten zur Überwachung nutzt. Hinzu kommt, dass die Geschäftsmodelle der Netzwerke in der Kritik stehen. Facebook, TikTok und Co. sind darauf ausgelegt, Nutzende möglichst lange auf der Plattform zu halten, um möglichst viele Daten zu sammeln und zielgenaue Werbung zu schalten. "Um die User lange zu binden, werden bevorzugt emotionale Inhalte angezeigt", sagt Markus Beckedahl, Netzaktivist und Gründer des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie, zur DW.

Unternehmer sehen günstigen Moment

W Social möchte eine Alternative zum Kurznachrichtendienst X werden. Hier sollen sich Menschen ohne Hassrede und automatisierte Bots austauschen können. Damit das gelingt, müssen sich bei W Social alle Nutzenden mit ihrem Ausweis registrieren. Nach der Registrierung würden die Daten aber "sofort gelöscht", erklärte Geschäftsführerin Anna Zeiter im Deutschlandfunk.

Der Sinn von W Social sei es, die "Demokratie insgesamt zu schützen" und den Europäern eine Plattform zu geben, "wo sie ihre politischen, aber auch nichtpolitischen Meinungen austauschen können". Zeiter selbst ist Professorin für Datenschutz an der Uni Bern und hat viele Jahre für das Online-Auktionshaus Ebay gearbeitet.

Hinter dem neuen Netzwerk steht eine Reihe von Investoren, die wohl einen günstigen Moment für ein europäisches Netzwerk sehen und nun in Programmierung, Betrieb und Vermarktung der Plattform investieren. Dazu gehört als größter Anteilseigner die schwedische Firma We Don't Have Time des Investors Ingmar Rentzhog, die eine klimapolitische Agenda verfolgt.

Laut Zeiter gibt es auch Investoren aus Deutschland, der Schweiz, Italien und aus Belgien. Das Team hinter W Social ist politisch gut vernetzt, so gehören zwei ehemalige schwedische Minister dem Gründerteam an. Im Beirat sitzt der ehemalige deutsche Vizekanzler Philipp Rösler. Die gute Vernetzung erklärt wahrscheinlich auch, warum die Gründer das Projekt beim Treffen der Wirtschaftseliten in Davos im Januar vorstellen konnten.

Nicht die einzige Plattform

W Social ist aber nicht allein. Bereits Ende vergangenen Jahres kündigte ein Team aus Berlin eine neue Social-Media-Plattform à la Instagram und TikTok mit einem ähnlichen Namen an: Wedium. "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es", heißt es auf der Unternehmensseite. Motivation und Markenversprechen sind ähnlich wie bei W Social: Der Kampf gegen Desinformation und europäische Datensicherheit.

Anders als bei W Social macht Wedium sehr klare Angaben, wie die Plattform Geld verdienen möchte. Nutzende können entweder eine werbefinanzierte Version umsonst nutzen oder knapp neun Euro im Monat für die werbefreie Version zahlen.

W Social hingegen soll laut Geschäftsführerin Zeiter zunächst kostenfrei sein. Weitere Angaben sucht man auf der Seite aber vergebens. Eine Anfrage der DW an W Social blieb unbeantwortet.

Unterschiedliche Systeme in Konkurrenz

Wedium und W Social haben auch einen unterschiedlichen technischen Unterbau. Wedium ist ein geschlossenes System, wie es auch die sozialen Netzwerke aus dem Silicon Valley sind. W Social hingegen ist ein offenes dezentrales System. Man kann also von dort auch Nachrichten in andere Systeme schicken.

Für W Social könnte das zum Vorteil werden. Denn mit den Diensten Euroskyund Bluesky gibt es schon alternative soziale Netzwerke, die denselben Unterbau verwenden – das sogenannte AT-Protokoll.

Markus Beckedahl vergleicht die dezentralen Systeme mit der E-Mail, bei der Nachrichten von einem zum anderen Anbieter verschickt werden können und nicht nur innerhalb eines Mail-Anbieters. "Die Zukunft von sozialen Netzwerken liegt in der Dezentralität - damit sich viele unterschiedliche Systeme miteinander verbinden und nicht mehr einer die Kontrolle behält", so Beckedahl, der als Gründer des Blogs netzpolitik.org und Mitinitiator der Digitalkonferenz re:publica bekannt wurde.

Wer macht das Rennen?

Tatsächlich haben andere dezentrale soziale Netzwerke wie Bluesky aus den USA und das technisch darauf aufsetzende Eurosky aus den Niederlanden etwas über 40 Millionen Nutzende. Darauf kann W Social aufbauen. "Wir fangen nicht bei null an", sagt Chefin Zeiter.

Das dezentrale und offene System sei aber auch eine politisch Botschaft: "Europa möchte unabhängig sein, aber Europa möchte auch immer offen für die Welt sein." Der Start der Testphase ist für den Europatag am 9. Mai vorgesehen. Interessierte können sich auf eine Warteliste setzen lassen. Insgesamt hätten sich dort bereits Menschen aus 180 Ländern eingetragen, so Zeiter im Deutschlandfunk.

Ob W Social aber wirklich eine Chance gegen die großen Plattformen aus dem Silicon Valley hat, bleibt offen. Entscheidend wird wohl auch sein, wie das Geschäftsmodell aussehen wird. Netzaktivist Markus Beckedahl geht davon aus, dass auch W Social früher oder später Wege zur Monetarisierung suchen wird: "Was passiert, wenn die beteiligten Investoren Geld verdienen wollen, das steht in den Sternen."

Beckedahl plädiert deshalb vor allem für gemeinwohlorientierte Netzwerke wie Eurosky, das von einer Stiftung betrieben wird. Und er fordert mehr finanzielles Engagement der europäischen Staaten in die digitale Infrastruktur - zu der er auch soziale Netzwerke zählt. "Haben wir uns damit abgefunden, dass sie wie bisher privatisiert betrieben werden mit allen Nebenwirkungen? Oder glauben wir, dass Alternativen möglich sind und investieren da rein?"