Der Dialog zwischen den Muslimen und Hindus war in Bengalen eine gute Tradition unter den Intellektuellen. In der geteilten Region zwischen Indien und Bangladesch steigen heute die religiösen Spannungen. Politiker auf beiden Seiten der Grenze wollen aus religiösen Stimmungen politischen Nutzen ziehen. Denn Indien ist mehrheitlich hinduistisch und wird von der hindu-nationalistischen Partei BJP regiert.
In Bangladesch ist der Islam die Staatsreligion. Dort stellten die Parlamentswahlen im Februar einen bedeutenden Moment für die islamistische Politik dar: Die Jamaat-e-Islami, die größte islamistische Partei des Landes, gewann fast ein Drittel der Stimmen. Das war ihr bislang bestes Ergebnis.
Politische Parteien in beiden Ländern machen gerne die Glaubensfrage zum Wahlkampfthema.
Die Region habe einst eine "gemeinsame Identität" besessen, die es den Menschen erlaubt habe, zugleich bengalisch und hinduistisch oder bengalisch und muslimisch zu sein, sagt sie der DW. "Doch auf beiden Seiten der Grenze werden politische Narrative zunehmend in religiösen Begriffen formuliert, während Sprache, Kultur und Erbe in den Hintergrund gedrängt wurden."
Neue Politik entlang alter Bruchlinien
Bengalen, im weiteren Sinne das Land der bengalisch-sprachigen Bevölkerung, wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach geteilt.
Zu dieser Zeit war Bengalen ein Zentrum des antikolonialen Widerstands. Die Teilung sollte diesen schwächen, indem der mehrheitlich hinduistische Westen gegen den mehrheitlich muslimischen Osten ausgespielt wurde. Der Kolonialherr hoffte, der wachsenden nationalen Bewegung entgegentreten zu können, die die britische Herrschaft zunehmend herausforderte.
Viele muslimische Bengalen im Osten rund um Dhaka, der heutigen Hauptstadt von Bangladesch, standen die Teilung von 1905 tatsächlich positiv gegenüber, da sie eine Region schuf, in der sie die Mehrheit bildeten. Viele in den hinduistischen Eliten lehnten sie dagegen ab, da sie darin eine Bedrohung ihrer politischen Macht, wirtschaftlichen Interessen und kulturellen Identität sahen.
"Teile und herrsche" wirkt fort
Diese vor über einem Jahrhundert von den Briten eingeführte Strategie des "Teile und herrsche" präge die Region bis heute, sagt der indische Historiker Dipesh Chakrabarty. "Die hinduistischen Eliten haben den Moment nicht erkannt", sagt der im indischen Kolkata geborene Experte für postkoloniale Geschichtsforschung der DW. "Ihre Akzeptanz der Teilung hätte den Muslimen möglicherweise die Sorge genommen, dominiert zu werden."
Der starke Widerstand zwang die Briten dann 1911, die Teilung von 1905 rückgängig zu machen. Die zugrunde liegenden Spannungen blieben aber weiter bestehen.
Identitätspolitik verändert Bengalens gemeinsame Vergangenheit
Mit der Abtrennung von Indien wurde das heutige Bangladesch mit der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung unter dem Namen "Ostpakistan" ein Teil Pakistans. Die große Entfernung der beiden Landesteile, die durch einen knapp 2000 Kilometer breiten Streifen Nordindiens getrennt blieben, stand aber der Entwicklung einer gemeinsamen Identität entgegen. Mit der Zeit verstärkte sich die wirtschaftliche und politische Marginalisierung gegenüber dem westlichen Landesteil Pakistans, was den bengalischen Nationalismus stärkte. Dieser führte schließlich zum Unabhängigkeitskrieg von 1971, mit dem Bangladesch, übersetzt das "Land der Bengalen", als unabhängiger Staat mit muslimischer Mehrheit entstand.
Scheich Mujibur Rahman, der Gründervater Bangladeschs, machte aber den Säkularismus zu einem der Grundprinzipien der Verfassung.
Wütende Jugend in Bangladesch sucht Veränderung
Bangladesch erlebte seitdem einen stetigen Wechsel von demokratisch und autoritär geprägten Phasen. Zuletzt regierte die umstrittene Premierministerin Sheikh Hasina, bis es 2024 zu einem von der Gen-Z angeführten Volksaufstand kam, der ihre 15-jährige Herrschaft beendete. Auslöser waren Unzufriedenheit über den Abbau demokratischer Strukturen, Korruption, Einschränkungen der Meinungsfreiheit und der Pressefreiheit.
Ähnliche Kritik war auch an der Regierung der All India Trinamool Congress (AITC) unter Mamata Banerjee geäußert worden. Sie regierte im ostindischen Bundesstaat Westbengalen von 2011 bis 2026.
Der Erdrutschsieg der BJP um Indiens Premier Narendra Modi spiegle aber eher die Unzufriedenheit der Wähler wider und nicht die ideologische Unterstützung für die so genannte "Hindutva" als hindu-nationalistische Identitätsideologie, meint der indisch-bengalische Autor und Analyst Abhra Ghosh. Es sei "vielmehr eine Ablehnung der TMC um jeden Preis".
Gleichzeitig glaubt Ghosh jedoch, dass die Bemühungen der BJP, die Hindutva zu fördern, langfristig auch in Westbengalen Fuß fassen könnten, wenn BJP an der Macht bleibt. "Erste Anzeichen dieses Wandels sind bereits sichtbar", so seine Beobachtung.
Die BJP stellt inzwischen auch die Regierungen in den Bundesstaaten Westbengalen, Assam und Tripura.
Beschwichtigungspolitik scheitert in Bangladesch
Bangladesch hatte unter Premierministerin Sheikh Hasina teilweise Zugeständnisse an religiöse und nationalistische Kräfte gemacht: Es wurden islamische Religionsschulen, so genannte Madrassas, ausgebaut, säkulare Inhalte aus Schulbüchern entfernt und Hunderte neue Moscheen errichtet.
Auch jenseits der Grenze wird die amtierende Chief Ministerin von Westbengalen Mamata Banerjee von Kritikern vorgeworfen, ähnliche Strategien zu verfolgen - etwa durch die Unterstützung religiöser Projekte wie des hinduistischen Jagannath-Tempels in Digha, um hinduistische Wähler anzusprechen, während sie gleichzeitig eine säkulare Haltung einnimmt, um die Unterstützung muslimischer Gemeinschaften zu erhalten. Chakrabarty sieht darin aber keine Lösung: "Diese Beschwichtigungspolitik stärkt eher eine harte, kompromisslose Politik, anstatt Harmonie zu fördern."
Ideale der bengalischen Denker stehen unter Druck
Snigdha argumentiert dagegen, dass dieses "Austarieren von Säkularismus ohne religiöse Gefühle zu verletzen" tief in der bengalischen Kultur verankert sei. Berühmte bengalische Denker und Dichter wie Lalon, Rabindranath Tagore und Kazi Nazrul Islam seien für religiöse Einheit eingetreten. Ihre Ideen stünden jedoch heute "unter Druck", da die Politik zunehmend spaltend wirke.
"Wenn sich jemand als Bengale und nicht als Hindu oder Muslim bezeichnet, überschreitet das Grenzen und stellt die politischen Narrative infrage, die auf diesen Spaltungen beruhen", sagt sie der DW.
Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand