Abhängigkeit, selbst verletzendes Verhalten, Selbstmord: Die sozialen Medien, deren Strategie auf die Interaktion mit den Nutzern ausgerichtet ist, stehen unter massiver Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, eine suchtartige Nutzung zu fördern und schwere psychische Schäden hervorzurufen, insbesondere bei Kindern.
So konnte Meta, Eigentümer von Facebook, im vergangenen Jahr beispielsweise Rekordeinnahmen aus Werbung in Höhe von 196,2 Milliarden US-Dollar (168,3 Milliarden Euro) verbuchen – alles dank seiner Fähigkeit, Nutzer und Nutzerinnen an seine Bildschirme gefesselt zu halten.
Dieses Geschäftsmodell trifft mittlerweile aber auf große rechtliche und regulatorische Hürden.
Im jüngsten großen Rechtsstreit reichten 29 US-Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Colorado und New Jersey, Anfang des Monats Klage gegen Meta ein. Sie warfen dem Social-Media-Riesen vor, er habe seine Plattformen absichtsvoll so gestaltet, dass junge Nutzende süchtig danach werden.
In einem am Mittwoch bekannt gewordenen Vergleich erklärte Meta sich bereit, bis zu 18 Milliarden US-Dollar (15,5 Milliarden Euro) an 47 Bundesstaaten, den District of Columbia und die US-Territorien zu zahlen.
Weltweit haben Regierungen die Regeln in den vergangenen Jahren verschärft, doch den Gesetzgebern fällt es schwer, mit der rasanten Entwicklung der Technologie Schritt zu halten.
"Unternehmen dieser Größenordnung, die so viel Einfluss auf das Leben von Menschen haben, müssen grundlegende Sicherheitsstandards erfüllen", fordert Camille Carlton, die die Abteilung für Strategie und Wirkung beim Center for Humane Technology leitet, gegenüber der DW.
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Nach Jahren der Blockade wächst in den USA mittlerweile sowohl bei Demokraten als auch bei Republikanern die Unterstützung für strengere Regeln, um Kinder mithilfe des Kids Online Safety Act (KOSA) vor den Gefahren der sozialen Medien zu schützen.
"Die Technologie entwickelt sich so rasant und die Hinweise, dass sie Schaden anrichten, häufen sich so schnell, dass ich sehr optimistisch bin, dass in der nächsten Sitzungsperiode des Kongresses ein wichtiges Gesetz verabschiedet werden wird", sagt Sozialpsychologe Jonathan Haidt, Autor des Buchs "Generation Angst", im Politico-Podcast "The Conversation" vergangene Woche.
In Deutschland hat Cornelia Sindermann, Psychologie-Professorin an der Charlotte-Fresenius-Hochschule in Heidelberg, die Haltung Nutzender zu alternativen Social-Media-Modellen untersucht.
In ihrer Studie aus dem Jahr 2024 stellte Sindermann fest, dass mehr als die Hälfte der Erwachsenen und zwei Drittel der Jugendlichen bereit wären, für eine Art öffentlich-rechtliche, mit deutlich strengeren Sicherheitsvorkehrungen ausgestattete Version von beispielsweise Facebook, zu bezahlen.
Auch wenn die Social-Media-Plattformen "Teile ihres Geschäftsmodells neu erfinden und zusätzliche Einkommensquellen erschließen", bezweifelt Sindermann, dass diese Alternativen die beliebtesten Social-Media-Plattformen ersetzen würden.
Den Gesetzgebern stellt sich noch ein weiteres Problem: Eben jene Social-Media-Plattformen, die von Milliarden von Menschen genutzt werden, investieren Hunderte von Milliarden US-Dollar in hochkarätige Projekte im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI).
Die Tech-Riesen werden immer mächtiger und ihre neuen KI-Projekte erweisen sich als ebenso schwierig zu regulieren. Experten äußern sich zunehmend besorgt, dass genau die problematischen Praktiken, die die sozialen Medien formten, nun in deutlich leistungsfähigere KI-Produkte integriert werden.
Während die sozialen Medien also um unsere Aufmerksamkeit buhlen, ist KI mittlerweile in der Lage, das Denken, Verhalten und die Beziehungen der Menschen auf nur schwer vorstellbare Weise zu beeinflussen, meint Carlton.
"Wenn die Anreize, die ein Produkt erfolgreich machen, nicht im Einklang mit dem menschlichen Wohlergehen stehen, können wir nicht erwarten, dass die Unternehmen aus sich heraus das öffentliche Interesse in den Mittelpunkt stellen", warnt Carlton.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.