Von Merz bis Weidel: Wie Medien Politiker-Images schaffen

"Es gibt ein paar Dinge, auf die Friedrich Merz großen Wert legt. Pünktlichkeit, Höflichkeit, Respekt. Bürgerliche Umgangsformen eben. Gutes Benehmen ist dem CDU-Chef wichtig, auch wenn er sich selbst gelegentlich eine Ausnahme gestattet." So charakterisiert der Spiegel im Mai 2024 den damaligen Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, der ein Jahr später zum Bundeskanzler gewählt wird.

Nur Symbolpolitik oder steckt mehr dahinter?

 Merz sorgt immer wieder mit umstrittenen Äußerungen für Schlagzeilen - sei es zu sogenannter Ausländerkriminalität, Migration und Stadtbild oder die Zukunft der Rente. Agiert er authentisch? Handelt es sich um Symbolpolitik? Und welchen Anteil haben Medien daran, wie Politiker und Politikerinnen öffentlich wahrgenommen werden?   

Antworten finden sich in der Studie "Politikstile - Wie Medien sie deuten und warum Emotionen und Symbole das Demokratievertrauen beeinflussen". Sie ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Heinrich-Böll-Stiftung, die den Grünen nahesteht, und der staatlichen NRW School of Governance. Für die Analyse wurden über 600 Presse-Artikel ausgewertet, die zwischen 2021 und 2025 erschienen sind. 

Rhetorik, Kleidung, Körpersprache

Mit Politikstil ist die Art und Weise gemeint, wie Politiker und Politikerinnen reden und sich - bewusst oder unbewusst - in Szene setzen. Es geht um Rhetorik, aber auch um Kleidung und Körpersprache. Und das sei relevant, betont Studien-Autorin Kristina Weissenbach: "Weil wir Bürgerinnen und Bürger das nur durch Medien vermittelt erleben und dadurch unser Vertrauen in die Politik beeinflusst wird."

Ein zentraler Befund lautet, dass in den untersuchten Artikeln emotionale Zuschreibungen dominieren: Charaktereigenschaften, tatsächliche oder unterstellte, Mimik und Gestik. "Das Substanzielle, die Sachkompetenz, wird selten aufgegriffen und wenn, dann vor allem bei männlichen Politikern", betont Weissenbach.

Frauen und Männer werden unterschiedlich skizziert  

Im Studientext heißt es dazu: "Wenn Leitmedien Rhetorik und Kommunikationskompetenz als stilprägend hervorheben, verknüpfen sie diese bei Politikerinnen eher mit Empathie und Emotion, bei Politikern eher mit Sachkenntnis."

Bei Frauen werde häufiger das Erscheinungsbild thematisiert. Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek ist dafür ein Musterbeispiel: "Bröckelnder Lippenstift in Kommunismus-Rot. Hauptsache, es sieht auf gar keinen Fall so aus, als habe sich jemand zu lange mit seinem Äußeren beschäftigt, zu viel Zeit oder zu viel Geld investiert", schreibt die Welt im Februar 2025.

Alice Weidel: Alles reine Fassade? 

Im selben Monat beschäftigt sich der Stern kurz vor der Bundestagswahl mit Alice Weidel, Partei- und Fraktionsvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD): "Den eigenen Auftritt kuratiert sie sorgsam bis ins letzte Detail. An diesem Tag trägt sie ein dunkles Kostüm, weiße Bluse samt Einstecktuch, kombiniert mit einer Perlenkette, ihrem Erkennungszeichen. Die Berufskleidung schützt sie und sorgt für die nötige Distanz, aus der sie kontrolliert Nähe zulassen kann."

Ein ähnliches mediales Muster findet sich in einem 2021 veröffentlichten Spiegel-Artikel über Sahra Wagenknecht, die damals noch der Linken angehört: "Sie ist die Frau mit den strengen Kostümen und den guten Manieren, die Linke mit dem konservativen Look und der bürgerlichen Bildung. Eine Marke."

Christian Lindner – der Mann mit "Starpower"?

Männer werden viel seltener aufgrund ihres Erscheinungsbildes medial in den Blick genommen. Eine Ausnahme ist der frühere FDP-Chef Christian Lindner: Symbolhafte Kleidung, Marken, Schmuck oder Autos schaffen Identifikationsmomente, heißt es über ihn in der Studie über Politikstile.

Der Focus schreibt im Mai 2023 über den damaligen Bundesfinanzminister: "Christian Lindner hat über die Jahre das entwickelt, was US-Marketingexperten 'Starpower' nennen. Im Umfeld von Porsche-Fahrern, iPhone-Usern und den Trägern eines taubenblauen Boss-Anzuges ist seine Reichweite am höchsten. Aber auch Start-Upper und traditionelle Familienunternehmer zählen zu seinen Followern."

Olaf Scholz und der "rasierte Kopf"

Eine Art Gegenentwurf ist Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz, den der Focus Ende 2023 nach zwei Jahren im Amt als tendenziell langweiligen Bürokratentyp portraitiert: "Die Anzüge, nicht zu modisch, aber auch nicht zu billig. Die Aktentasche von Bree, die noch aus der Referendariatszeit stammt. Und natürlich der rasierte Kopf. Vielen verleiht der kahle Schädel etwas latent Bedrohliches, bei Scholz signalisiert die Glatze nur: wieder Geld für den Friseur gespart."

In der Politikstil-Studie der Böll-Stiftung und NRW School of Goverance wird Scholz auch als Musterbeispiel dafür genannt, wie schnell sich ein medial vermitteltes Image verändern kann. "Aspekte wie 'ruhig sein', die 2021 noch positiv gedeutet wurden (in sich ruhen, moralisch anständig), werden 2025 negativ eingeordnet (führungsschwach)." Daran sehe man, dass Deutungen von Politikstilen einem Zeitgeist unterlägen.

Kann Friedrich Merz die Ruhe bewahren?

Diese Erfahrung muss auch Scholz-Nachfolger Merz machen. Das Handelsblatt schreibt im September 2024 über den damaligen Kanzler-Kandidaten: "Merz muss beweisen, dass er, der oft hitzig und aufbrausend wirkt, Ruhe bewahren, Souveränität ausstrahlen kann. Eigenschaften, die ein Kanzler in stürmischen Zeiten braucht."

Fazit der Studie: Das Beispiel Friedrich Merz zeige, dass die Deutung von Politikstilen immer auch ein Ringen um Deutungsmacht sei. "Leitmedien deuten Politikstile überwiegend personalisiert, symbolisch aufgeladen und emotional." Dies präge in der Bevölkerung das wahrgenommene Bild des politischen Personals - und ob ihm und der repräsentativen Demokratie vertraut werde. "Langfristig wächst das Vertrauen jedoch nicht, wenn Medien einseitig auf Emotionen und Symbole setzen."  

Berichten Medien zu oft zu negativ?

Studienautorin Kristina Weissenbach wünscht sich deshalb einen insgesamt weniger negativen Grundton: Medien müssten kritisch sein, ihrer Kontrollfunktion gerecht werden, sollten aber auch häufiger positiv berichten: "Zuversichtliche und wertschätzende Einordnung macht einen Unterschied bei den Menschen, die das lesen, die das hören, die das konsumieren."