T-Rex-Leder aus dem Labor: Mehr Huhn als Dino?

Anfang April wurde in Amsterdam eine Handtasche aus "im Labor gezüchtetem T-Rex Leder" präsentiert - im Artis Zoo Museum, direkt neben einem riesigen Dinosaurier-Skelett. Sie wurde entworfen von Enfin Levé, einem Modelabel aus Polen, das mit experimentellen Kleidungsstücken wirbt. Im Fokus der Aufmerksamkeit aber ist weniger das Design, sondern das beworbene Material. "Es hat einen Charakter, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Dicht, ursprünglich, nach seiner eigenen Logik funktionierend", postete das Label auf seinen Social Media Kanälen. Die Handtasche soll am 11. Juni in Paris versteigert werden.

Was aber genau ist damit gemeint, wenn von "T-Rex-Leder" die Rede ist? Dinosaurier sind vor rund 66 Millionen Jahren ausgestorben. Mitte der 1990er-Jahre löste der Film "Jurassic Park" einen weltweiten Dino-Hype aus und warf bei vielen Menschen die Frage auf, ob es tatsächlich möglich sei, Dinosaurier zu klonen. Doch die Antwort der Wissenschaft lautet klar nein, da DNA mit der Zeit zerfällt. 

Diskussion um Dino-Proteine

Vor rund 20 Jahren fand ein Forscherteam in Montana im Nordwesten der USA Teile eines T-Rex-Skelettes. Ein spektakulärer Fund, der umso mehr für Aufmerksamkeit sorgte, als die Paläontologin Mary Higby Schweitzer kurz darauf bekannt gab, weiche Gewebereste, unter anderem Proteinfragmente, in den Knochen gefunden zu haben. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass solche organischen Anteile im Laufe der Zeit ebenfalls zerfallen. 

Doch die Skepsis in der Fachwelt war groß. Es könne sich bei den gefundenen Strukturen auch um das Resultat von Bakterien handeln, die den Knochen besiedelt hätten, war ein Argument. Die Debatte darüber, was Mary Schweitzer nun genau gefunden hat, hält bis heute an. 

Nun beruht die besagte Handtasche in Amsterdam allerdings genau auf den Daten dieses Fundes in Montana - das geht aus einem Preprint von Thomas Mitchell und Ernst Wolvetang hervor, den Gründern von "The Organoid Company", die maßgeblich an der Herstellung des Labor-Leders mitgewirkt haben. "Es ist wie bei einem Puzzle: Man hat nur ein paar Teile und muss den Rest selbst ergänzen", beschreibt Mitchell in einem Instagram-Video die Vorgehensweise. Die Frage ist allerdings, ob die vorhandenen Puzzle-Teile wirklich vom T-Rex stammen oder nicht.

Jan Dekker, Postdoktorand an der Universität Turin im Bereich Paläoproteomik - der wissenschaftlichen Erforschung von Proteinen aus archäologischen und fossilen Funden - ist skeptisch. "Dinosaurier-Proteine sind sehr umstritten", so Dekker im Interview mit der DW. "Die Grenze, die wir normalerweise für die Überlebensdauer von Proteinen annehmen, wurde erst kürzlich auf etwa 20 Millionen Jahre verschoben." Der Tyrannosaurus Rex aber ist schon mehr als dreimal so lange ausgestorben. Dekker glaubt daher nicht, dass die Tasche in irgendeiner Form Dinosaurier-Bestandteile enthält. Eine entsprechende Interviewanfrage der DW bei der Presseverantwortlichen für das Projekt blieb unbeantwortet.

Mehr Huhn als Dino? 

Leder aus dem Labor ist ein eher neues Thema im Bereich der Biotechnologie. Ziel ist die Herstellung eines Materials, das in seinen Eigenschaften herkömmlichem Leder ähnelt. Für das Material der Handtasche in Amsterdam wurden die Daten der gefundenen Proteinfragmente - ob sie nun vom T-Rex stammen oder nicht - als Grundlage genommen und mit Hilfe von KI ergänzt, sodass eine vollständige Proteinsequenz entsteht. Als Gerüst diente ein Huhn-Protein, da Vögel evolutionär gesehen als die nächsten lebenden Verwandten der Dinosaurier gelten.

Das alles sei überaus interessant, sagt Jan Dekker. Aber selbst wenn man akzeptieren würde, dass die zugrunde gelegten Proteinfragmente vom T-Rex stammen, würden noch immer rund 90 Prozent der Proteinsequenz auf einem Hühnchen basieren und nicht auf einem Dinosaurier. "Sie haben synthetisches Kollagen hergestellt – mithilfe eines KI-Modells, das mit einer Vielzahl verschiedener Tierarten trainiert wurde, vor allem mit Hühnern –, was an sich eine sehr interessante Entwicklung ist, aber es handelt sich dabei nicht um einen Dinosaurier. Tatsächlich ist es mehr Huhn als alles andere."

Luxus-Aura von Leder

In ihrer Pressemitteilung weisen die Produzenten der Handtasche darauf hin, dass im Labor gezüchtetes Leder den Luxus-Sektor bislang nicht überzeugt hätte. "Wir wussten, dass wir etwas radikal Neues probieren mussten", wird Bas Korsten von der Werbeagentur VML zitiert, die ebenfalls an dem Projekt beteiligt ist. Der T-Rex schien da eine willkommene Idee zu sein, schließlich faszinieren Dinosaurier Menschen rund um den Globus.

Diese Faszination teilt auch Jan Dekker. Sein Interesse aber gilt nicht der Vermarktung solcher Produkte, er nutzt die biomolekulare Forschung, um mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Die Welt sei zu Zeiten der Dinosaurier eine gänzlich andere gewesen, was die Artenvielfalt angehe. Etwas über diese "völlig fremde, aber doch vertraute Welt" zu erfahren, sei seine Motivation. Und auch wenn er aus wissenschaftlicher Sicht nicht viel von dem Begriff "T-Rex-Leder" hält - wenn das bei manchen dazu führe, sich für Wissenschaft zu interessieren, dann sei das ja positiv.