Sturzflut im Himalaya: Wie kam es zur Katastrophe in Nepal?

Die Katastrophe im Grenzgebiet zwischen China und Nepal kam ebenso schnell wie unerwartet: In nur zehn Minuten legten riesige Wasser- und Geröllmassen am Mittwoch eine Strecke von 20 Kilometern zurück - mit verheerenden Folgen für tausende Menschen in der Grenzregion von Nepal und China.

Sturzfluten im Himalaya gibt es häufig. "Sie sind eher die Regel als die Ausnahme", sagt Niels Hovius, Leiter der Sektion Geomorphologie am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam. Er arbeitet seit vielen Jahren im Himalaya und anderen Hochgebirgsregionen und ist Experte für Frühwarnsysteme.

Was hat die Sturzflut ausgelöst?

Alle wissenschaftlichen Daten deuten darauf hin, dass die Katastrophe mit einem Gletscherabbruch im Norden des Langtang-Massivs ihren Anfang nahm, also mit dem Abbrechen einer großen Menge des Eises, das zu einer riesigen Eislawine wurde.  Das Langtang-Massiv befindet sich in Zentralnepal in der Grenzregion mit China.

"Dieser Gletscherzusammenbruch hat große Mengen Eis sehr schnell abwärts bewegt", sagt Hovius. Durch die Reibungshitze sei das Eis zu Wasser geschmolzen, das wiederum Geröll und Schlamm mit sich gerissen hat. Dieser Schlammstrom habe sich mit einer Geschwindigkeit talabwärts bewegt, wie man sie "mit PKWs auf deutschen Autobahnen erreicht", so Hovius.

Seismologische Instrumente zeichneten zum Zeitpunkt des Gletscherabbruchs ein Erdbeben der Stärke 4,4 auf der Richterskala auf. Allerdings, so Novius, habe es sich dabei nicht um ein "klassisches", also tektonisches Beben gehandelt. Vielmehr haben die Instrumente die Wucht des fallenden Gletschers gemessen.

Warum können Sturzfluten im Himalaya so verheerend sein?

Sturzfluten können in Hochgebirgen auf unterschiedliche Weisen ausgelöst werden: durch Gletscherabbrüche oder auch durch sogenannte Gletscherseeausbrüche (GLOF, Glacier Lake Outburst Floods).

Dabei ändert sich plötzlich die topografische Struktur um einen Gletschersee herum, beispielsweise durch einen Hang, der in den See hineinrutscht. Die großen Mengen Wasser, die bei einem solchen Ereignis plötzlich über die Ufer des Sees treten, können ebenfalls zu talabwärts rasenden Fluten werden. In diesem aktuellen Fall sei aber klar, dass es sich nicht um eine solche Flut  gehandelt habe, sagt Hovius.

Erdrutsche können ebenfalls für tödliche Schlammlawinen sorgen, ganz ohne Gletscher oder Gletscherseen. Im Himalaya sei nicht nur all das möglich, historische Daten zeigten, dass alle drei Ereignisse regelmäßig stattfinden, so Hovius. 

Im Vergleich zu den Alpen seien die Täler des Himalaya-Gebirges relativ schmal, sagt der Forscher. Die Wasser- und Schlammmassen können sich nicht ausbreiten, sondern werden zusammengepresst und nehmen an Tiefe und Geschwindigkeit zu. 

Wie katastrophal sich eine Sturzflut auf die Bevölkerung auswirkt, hänge von dem Abstand zwischen Ursprungsort und dem nächsten besiedelten Gebiet und der Fließgeschwindigkeit der Wassermassen ab.

Wie können Menschen vor Sturzfluten geschützt werden?

In Nepal gibt es zwei zentrale Probleme: Menschen haben sich entlang der Flüsse in den Tälern des Himalaya-Gebirges angesiedelt - genau dort, wo sie bei einer Sturzflut am gefährdetsten sind. Und es gibt kaum Frühwarnsysteme in dem Land, das zu den ärmsten in Asien zählt.

Die aktuelle, besonders verheerende Sturzflut hätte den Menschen selbst mit einer rechtzeitigen Warnung nur wenige Minuten gegeben, um sich in Sicherheit zu bringen. Hovius erzählt von einer Flut, die im vergangenen Jahr in derselben Region stattgefunden habe, weniger groß und deshalb weniger dramatisch. Damals habe das Wasser eine Stunde gebraucht, bis es eine Siedlung erreicht hatte - genug Zeit, um sich bei rechtzeitiger Warnung zu retten.

"In Nepal gibt es Initiativen, auf lokaler Ebene ein akustisches Frühwarnsystem aufzubauen", sagt Hovius. Allerdings in sehr beschränktem Umfang. Maximal ein Prozent der Risikobereiche würde so abgedeckt. Der GFZ-Forscher findet, dass Handys genutzt werden und die Menschen über Push-Benachrichtigungen gewarnt werden sollten. Wie die Daten für ein solches System generiert werden  können, dazu forscht Hovius.

Auch über die Siedlungsstrategie sollte nachgedacht werden, sagt Hovius. Die gesamte Infrastruktur eines Ortes konzentriere sich meist am Fluss. "Die Leute sind von den Bergen runtergekommen und haben sich in den letzten Jahrzehnten im Tal angesiedelt. Vielleicht wäre eine Rückbewegung vernünftig. "

Werden Sturzfluten in Gebirgen aufgrund des Klimawandels häufiger?

Einzelne Ereignisse dem Klimawandel zuzuschreiben, sei immer schwierig, sagt Hovius. Aber natürlich sei es so, dass Gletscher im Hochgebirge bei steigenden Temperaturen instabiler werden. Außerdem sammeln sich größere Wassermengen in Gletscherseen - was GLOFs wahrscheinlicher werden lässt.

Was die aktuelle Sturzflut betrifft, sei es zu früh zu sagen, ob eine temperaturbedingte Dynamik den Gletscher hat zusammenbrechen lassen, so Hovius. Sturzfluten gibt es schon lange regelmäßig im Himalaya. "Aber ich halte es für wahrscheinlich, dass sich immer mehr von diesen Ereignissen abspielen werden", sagt Hovius. Und dass es noch viel größere Sturzfluten geben könnte.