Ungarns neuer Premier Magyar stellt Orbans Luxus-System bloß

Die Masken von Autokraten und Diktatoren fallen oft, wenn nach ihrem Sturz Bilder ihres heimlichen Luxus-Lebensstils öffentlich zu sehen sind - man denke an den rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu oder den früheren ukrainischen Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch. Die Aufnahmen ihrer goldenen Toiletten gruben sich tief ins kollektive historische Gedächtnis ihrer Länder ein.

Nun erleben auch Viktor Orban und die Spitzen seines abgewählten Systems einen solchen Moment: Kurz vor dem offiziellen Antritt der neuen ungarischen Regierung am Mittwoch (13.05.2026) veröffentlichte der Ministerpräsident Peter Magyar seit Montagabend auf Facebook Videos von Rundgängen durch Orbans Amtssitz auf der Budaer Burg sowie durch zwei Ministerien. Bei den Touren durch die palastartigen Bauten waren zwar keine goldenen Toiletten zu sehen, dafür aber gigantische Räumlichkeiten mit Luxus-Ausstattung.

Damit nicht genug: Orban, der sich selbst gern als "Dorfkind" bezeichnet, um seine Verbundenheit mit den einfachen Menschen hervorzuheben, hatte seinen Amtssitz mit fast einhundert wertvollen Gemälden ausstatten lassen - geordert aus der Sammlung der staatlichen ungarischen Nationalgalerie wie aus einem persönlichen Kunstkatalog.

Im Beisein mehrerer Minister sprach Magyar während der Rundgänge von einem "Ceausescu-Feeling". Er berichtete zugleich von früheren Besuchen in verfallenden Krankenhäusern und Schulen. Eines der Videos wurde binnen eines Tages acht Millionen Mal angeklickt - bei einer Bevölkerung von knapp zehn Millionen in Ungarn.

Wut und Genugtuung

Die Vorführung von Orbans Palästen und der größenwahnsinnigen Luxuswelt seiner Machtelite - in einem Land, das verfällt: Nach außen hin mag ein solcher Regierungsantritt wie billiger Populismus wirken. Bei vielen Ungarn lösen die Aufnahmen aber Wut aus - und Genugtuung sowie das Gefühl, die eigene Würde zurückzuerhalten, weil die Elite nun bloßgestellt wird. Zu verstehen ist das nur, wenn man sich die jahrelange Willkür, die Selbstherrlichkeit und die demütigenden Anmaßungen der Orban-Ordnung vergegenwärtigt, die viele Ungarn immer unerträglicher fanden.

Man kann davon ausgehen, dass Peter Magyar seinen Regierungsstil in dieser Weise weiterführen wird. Bei seiner Vereidigung am Samstag (9.05.2026) im ungarischen Parlament ließ der neue Premier keinen Zweifel daran, dass er einen tiefgreifenden Systemwandel anstrebt. Als oberstes Ziel nannte er, die gespaltene ungarische Gesellschaft miteinander zu versöhnen. Das aber setze voraus, Gerechtigkeit zu schaffen, betonte Magyar. Gerechtigkeit wiederum gebe es nicht, ohne dass man der Realität des Orban-Systems ins Auge sehe und sie aufarbeite, moralisch wie juristisch.

Ein Tag voller Symbolik

Diese Aufarbeitung begann bereits an jenem Samstag, den Magyar zum "Tag des Systemwandels" erklärt hatte - ein Tag voller Symbolik. Ungarische Journalisten konnten kaum fassen, dass sie erstmals wieder frei aus dem Parlament berichten konnten - unter Orban war das fast vollständig verboten gewesen. Als erste Amtshandlung ordnete die neue Parlamentspräsidentin Agnes Forsthoffer an, die Europafahne wieder am Gebäude zu hissen - zwölf Jahre nach ihrer Entfernung.

Erstmals wurde während einer Parlamentssitzung die inoffizielle Roma-Hymne Ungarns gespielt - von einem Ensemble aus Roma- und Nicht-Roma-Kindern. Magyars Antrittsrede geriet zu einer verbalen Abrechnung mit dem vorherigen System, wie sie im ungarischen Parlament selbst 1990 nicht zu hören gewesen war. Orban selbst fand nicht den Mut zu kommen - obwohl es Brauch im ungarischen Parlament ist, dass sich der scheidende und der künftige Regierungschef dort die Hand geben.

Später sang auf dem Parlamentsplatz die bekannte, in einem Kinderheim aufgewachsene Roma-Popsängerin Ibolya Olah das melancholisch-patriotische Lied "Es gibt ein Land - Ungarn". Sie hatte es seit vielen Jahren nicht mehr gesungen, weil ungarische Nationalisten ihr als Romni das Recht absprachen, es zu singen und sie bei Konzerten bedrohten. Am Samstag aber strömten zu ihrem Gesang auf ein Zeichen der Parlamentspräsidentin hin Tausende Menschen auf einen zuvor abgesperrten Bereich des Parlamentsplatzes - es war einer der bewegendsten symbolischen Momente des Machtwechsels.

Kabinett namhafter Experten

In hohem Tempo ging es am Montag und Dienstag mit der Anhörung der Ministerkandidaten und ihrer anschließenden Vereidigung weiter - immerhin wurde damit der Akt des formalen Machttransfers nach 16 Jahren Orban in der Rekordzeit von genau einem Monat bewältigt. Im Kabinett sind, auch das neu in Ungarn, fast nur namhafte Experten ihres Fachgebiets vertreten, die mit Politik bisher wenig oder nichts zu tun hatten: die Diplomatin und Energieexpertin Anita Orban als Außenministerin, ein ehemaliger Ölkonzern-Manager als Wirtschaftsminister, ein orthopädischer Chirurg als Gesundheitsminister, dazu führende Juristen sowie Finanz-, Bildungs- und IT-Fachleute.

Manche Vorhaben der neuen Regierung sind längst bekannt wie die Schaffung einer unabhängigen Anti-Korruptionsbehörde und eines Amtes zur Rückgewinnung illegal erlangter Vermögen. Premier Magyar und sein Kabinettsminister Balint Ruff kündigten eine der umfassendsten Untersuchungen zu Staatsausgaben an, die es in Ungarn je gab. Im Herbst sollen endlich die Namenslisten Agenten des Staatssicherheitsdienstes der kommunistischen Diktatur in Ungarn (1945-89) veröffentlicht werden - ein seit 30 Jahren immer wieder verschlepptes Vorhaben.

Regierungssitzung in einem Dorf

Viele Ankündigungen sind eigentlich übliche demokratische Praxis in EU-Ländern - in Ungarn jedoch klingen sie jetzt geradezu revolutionär: die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Justiz und der  Autonomie der Universitäten, Dialog mit der Zivilgesellschaft und den Medien, ein gerechtes, transparentes Wahlsystem, eine breite Debatte über Gleichstellung, Abtreibung und die Homoehe.

Die erste Regierungssitzung verlegte Peter Magyar am Mittwoch (13.05.2026) symbolisch in das südungarische Dorf Opusztaszer, ein mythischer Ort, an dem die Anführer der ungarischen Nomadenstämme im Jahr 896 ihre Zelte aufgeschlagen haben sollen - der Auftakt zur späteren Staatsgründung Ungarns. Heute ist die Gegend von starker Trockenheit betroffen. Das soll eines der Themen der ersten Regierungssitzung sein.

Insgesamt hat Peter Magyar für sich und seine Regierung so hohe Ziele gesteckt wie kein anderer ungarischer Premier seit 1990, vor allem moralisch. Einer der ersten persönlichen Tests wird nun eine von ihm selbst angekündigte drastische Gehaltskürzung. Denn auch das gehörte zu Orbans Ordnung: Der abgewählte Autokrat hatte im Verhältnis zum nationalen Durchschnittslohn das höchste Gehalt aller europäischen Premiers.