Studierende aus Gaza: Zwischen Hoffen und Warten

Als Amira Al-Khatib vergangene Woche aus dem Gazastreifen in den Niederlanden eintraf, um ihr Masterstudium an der Radboud-Universität aufzunehmen, empfand sie Freude und Schmerz zugleich: die Erleichterung, endlich in Sicherheit zu sein, und die Trauer über den Abschied von ihrer Heimat.  "Ich bin allen Menschen, die mich unterstützt haben, unendlich dankbar. Und doch war der Abschied von Gaza einer der schwersten Momente meines Lebens", sagt die 24-Jährige der DW von ihrem neuen Wohnort Nijmegen aus.

Al-Khatib schloss 2025 ihr Studium der Computersystemtechnik an der Al-Azhar-Universität in Gaza ab. "In den vergangenen zwei Jahren habe ich unter Bedingungen studiert, in denen selbst eine Internetverbindung keine Selbstverständlichkeit war", berichtet sie.  Der einzige Ort, an dem sie überhaupt ein Signal empfangen konnte, war das Dach ihres Hauses. "Ich habe mein Abschlussprojekt fertiggestellt, während über mir Drohnen kreisten. Alle paar Minuten fragte ich mich, ob ich lange genug überleben würde, um es zu Ende zu bringen", erinnert sie sich.

"Ingenieure, die Krieg erlebt haben, verstehen vielleicht besser als viele andere, was unsere Gemeinschaften tatsächlich brauchen", sagt sie. "Deshalb habe ich mich entschieden, meinen Master in den Bereichen Data Science und Künstliche Intelligenz fortzusetzen. Mein Traum ist es, an der Entwicklung technologischer Systeme mitzuwirken, die auch in humanitären Krisen und Notfällen zuverlässig funktionieren."

Auch Mohammad Herzallah verließ in der vergangenen Woche den Gazastreifen, um sein Studium an der Fachhochschule Den Haag (The Hague University of Applied Sciences) aufzunehmen. "Vor dem Krieg hätte ich mir nie vorstellen können, Gaza zu verlassen", sagt der 20-jährige Student der Ingenieurwissenschaften der DW.  "Als die Bomben fielen, dachte ich nicht mehr an mein Studium oder meine berufliche Zukunft."

Er hatte gehofft, sein Studium nach Kriegsende in Gaza fortsetzen zu können. "Doch die Lage verschlechterte sich immer weiter. Deshalb habe ich mich im Ausland beworben - obwohl ich meine Familie eigentlich nicht verlassen wollte."

Viele bürokratischen Hürden

Beide Studierenden erhielten ihre jeweiligen Stipendien über das Gazan Student Support Network (GSSN), eine in Amman ansässige Nichtregierungsorganisation, die 2024 gegründet wurde, um Studierenden aus dem Gazastreifen die Fortsetzung ihrer Hochschulbildung zu ermöglichen.  "Es gibt unzählige bürokratische Hürden, und jedes Land bringt seine eigenen Herausforderungen mit sich", sagt die Geschäftsführerin des GSSN, Mabrookah Heneidi. In den Niederlanden habe die Genehmigung für die Einreise der Studierenden beispielsweise mehr als acht Monate gedauert.

Für 62 weitere palästinensische Studierende mit Stipendien aus Malaysia ist der Zeitpunkt ihrer Ausreise weiterhin ungewiss. "Sie haben zwar eine Transitgenehmigung aus Jordanien erhalten, können Gaza jedoch nicht verlassen, weil Malaysia keine diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhält", sagt Heneidi.

Sämtliche Ausreisen von Studierenden müssten über den Grenzübergang Kerem Shalom an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel erfolgen, erläutert sie. Bislang habe die israelische Militärbehörde COGAT, die für die Koordinierung ziviler Angelegenheiten im Gazastreifen zuständig ist, jedoch nicht auf die Anträge zur Genehmigung der Ausreise mit Zielort Malaysia reagiert.

Auf Anfrage der DW erklärten Sprecher von COGAT schriftlich: "Die Ausreise von Bewohnern des Gazastreifens setzt voraus, dass ein aufnahmebereiter Drittstaat einen entsprechenden Antrag stellt und die zuständigen israelischen Behörden die erforderliche Sicherheitsüberprüfung abgeschlossen haben. Die überwiegende Mehrheit der eingereichten Anträge wird genehmigt. "

Zugleich teilte COGAT mit, dass seit Beginn des Krieges nahezu 50.000 Bewohner des Gazastreifens aus unterschiedlichen Gründen in Drittstaaten ausgereist seien - darunter für medizinische Behandlungen, aufgrund ausländischer Staatsangehörigkeiten, für Aufenthaltsvisa oder zum Studium.  Zu den Genehmigungen für die Studierenden mit malaysischen Stipendien machte COGAT keine näheren Angaben.

UN warnte vor "Auslöschung des Bildungssystems"

Der durch die Angriffe der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 ausgelöste Gaza-Krieg hat die Ausbildung der meisten der rund 88.000 im akademischen Jahr 2022/23 an Hochschulen im Gazastreifen eingeschriebenen Studierenden massiv beeinträchtigt. Neben Todesopfern, wiederholten Vertreibungen und der anhaltenden humanitären Krise, verloren viele auch ihre akademischen und persönlichen Unterlagen, da große Teile des Hochschulsystems zerstört wurden.

Bereits im April 2024 warnten UN-Experten vor einer "systematischen Auslöschung" des Bildungssystems im Gazastreifen. "Angesichts der Tatsache, dass mehr als 80 Prozent der Schulen in Gaza beschädigt oder zerstört sind, stellt sich die Frage, ob es gezielte Bemühungen gibt, das palästinensische Bildungssystem umfassend zu zerstören - ein Vorgang, der als "Scholastizid" bezeichnet wird", erklärten die Experten.

Im Juni aktualisierten die Vereinten Nationen diese Zahlen: "Stand November 2025 sind 95 Prozent der Hochschulstandorte betroffen: 22 von insgesamt 38 Standorten wurden vollständig zerstört, weitere 14 weisen Schäden unterschiedlichen Ausmaßes auf." Und im Oktober 2025 schätzte die UNESCO, dass seit Oktober 2023 rund 745.000 Schülerinnen, Schüler und Studierende im Gazastreifen keinen Unterricht mehr erhalten haben. "Die Aussicht auf eine Wiederaufnahme des Bildungsbetriebs bleibt angesichts der massiven Schäden an der Bildungsinfrastruktur des Gazastreifens äußerst ungewiss", heißt es in einem Report.

Unterdessen wurden an den größten Universitäten des Gazastreifens - darunter die Al-Azhar-Universität und die Islamische Universität Gaza - wieder Online-Kurse sowie ein eingeschränkter Präsenzunterricht aufgenommen.  Offizielle Immatrikulationszahlen liegen zwar nicht vor, doch nach Angaben mehrerer Dekanate könnten die Studierendenzahlen inzwischen sogar höher liegen als im Vorkriegs-Studienjahr 2022/23.

Lernen trotz Zerstörung

Auch die Ausbildung von Ahmad Zohair Abu Daqqa wurde durch den Krieg massiv beeinträchtigt. "Der Krieg hat mir alles genommen - nur meinen Laptop habe ich behalten. Er war mein einziges Werkzeug, um weiterlernen zu können", sagt der 20-Jährige der DW.  Während der beiden Kriegsjahre und trotz mehrfacher Vertreibung habe sein Alltag darin bestanden, morgens das Familienzelt zu verlassen und nach Strom und Internetzugang zu suchen. "Manchmal fand ich ein Signal in der Ecke eines zerstörten Gebäudes, in einer Krankenhausküche oder neben einem umgestürzten Laternenmast", erzählt er.

Keiner dieser Orte sei sicher gewesen, ebenso wenig wie der Weg dorthin. "Aber die Verbindung zur Außenwelt war die einzige Möglichkeit, meine Ausbildung fortzusetzen."

Während des Krieges erzielte er nicht nur Bestnoten in der Schule, sondern absolvierte auch mehr als 15 akademische Online-Kurse. "Die habe ich heruntergeladen, wann immer es möglich war", berichtet er. Seine Familie habe ihn dabei stets unterstützt und ermutigt. "Sie sagten immer, Bildung sei der einzige Weg nach vorn."

Trotz all seiner Bemühungen hat Abu Daqqa das Gefühl, nicht voranzukommen. "Ich habe mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kontaktiert und über 1000 Nachrichten an Universitäten und Organisationen in aller Welt geschickt. Bislang hat sich jedoch keine Möglichkeit ergeben", sagt er.

Dennoch hofft er weiterhin auf ein Stipendium im Ausland, um Ingenieurwissenschaften zu studieren, sich im kreativen Design weiterzuentwickeln, an Wettbewerben teilzunehmen und seine Zukunft aufzubauen.  "Das ist zwar meine persönliche Geschichte", meint er. "Aber sie spiegelt die Realität einer ganzen Generation von Studierenden im Gazastreifen wider, die sich weigern, aufzugeben."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.