Vor knapp einem Jahr geriet Hamid Nangialay Kabiri in die Mühlen dessen, was einige in Deutschland wohl als zwar nicht vorbildliche, aber wohl notwendige Realpolitik beschreiben würden.
Er sagt der DW: "Ich habe gesagt, tut mir leid, ich kann das nicht, weil sie Terroristen sind, das mache ich nicht. Ich bin mit ihnen als Regierung in Afghanistan aufgewachsen, viele meiner Klassenkameraden wurden direkt vor meinen Augen getötet.
Nur neun Monate später ist diese Form der Realpolitik Realität: Sowohl das Generalkonsulat in Bonn als auch die afghanische Botschaft in Berlin werden von einem Vertreter der Taliban geleitet. Es sollen sogar vier weitere Diplomaten nach Deutschland kommen, wie die Bundesregierung bestätigte.
"Ich habe mit Afghanistan meine erste Heimat verloren, ich möchte mit Deutschland nicht mein zweites Zuhause verlieren, denn ich fühle mich hier sehr wohl. Wenn Du früher einen Asylantrag gestellt hast, wurdest Du auf Herz und Nieren überprüft, dass Du ja nicht mit den Taliban zusammengearbeitet hast.
Die Doppelmoral, auf die große Politik übertragen, sieht so aus, kritisieren Opposition und Menschenrechtsorganisationen: Deutschland will die Zahl der Abschiebungen nach Afghanistan unbedingt erhöhen. Drei Charterflüge pro Monat schweben
Das Bundesinnenministerium schreibt auf Anfrage der DW: "Mit der Akzeptanz von Rückführungen aus Deutschland erfüllt die De-facto-Regierung Afghanistans die völkergewohnheitsrechtliche Verpflichtung der Rücknahme eigener Staatsangehöriger. Zugleich ist die Funktionsfähigkeit der afghanischen Auslandsvertretungen in Deutschland eine Voraussetzung für die Passersatzpapierausstellung im Rahmen von Rückführungen."
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"Die Entscheidung, Taliban‑Vertreter in afghanischen Auslandsvertretungen in Deutschland zu akzeptieren, markiert eine neue Qualität im Verhältnis zwischen Deutschland und den Taliban. So wird ein Unrechtsregime aufgewertet, das grundlegende Menschenrechte verletzt und Frauen und Mädchen aus Bildung, Arbeit und öffentlichem Leben verdrängt und systematisch entrechtet", kritisiert Helen Rezene, Geschäftsführerin von Pro Asyl, im DW-Gespräch.
Mädchen dürfen nach dem zwölften Lebensjahr keine Schulen mehr besuchen, Frauen sind von der Universität ausgeschlossen und auch vom Arbeitsmarkt und der Politik sind sie weitgehend verschwunden – die Vereinten Nationen stufen die Lebensbedingungen für Frauen deshalb als einer der schwersten Ungleichheiten weltweit ein. Gleichzeitig hat eine fünfköpfige Taliban-Delegation in diesen Tagen Gespräche mit der EU-Kommission und gleich 15 Mitgliedsstaaten geführt.
"Mein erster Gedanke war, dass Deutschland für diese Gespräche der Türöffner war", sagt Rezene. "Die Debatte der letzten Monate über die Normalisierung der Taliban, der Austausch des Botschaftspersonals in Bonn und Berlin und die Abschiebungen nach Afghanistan sind für uns ein klares Zeichen, dass Deutschland hierfür den Weg geebnet hat. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, die Taliban einzuladen und mit ihnen zu sprechen, wird dazu führen, dass sich diese Kontakte verstetigen. "
"Alexander Dobrindt fährt einen extrem harten Kurs – und kooperiert dafür ausgerechnet mit einem Regime, das elementare menschenrechtliche Standards verletzt und jede neue Abhängigkeit strategisch ausnutzt. Was der Bundesinnenminister macht, ist zu kurz gedacht: Die Taliban werden sich nicht mit kleinen Abschiebedeals zufriedengeben, sondern jede Abhängigkeit nutzen, um weitere politische Zugeständnisse zu erzwingen", so Rezene.
Auch Hamid Nangialay Kabiri ist davon überzeugt, dass die Taliban ihre Machtposition ausnutzen und auch in Zukunft Abschiebungen blockieren werden, sollte man ihren Forderungen nicht nachkommen. Seine Stimme werde auf jeden Fall auch in Zukunft nicht verstummen, versichert er. Der frühere Generalkonsul Afghanistans warnt:
"Wenn Menschen vor den Taliban fliehen und man diese dann dazu drängt, ihnen Dokumente vorzulegen, dann können die Menschen, die in Deutschland leben, leicht aufgespürt werden. Und die Taliban können außerdem ihre Familien in Afghanistan problemlos ausfindig machen. Wer sind die Eltern? In welcher Provinz leben sie? Und in welchem Dorf? "