Die internationale Sicht auf Syrien hat sich im vergangenen Jahr stark verändert.
Erste Schritte in diese Richtung gibt es bereits. Anfang April öffneten Syrien und Irak ihren Grenzübergang wieder. Dadurch können irakische Öltanker über syrisches Gebiet Mittelmeerhäfen erreichen.
Mitte April berichtete das Londoner Magazin 'Al Majalla' über ein geleaktes Papier, das demnach mutmaßlich vom US-Sondergesandten für Syrien, Tom Barrack, stammt. Darin ist von einer "Landbrücke durch Syrien" die Rede - gemeint sind neue Pipelines, die Öl und Gas aus den Golfstaaten und dem Irak über Syrien nach Europa transportieren könnten.
Dass Syrien heute als möglicher Gewinner des Iran-Krieges gilt, hat auch mit der neuen politischen Führung zu tun.
Die Übergangsregierung besteht aus Rebellen und sunnitischen Islamisten, die Ende 2024 den langjährigen Machthaber Baschar al-Assad gestürzt haben. Der Iran und verbündete Gruppen wie die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah hatten Assad jahrelang unterstützt und gegen genau diese Gruppen gekämpft.
"Die neue Führung in Damaskus will vor allem verhindern, dass Syrien erneut Schauplatz regionaler Konflikte wird", sagte Kheder Khaddour vom Carnegie Middle East Center bei einer Diskussion im März. Deshalb versuche die Regierung vor allem, die Folgen des Krieges einzudämmen, statt sich direkt einzumischen.
Die neuen Machthaber haben sich deutlich vom Iran distanziert. Sie kontrollieren die Grenzen stärker und gehen gegen Waffen-, Geld- und Drogenschmuggel vor. Damit treffen sie auch Netzwerke proiranischer Gruppen im Irak und im Libanon.
Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa versucht gleichzeitig, Syriens neue Rolle offensiv zu vermarkten.
Auch Europa umwirbt die neue Führung in Damaskus. Nach einem Besuch des einst als militanter Islamisten-Führer geltenden Politikers in Berlin sagte etwa Bundesaußenminister Johann Wadephul im März, Syrien sei ein strategisches Bindeglied zwischen Europa, den Golfstaaten und dem indo-pazifischen Raum.
Ende April schlug die Europäische Kommission vor, das seit 1978 bestehende Kooperationsabkommen mit Syrien wieder aufzunehmen. Für den 11.
"Al-Scharaas verstärkte diplomatische Offensive seit Beginn des Krieges deutet darauf hin, dass Syrien sich als konstruktiver und wichtiger Akteur präsentieren will", sagte auch Carmit Valensi vom israelischen Institute for National Security Studies in einem Experten-Briefing Ende März.
Die möglichen wirtschaftlichen Chancen gehen weit über den Öltransport hinaus. Syrien spricht inzwischen auch mit internationalen Energiekonzernen über die Förderung eigener Öl- und Gasvorkommen. Zudem könnten Handelsrouten zwischen Irak, Syrien und Jordanien ausgebaut werden. Das gilt für Straßen und Bahnstrecken ebenso wie für Stromnetze und Logistikzentren.
Auch für die digitale Infrastruktur könnte Syrien wichtig werden. Im April warnte der Iran davor, dass Unterseekabel in der Straße von Hormus Ziel von Angriffen werden könnten. Saudi-Arabien erklärte wegen solcher Gefahren bereits im Februar, neue Glasfaserkabel künftig lieber über Syrien und Griechenland verlegen zu wollen statt über Israel.
"Das Interesse von Investoren ist real", schrieb der syrische Journalist Mazen Ezzi in 'The Amargi', ein auf den Nahen Osten spezialisiertes Online-Medium mit Sitz in Leipzig. "Doch es bleibt abhängig von politischer Stabilität, klaren regulatorischen Rahmenbedingungen, Sicherheitsgarantien und dem Wiederaufbau grundlegender Infrastruktur."
Genau daran fehlt es bisher vielerorts. Syriens Institutionen gelten als schwach, das Finanzsystem ist fragil. Hinzu kommen Spannungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die Gefahr neuer Gewalt durch extremistische Gruppen wie den sogenannten Islamischen Staat (IS). Viele Straßen, Leitungen und Anlagen sind zerstört oder veraltet. In zahlreichen Regionen liegen noch immer Minen und Blindgänger aus dem Bürgerkrieg.
Das Analyse-Unternehmen Karam Shaar Advisory, eine auf die syrische Wirtschaft spezialisierte Beratungsfirma, warnt deshalb in einem Artikel vor überhöhten Erwartungen. Syrien könne zwar Transitland werden.
"Der Krieg mit dem Iran hat für Syrien definitiv ein strategisches Fenster geöffnet", schrieb Haid Haid, ständiger externer Experte bei der in Paris ansässigen 'Arab Reform Initiative', in einer Analyse im April. Garantien für einen Erfolg gebe es jedoch nicht, argumentierte jedoch auch er. "Ohne nachhaltige Reformen, bessere Regierungsführung und ein glaubwürdiges Investitionsumfeld droht Syriens Rückkehr als regionales Transitland unvollständig und nur vorübergehend zu bleiben", so Haid.
Der Originaltext ist auf Englisch erschienen.