Huda Khayti kehrt immer wieder an einen Ort zurück, an dem sie fast alles verloren hat. Die syrische Frauenrechtsaktivistin überlebte 2013 in Ost-Ghouta einen Chemiewaffenangriff des Assad-Regimes.
Nun hat in Syrien auch die juristische Aufarbeitung der Verbrechen des Assad-Regimes begonnen. Mitte August verurteilte ein Gericht in Damaskus den ehemaligen Machthaber Baschar al-Assad und weitere hochrangige Vertreter des früheren Regimes in Abwesenheit zum Tode. Assad wurde unter anderem wegen vorsätzlichen Mordes, Folter und Freiheitsberaubung verurteilt; das Gericht stufte die Taten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen ein.
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Trotzdem hatte das Urteil in Syrien große Wirkung. "
Syriens stellvertretender Justizminister Mustafa al-Qasim in der Regierung unter Ahmad al-Scharaa sagte im August, sein Land habe eine Kommission für die Zusammenarbeit mit Interpol eingerichtet. Die Kooperation anderer Staaten bei der Auslieferung geflohener Beschuldigter könne die juristische Aufarbeitung beschleunigen.
Rana Sheikh-Ali von der feministischen Non-Profit-Initiative Peace Circuit Foundation (Darat Salam auf Arabisch) in Damaskus hält Assads Prozess ebenfalls eher für symbolisch. Aus menschenrechtlicher Perspektive lehne sie die Todesstrafe ab, sagt sie. Zugleich hätten viele Menschen die Todesurteile gegen Assad und andere als Gerechtigkeit empfunden.
Doch die Strafverfolgung einzelner Verantwortlicher ist nur ein Teil dessen, was Syrien nun bewältigen muss. Transitional Justice, auf Deutsch Übergangsjustiz, umfasst neben Strafprozessen auch die Suche nach Verschwundenen, die Aufklärung von Verbrechen, Wiedergutmachung und institutionelle Reformen. Im Zentrum sollen dabei die Opfer und Überlebenden stehen.
Einen davon hat Khayti 2013 überlebt. Sie befand sich nur wenige Kilometer vom Zentrum des Angriffs in Ost-Ghouta entfernt. "
Für eine opferzentrierte Übergangsjustiz reicht es jedoch nicht, Überlebende vor Gericht als Zeugen anzuhören. Sie sollen selbst Einfluss darauf haben, wie die Verbrechen aufgearbeitet werden, sagt Expertin Rana Sheikh Ali: "Ein zentraler Bestandteil von Übergangsjustiz ist, die Opfer, ihre Familien und Angehörigen ins Zentrum zu stellen", sagt Sheikh-Ali. "Es geht nicht nur darum, Täter zu verurteilen." Betroffene müssten freiwillig und geschützt am Prozess beteiligt werden, sagt sie - indem sie ihre Geschichte erzählen können, aber auch bei Fragen von Entschädigung, wirtschaftlicher Unterstützung und öffentlicher Anerkennung gehört werden.
Für Betroffene wie Huda Khayti bedeutet das auch, Verantwortung nicht auf Assad und einige Spitzenfunktionäre seines Regimes zu beschränken. "Ich will auch die Leute verurteilt sehen, die Berichte geschrieben haben, damit Menschen im Foltergefängnis Sednaya landen. Diese Person ist genauso schuldig wie die Folterer selbst." Doch noch ist offen, wie umfassend Syrien seine Vergangenheit tatsächlich aufarbeiten wird.
Sophie Bischoff, Geschäftsführerin von Adopt a Revolution, einer deutsch-syrischen Menschenrechtsorganisation, die zivilgesellschaftliche Initiativen wie die von Khayti in Syrien unterstützt, sagt: "Abwesenheitsurteile gegen Assad und weitere Verantwortliche sind ein wichtiges Signal gegen die jahrzehntelange Straflosigkeit. Für Überlebende wie Huda Khayti bleiben Abwesenheitsurteile symbolisch, solange die Verurteilten nicht tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden - und intransparent bleibt, wer zur Rechenschaft gezogen wird, auf welcher gesetzlichen Grundlage und wem Straffreiheit eingeräumt wird."
Bischoff verweist zugleich auf Lücken bei der Aufarbeitung: "Eine umfassende Aufarbeitung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen steht bislang noch aus. Bisher waren es vor allem syrische zivilgesellschaftliche Organisationen und Menschenrechtsaktivisten und -aktivistinnen, die seit Jahren Fälle recherchiert und dokumentiert haben. Eine systematische staatliche Erfassung der Gewaltverbrechen der Ära des Assad-Regimes steht noch am Anfang. "
Erste staatliche Strukturen entstehen. Ende August startete die Nationale Kommission für Vermisste Personen das nationale "Athar"-Programm, über das Familien Daten ihrer gewaltsam verschwundenen Angehörigen einreichen können.
Die Nationale Kommission für Übergangsjustiz befasst sich dagegen bislang nur mit Verbrechen des Assad-Regimes. Bischoff kritisiert diese Beschränkung: Das greift entschieden zu kurz: Für eine umfassende Aufarbeitung und den Neuanfang in einem Syrien für Alle müssen die Kriegsverbrechen aller Kriegsparteien einbezogen werden.“
Für Khayti hat die Forderung, Opfer ins Zentrum der Aufarbeitung zu stellen, noch eine andere Seite. Gehört zu werden bedeutet für sie auch, das Erlebte immer wieder hervorzuholen. "Es fällt mir schwer darüber zu reden, und ich habe oft das Gefühl, das nochmal zu durchleben", sagt sie.
Eine opferzentrierte Übergangsjustiz müsse deshalb beides ermöglichen, sagt Sheikh Ali: Beteiligung und Schutz derjenigen, die diese Beteiligung leisten. In Duma arbeitet Khayti heute auch daran, die Erinnerung an die vergangenen Jahre zu bewahren. "Wir müssen die jüngeren Menschen darüber informieren, damit die Erinnerung nicht erlischt."
Es gehe jetzt auch darum, Vermisste zu finden, weitere Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen, Verbrechen umfassend aufzuarbeiten - und den Menschen, die sie überlebt haben, eine Stimme zu geben. "Wir werden weiter laut sein", sagt Khayti. " Und wir werden weiter Gerechtigkeit fordern."