Südafrika: Ausländerhass zwingt Migranten zur Flucht
Mit ihrem Baby auf dem Rücken und kaum Habseligkeiten kehrte Glenda Banda wegen eskalierender Einwandererfeindlichkeit in Südafrika nach Sambia zurück.
Südafrika war seit einem Jahrzehnt ihr Zuhause. Dort hatte sie Arbeit gefunden, ihre Familie großgezogen und auf eine bessere Zukunft gehofft. Alles, wofür sie gearbeitet hatte, verlor sie in wenigen Tagen, erzählte sie der DW.
"Ich kam nur mit den Kleidern, die ich am Leib trug. Ich hatte keine Kleidung zum Wechseln", sagte Banda. Der örtliche Bürgermeister habe junge Männer zu ihr nach Hause geschickt, um den Vermieter aufzufordern, sie und ihre Familie zu vertreiben. "Der Vermieter wurde gezwungen, all unser Hab und Gut nach draußen zu stellen und das Haus abzuschließen", sagte Banda. "Wir mussten fliehen und alles zurücklassen."
Banda gehört zu den mehr als 100 Sambiern, die nach häufig gewalttätigen Protesten gegen Migranten in ihre Heimat zurückkehrten.
Alles zurücklassen
Bernadette Mwelwa ereilte ein ähnliches Schicksal: Nachdem sie mehr als 20 Jahre in Südafrika gelebt hatte, kehrte sie nach Sambia zurück - und hat nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern auch das Leben verloren, das sie sich dort aufgebaut hatte. "Selbst wenn man Flüchtling oder Asylbewerber war - solange man Ausländer war, wollten sie uns dort nicht haben", sagte sie.
"Ich kann nicht nach Südafrika zurückkehren, weil ich so vieles verloren habe. Der Bürgermeister hat mir die Schlüssel zu meinem Friseursalon weggenommen", sagte Mwelwa der DW. "Ich habe meinen kongolesischen Mann zurückgelassen, damit er sich um unseren Supermarkt kümmert. Aber der wurde geplündert und alles ist weg."
Ausländische Regierungen greifen ein
Nigeria, Mosambik und Ghana äußerten sich besorgt über Angriffe auf ihre in Südafrika lebenden Staatsangehörigen. Nigeria verurteilte den Tod von zwei seiner Staatsbürger in Südafrika und warnte, dass Ausländer im Zuge der Anti-Migranten-Proteste "unangemessen ins Visier genommen" würden. Südafrikas Polizeiaufsichtsbehörde teilte laut Reuters mit, sie habe Ermittlungen eingeleitet.
Auch die mosambikanische Regierung erklärte, fünf ihrer Staatsbürger seien "als direkte Folge der fremdenfeindlichen Angriffe" getötet worden. Die Angriffe waren nach einem Marsch gegen Migranten ohne Ausweisdokumente in der südafrikanischen Stadt Mossel Bay Ende Mai ausgebrochen.
Die südafrikanische Polizei teilte laut der Nachrichtenagentur Associated Press mit, dass nur zwei Mosambikaner nach dem Marsch bei Übergriffen ums Leben gekommen seien. Die Behörde wollte sich nicht dazu äußern, ob ein Zusammenhang mit migrationsfeindlichen Stimmungen bestehe.
Ghana gab letzte Woche bekannt, dass ein Staatsbürger bei einer Schießerei während der migrationsfeindlichen Demonstrationen tödlich verletzt worden sei. Südafrika erklärte, seine Tötung stehe in keinem Zusammenhang mit den Protesten, und warf Ghana vor, Falschinformationen zu verbreiten.
Während sich viele Migranten weiterhin in Südafrika aufhalten, sind Tausende nach wochenlangen Hassreden, Drohungen und Protesten gegen Migranten - und in einigen Fällen auch körperlicher Gewalt - ausgereist.
Mehrere afrikanische Regierungen - darunter von Nigeria, Malawi, Ghana, Simbabweund Mosambik - haben Flüge und Busse für ihre Staatsangehörigen organisiert, die freiwillig zurückkehren wollten.
Warum die Spannungen weiter zunehmen
In Südafrika kommt es seit 2008 immer wieder zu Ausbrüchen ausländerfeindlicher Gewalt. Diese fielen oft mit Phasen hoher Arbeitslosigkeit, Armut und Frustration über die öffentlichen Dienstleistungen zusammen. Dabei werden Ausländer häufig beschuldigt, Arbeitsplätze zu stehlen oder zur Kriminalität beizutragen.
Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass Migranten häufig für umfassendere wirtschaftliche und politische Herausforderungen verantwortlich gemacht werden.
"Das Wichtigste für die Sambier ist, in Sicherheit zu sein und nach Hause zurückzukehren. Zuhause ist Zuhause", sagte Sambias Vizepräsident Mutale Nalumango zu Journalisten in Lusaka. Er betonte, die Behörden würden einzelne Fälle prüfen, bevor sie entscheiden, welche Hilfe geleistet werden könne.
Der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa wies Behauptungen zurück, Südafrikaner seien von Natur aus fremdenfeindlich. Migration stelle komplexe Herausforderungen dar, die politische Lösungen erforderten. "Südafrikaner sind nicht fremdenfeindlich. Südafrikaner sind Afrikaner, und sie wollen friedlich mit anderen Afrikanern zusammenleben", sagte Ramaphosa in einer Ansprache an die Nation. "Unser Volk fordert uns als Führungskräfte auf, die vielen Herausforderungen zu bewältigen, die die Migration mit sich bringt."
Aufrufe, um Gewalt zu verhindern
Die Internationale Organisation für Migration (IOM) betont, Migranten zu schützen und weitere Gewalt zu verhindern habe oberste Priorität.
"Wir sind zutiefst besorgt über die Lage und setzen uns voll und ganz für die Unterstützung der Regierung ein", erklärte Yitna Getachew, Missionsleiter der IOM für Südafrika, Ende Juni auf einem Symposium zu Migration und sozialem Zusammenhalt an der University of the Witwatersrand (Wits) in Johannesburg.
"Und wir von den Vereinten Nationen betrachten dies aus zwei Blickwinkeln. Zum einen geht es um die unmittelbare Gefahr, die droht - die Eskalation der Spannungen. Wir sind der Ansicht, dass hier sofort gehandelt werden muss. Wir rufen zur Deeskalation der Spannungen auf; wir rufen zur Ruhe auf. "
Die Rückkehr in die Heimat mag zwar körperliche Sicherheit bringen, führt aber nicht unbedingt zur emotionalen Genesung, sagt Lisa Thompson-Smeddle, eine Psychologin in Stellenbosch.
"Die Rückkehr in die Heimat nach Erfahrungen mit fremdenfeindlicher Gewalt bringt nicht automatisch Heilung, Sicherheit oder Gesundheit", sagte sie gegenüber der DW. Viele Überlebende hätten nach dem Verlust ihrer Häuser, Lebensgrundlagen und Gemeinschaften weiterhin mit Trauer, Ängsten und Traumata zu kämpfen.
Ein neues Leben in Sambia
Laut Loren Landau, Migrationsforscher am African Centre for Migration and Society der University of the Witwatersrand (Wits) in Johannesburg, wird die Ausländerfeindlichkeit weniger durch die Migration selbst angeheizt. Oft sind die Ursache Probleme in den Bereichen Regierungsführung und Wirtschaft - darunter Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und mangelhafte Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen.
In einer aktuellen Analyse schreibt Landau, dass Regierungen den sozialen Zusammenhalt stärken und die Regierungsführung verbessern sollten, anstatt Migranten für allgemeine sozioökonomische Herausforderungen verantwortlich zu machen.
Für Glenda Banda und Bernadette Mwelwa fühlen sich diese politischen Debatten jedoch weit entfernt an. In Sambia haben sie wieder Sicherheit gefunden. Doch der Prozess, ihr Leben neu aufzubauen und die emotionalen Verletzungen der Vertreibung zu heilen, hat gerade erst begonnen.
Aus dem Englischen adaptiert von Martina Schwikowski