Warum Frauen Ausdauerrekorde der Männer brechen

29 Tage lang laufen. Durch acht Länder, über die Alpen, von Triest bis nach Monaco. Rund 2000 Kilometer und mehr als 100.000 Höhenmeter. Im Schnitt drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht.

Sophie Woods, die in Rennen unter ihrem Geburtsnamen Sophie Grant antritt, hat all das hinter sich gebracht - und dabei die bisherigen Frauen- und Männer-Bestmarken auf der Via Alpina unterboten. Mehr als sieben Tage war die neuseeländische Ultraläuferin schneller als der bisherige Männerrekord. Dass sie damit nicht nur die Frauen-Bestmarke gebrochen hatte, musste sie selbst erst einmal verarbeiten.

"Wenn ich daran denke, bekomme ich Gänsehaut", sagt Woods im Gespräch mit DW. "Den Gesamtrekord zu holen, ist unglaublich." Dabei war ein Rekord gar nicht ihr einziges Ziel. "Ich war wegen des Abenteuers dort", sagt sie. Nur eine Grenze hatte sie sich ungefähr gesetzt: "Ich wollte eigentlich nicht länger als einen Monat unterwegs sein. Das war genug."

 

Ja länger die Strecke, desto kleiner der Unterschied

Woods ist nicht die einzige Frau, die in den vergangenen Jahren eine Männer-Bestmarke im Ausdauersport gebrochen hat. Rachel Entrekin gewann 2026 den rund 400 Kilometer langen Cocodona 250 in den USA und stellte dabei einen neuen Gesamt-Streckenrekord auf.

Tara Dower lief 2025 den rund 440 Kilometer langen Long Trail im US-Bundesstaat Vermont in 3 Tagen, 18 Stunden und 29 Minuten und unterbot damit die bisherige Männer-Bestmarke um 2 Stunden und 40 Minuten.

Schon 2019 gewann die deutsche Medizinerin Fiona Kolbinger als erste Frau das Transcontinental Race. Nach knapp 4000 Kilometern auf dem Fahrrad durch Europa lag sie knapp acht Stunden vor dem zweitplatzierten Mann. Im selben Jahr gewann Jasmin Paris als erste Frau das 430 Kilometer lange Spine Race in Großbritannien und verbesserte den bisherigen Streckenrekord um mehr als zwölf Stunden.

Eine große Auswertung von RunRepeat und der International Association of Ultrarunners untersuchte mehr als fünf Millionen Ergebnisse aus über 15.000 Ultramarathons. Das Ergebnis: Je länger die Strecke, desto näher kamen Frauen im Durchschnitt an die Zeiten der Männer heran.

Bei einem Marathon waren Männer in der Auswertung im Durchschnitt noch 11,1 Prozent schneller. Bei 100 Meilen (rund 160 Kilometer) betrug der Unterschied nur noch 0,25 Prozent. Bei Distanzen von mehr als 195 Meilen (rund 314 Kilometer), waren Frauen sogar durchschnittlich 0,6 Prozent schneller.

"Wir können Probleme gut lösen"

Warum also können Frauen gerade dann mithalten, wenn die Belastung immer extremer wird?

Einige körperliche Voraussetzungen könnten ihnen helfen. Frauen weisen im Durchschnitt einen höheren Anteil ermüdungsresistenter Typ-I-Muskelfasern auf und nutzen bei Ausdauerbelastungen relativ mehr Fett als Energiequelle.

Die Vorteile, die Männer unter anderem durch mehr Muskelmasse und eine höhere maximale Sauerstoffaufnahme haben, können bei extrem langen Belastungen weniger entscheidend sein als bei kürzeren Rennen. "Wahrscheinlich können wir Fett besser verbrennen und deshalb länger durchhalten", sagt Woods.

Doch für sie erklärt das nur einen Teil ihres Erfolgs. "Ich glaube, wir können unser Ego gut beiseiteschieben. Und ich glaube, wir sind gut darin, Probleme zu lösen."

Denn irgendwann geht es bei einem Ultralauf nicht mehr nur darum, wer schneller laufen kann. Wer schläft wann und wie lange? Wie viel kann der Körper noch essen? Was passiert, wenn die Füße schmerzen oder der Körper nicht mehr so reagiert wie geplant?

Woods vertraute bei diesen Entscheidungen auf ihr Team. "Ich habe mein Leben einfach in ihre Hände gegeben", sagt sie. Morgens lief sie los und hörte erst auf, wenn ihr Team es ihr sagte. "Man versucht, alles zu kontrollieren, was man kontrollieren kann. Und dann stürzt man sich einfach ins Chaos und schaut, was am Ende dabei herauskommt."

Drei Stunden Schlaf, 7000 Kalorien

Wie extrem die Belastung war, zeigte sich beim Schlaf. Woods kam im Durchschnitt auf drei bis vier Stunden pro Nacht. Gegen Ende waren es teilweise nur 90 Minuten. Wenn gar nichts mehr ging, legte sie sich für ein paar Minuten direkt neben den Trail.

"Man rollt sich einfach irgendwo am Wegesrand in einer kleinen moosbewachsenen Mulde zusammen und hofft, dass niemand denkt, man sei gestorben", erzählt sie. "Der Schlafmangel war mit das Härteste an der ganzen Sache", sagt Woods. Um drei Uhr morgens klingelte häufig schon wieder der Wecker.

Gleichzeitig musste sie versuchen, mit dem enormen Energieverbrauch mitzuhalten. Ihr Team schätzt, dass sie täglich zwischen 6000 und 7000 Kalorien zu sich nahm. Sportgetränke, Cola und Elektrolyte gehörten genauso dazu wie Burritos, Falafel-Wraps, Sandwiches, Pasta oder McDonald's-Produkte. Vieles davon aß sie im Laufen.

In den Dolomiten kamen Hitze und Schmerzen hinzu. "In den Dolomiten habe ich mir die Augen ausgeheult", sagt Woods. "Mir war unglaublich heiß. Ich hatte starke Schmerzen. Ich war total angeschwollen. Ich schleppte mich nur noch vorwärts und dachte einfach: Ich weiß nicht, ob ich das schaffe."

Aufhören wollte sie trotzdem nicht.

Frauen in der Sportforschung lange vernachlässigt

Für Woods wirft ihr Rekord noch eine andere Frage auf: Was könnten Frauen im Ausdauersport erreichen, wenn ihre Körper genauso gut erforscht wären wie die von Männern?

Über Jahrzehnte hat sich ein Großteil der Sport- und Medizinforschung an männlichen Athleten orientiert. "Als Frau muss man bei solchen Studien sehr genau hinschauen, wer eigentlich untersucht wurde, denn oft sind es einfach zehn männliche Radsportler", sagt Woods.

Frauen seien lange als kompliziertere Forschungsobjekte betrachtet worden, unter anderem wegen des Menstruationszyklus. "Wir Frauen wurden in der Forschung jahrzehntelang einfach vernachlässigt." Zwar habe sich inzwischen einiges verändert, doch Woods geht es nicht schnell genug. "Als Frauen kämpfen wir in der Sportwelt um die Krümel, die für uns übrig bleiben", sagt sie. "Wir kämpfen um mehr Berichterstattung, wir kämpfen um mehr Forschung, wir kämpfen um mehr Sponsoring."

 

Dass Frauen grundsätzlich bessere Ausdauerathletinnen sind als Männer, lässt sich aus einzelnen Rekorden nicht ableiten. Männer halten weiterhin viele Bestzeiten und sind auf kürzeren Distanzen im Durchschnitt deutlich schneller. Doch bei sehr langen Ausdauerwettbewerben kann der Leistungsunterschied kleiner werden. Laut BBC bezeichnete der Sportphysiologe Nicholas Tiller Ausdauerdistanzen deshalb als "the great equaliser": Bei extrem langen Belastungen können Faktoren wichtiger werden, die über die körperlichen Maximalwerte hinausgehen.

Woods interessiert sich ohnehin weniger dafür, wer auf dem Papier einen Vorteil hat. Ihre Botschaft an andere Frauen ist eine andere. "Ich glaube, das Mutigste, was man tun kann, ist, es zu versuchen", sagt sie. "Trau dich an das heran, was dir Angst macht. Es spielt keine Rolle, was am Ende dabei herauskommt, denn zumindest hast du es versucht. "