"Wir fürchten das Schlimmste" - Bahai zur Lage im Iran

Sie schildert es ganz ruhig und versucht, gefasst zu bleiben. "Vor gut drei Wochen haben Sicherheitskräfte unsere Wohnung durchsucht, persönliche Gegenstände beschlagnahmt und meinen Bruder mitgenommen. " 

Atossa Najafi ist 23 Jahre alt. Vor drei Jahren kam sie als Studentin aus dem Iran nach Deutschland und studiert seitdem Zahnmedizin an der Charité in Berlin. Aber seit diesem Tag am 6. Juni treibt sie die Sorge um den 20-jährigen Bruder Parsa und die Eltern um. "Seitdem leben wir in Ungewissheit. Wir wissen nichts von seinem Verbleib. "

Die Familie bekennt sich zur Bahai-Religion. Der Glaube entstand Mitte des 19. Jahrhunderts im damaligen Persien und versteht sich als monotheistische Weltreligion. Im Iran wird er jedoch bis heute nicht anerkannt. Die Bahai gelten dem Regime als Häretiker und werden seit Jahrzehnten verfolgt. 

Eine weltweit stark verfolgte Minderheit 

Nach Angaben von Amnesty International gehören sie zu den weltweit am stärksten verfolgten religiösen Minderheiten. In den meisten muslimischen Ländern wird ihre Religion nicht anerkannt.  Besonders im Iran sind Bahai systematischer Diskriminierung ausgesetzt. Ihnen werden Bildungs- und Berufschancen verwehrt, sie werden verhaftet, ihr Eigentum wird beschlagnahmt, Friedhöfe und Heiligtümer werden verwüstet. In den 1990er Jahren erschienen in deutschen Zeitungen regelmäßig Todesanzeigen, mit denen deutsche Bahai ihrer im Iran hingerichteten Glaubensgeschwister gedachten.

Najafi weiß das alles. Aber sie hofft. Anfangs erreichten sie kaum Informationen. "Die Mobiltelefone meiner Familie wurden bei der Durchsuchung unserer Wohnung beschlagnahmt. Sie konnten mich und Freunde von uns nicht erreichen", sagt sie. Mittlerweile habe sie gelegentlich wieder Kontakt mit den Eltern in Isfahan. Die Behörden gäben allerdings keine Auskünfte über den Zustand ihres Bruders. "Wir sind sehr besorgt, was ihm da passiert und in welchem psychischen und gesundheitlichen Zustand er sich befindet."

Die 23-Jährige sitzt im Berliner Büro der Bahai-Gemeinde. An den Wänden hängen Fotos bedeutender Heiligtümer ihrer Religion: der Bahai-Schrein an den Hängen des Karmel im israelischen Haifa sowie das "Haus der Andacht" in Hofheim am Taunus, der einzige Bahai-Tempel Europas. Die Gebäude stehen für Ruhe und Harmonie. Doch in den Büroräumen geht es vor allem um Leid und Verfolgung.

Jascha Noltenius teilt Najafis Sorge. Der 35-jährige Jurist ist Beauftragter für Menschenrechte und Regierungsbeziehungen der Bahai-Gemeinde in Deutschland. "Die Zahl der inhaftierten Bahai im Iran hat sich in den vergangenen Monaten auf 65 erhöht", sagt er der DW. Vor Beginn des Krieges zwischen Israel und dem Iran seien es rund 20 gewesen.

Es ist nicht allein die steigende Zahl der Inhaftierten, die Noltenius umtreibt. Nach Informationen der Bahai-Gemeinde seien einige Gefangene schwer gefoltert worden. Mindestens zwei Bahai seien im Gefängnis sogenannten Scheinhinrichtungen ausgesetzt worden.

"Was das bedeutet? Sie wurden auf einen Stuhl gestellt, bekamen eine Schlinge um den Hals gelegt und dachten, sie würden jetzt ihre letzten Atemzüge verbringen“, sagt Noltenius.

Der Jurist hält eine weitere Eskalation der Verfolgung für möglich. "Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen. " Er befürchtet, dass das Regime erstmals seit Beginn der 1990er Jahre wieder Bahai hinrichten lassen könnte.

Noltenius steht im Kontakt mit der Iran-Abteilung des Auswärtigen Amtes, auch mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, und dem Menschenrechts-Beauftragten der Regierung, Lars Castellucci. "Auch andere Bundestagsabgeordnete schenken uns Gehör und sichern uns zu, dass sie sich auch für die Lage der Bahai im Iran einsetzen", sagt er. Gleichzeitig ist er mit mehreren Menschenrechtsorganisationen vernetzt. 

Thomas Rachel, der Religionsfreiheits-Beauftragte der Bundesregierung, verurteilt die Verletzung der Religionsfreiheit der Bahai "auf das Schärfste". "Die etwa 300.000 Bahai im Iran würden "systematisch diskriminiert, entrechtet und verfolgt", sagt er der DW auf Anfrage. Seit Jahrzehnten seien sie wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt. So würden Gewerbescheine unter Verweis auf Bahai-Zugehörigkeit verweigert, Geschäfte willkürlich geschlossen und Vorladungen vor Disziplinarausschüsse erteilt.

Bahai-Frauen seien zusätzlich geschlechtsspezifischer Diskriminierung ausgesetzt, so Rachel.  Der Druck habe sich im Zuge der jüngsten Spannungen weiter verschärft.

Weltweit zählt die Bahai-Gemeinschaft nach eigenen Angaben rund sechs Millionen Mitglieder und ist in etwa 200 Ländern vertreten. Im Iran lebt weiterhin eine der größten Bahai-Gemeinden. Nach der Islamischen Revolution wurde die Religionsgemeinschaft 1983 verboten. Ihr geistiges Zentrum befindet sich im israelischen Haifa. In Deutschland leben rund 6000 Bahai.

Fast in jedem Land, in dem Bahai leben, gibt es laut Noltenius einen aus neun Mitgliedern bestehenden Geistigen Rat. Allein in Haifa sei eine größere Zahl von Mitarbeitern in der Administration der Gemeinschaft tätig. Sie teilten beispielsweise aktuelle Informationen über die Situation der Bahai im Iran oder koordinierten weltweite Aktionen.

Politische Patenschaften als Hilfe

Für die Gemeinden in Deutschland gehören Menschen wie Atossa Najafi längst zum Alltag: junge Iranerinnen und Iraner, die zum Studium nach Europa gekommen sind, während ihre Familien im Iran unter Druck geraten.  Najafi will deshalb aufklären. "Viele Menschen in Deutschland wissen gar nicht, was im Iran mit den Bahai passiert", sagt sie.

Auch die Einschätzungen der Gemeinde bleiben eindeutig: In iranischen Gefängnissen gehörten Bahai zu den am stärksten betroffenen Gruppen. "Man darf diese Menschen nicht vergessen", sagt Noltenius.

Politische Patenschaften wie die von Thomas Rachel für die Cousins Peyvand und Borna Naimi sollen Aufmerksamkeit schaffen. Den beiden droht nach Angaben ihrer Unterstützer die Todesstrafe. Die Vorwürfe der iranischen Behörden stehen im Zusammenhang mit den Protesten Anfang 2026. Belege seien bislang nicht vorgelegt worden.

Für Atossa Najafi bleibt das alles konkret. Sie denkt an ihren Bruder Parsa.  Sie weiß nicht, wo er ist, ob er medizinisch versorgt wird oder ob er Misshandlungen ausgesetzt ist. Jede Information könnte Klarheit bringen, oder weitere Angst. "Wir wissen einfach nicht, was mit meinem Bruder geschieht", sagt sie. "Und genau diese Ungewissheit ist das Schlimmste."